Kommentar Fachkräftemangel – und was tun Sie selbst?

Wir dürften bald am Zenit angelangt sein. Damit ist nicht die Konjunktur gemeint – Gott behüte! - sondern die durchdringenden Klagen über den Fachkräftemangel. Die Industrie-Lobby zielt in die falsche Richtung.

Gestern noch »Hiring Freeze«, Entlassungen und Kurzarbeit, heute reicht es schon wieder vorne und hinten nicht, beklagen VDI (mit IW im Schlepptau), Bitkom und DIHK einstimmig. Für Juli errechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) 36.800 fehlende Ingenieure. Der Grund: Zu wenig Absolventen. Auf 1.000 erwerbstätige Ingenieure seien im Jahr 2007 lediglich 35 Absolventen der Ingenieurwissenschaften gekommen. Eindringlich wird die Politik aufgefordert, das dringend benötigte Humankapital aus dem Ausland reinzulassen, denn schuld sei die deutsche Bürokratie. Und natürlich die verfehlte Bildungspolitik, siehe Pisa.

Aber warum finden dann hochqualifizierte Leute wie Jakob Müller (53, Elektroingenieur) keinen Job? Oder Inder wie Rahul Chandran (jung genug, DRAM-Experte)? Und so viele andere?

Der Verdacht liegt nahe, dass der eine den Unternehmen »zu alt«, der andere zu wenig deutsch kann. Das augenblickliche Klagen ist der Versuch der vereinten Industrie-Lobby, möglichst billig und schnell an junge, gute und sofort einsetzbare Leute zu kommen, unterstützt von der Drohung »sonst wird die Konjunktur abgewürgt!« Doch wie soll ein Einwanderungsgesetz langfristig die deutsche Überalterung lindern, wenn schon eine englische Muttersprache für Firmen ein entscheidender Minuspunkt ist?

Jakob Müller kann man zwar nicht jünger machen, aber sicherlich weiterqualifizieren, wenn nötig. An seiner Motivation scheitert es trotz des Alters nicht, das ist jetzt sogar wissenschaftlich belegt. Doch Weiterbildung kostet Geld und Zeit und beides wollen Firmen nicht investieren, der Aufschwung ist womöglich kurz. Über Zyklen hinaus wird leider selten gedacht.

Voraus, aber aktuell zu kurz gedacht sind die Maßnahmen, die das DIW vorschlägt.  Die Politik hierzulande würde »gut daran tun«, die Situation zu entschärfen, in dem in den Schulen Naturwissenschaften und Technik »interessanter« gestaltet würden. Selbst wenn das sofort umgesetzt und tatsächlich mehr Studienanfänger für  MINT-Fächer motivieren würde: das Ergebnis könnte man frühestens in 13 Jahren von den Hochschulen abpflücken – gegen den aktuellen Mangel hilft es nicht.  

Warum schreiben die Arbeitgeberverbände eigentlich immer Brandbriefe an Medien und Politik, und nicht an ihre Mitglieder? So wie »Ihr müsst was für euer Image tun. Ihr müsst familienfreundlicher werden. Ältere weiterqualifizieren, Junge ausbilden«. Sicherlich, es gibt solche Firmen, die das alles tun. Viele davon sind auf dem Arbeitsmarkt leider unbekannt und stehen im Schatten der großen Konzerne. Das muss sich ändern, denn Arbeitgeber-Perlen geht der Nachwuchs nie aus! Was tun Sie gegen den Fachkräftemangel? Schreiben Sie mir!