Trau keiner Statistik »Fachkräftemangel und Demographie werden dramatisiert«

Der Mathematiker und Statistiker Prof. Gerd Bosbach von der FH Koblenz beschäftigt sich mit empirischer Wirtschafts- und Sozialforschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Bevölkerungsstatistik und Demografie sowie Statistik-Missbrauch. Er warnt: »Wir werden mit Statistiken manipuliert!«
Der Mathematiker und Statistiker Prof. Gerd Bosbach von der FH Koblenz beschäftigt sich mit empirischer Wirtschafts- und Sozialforschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Bevölkerungsstatistik und Demografie sowie Statistik-Missbrauch. Er warnt: »Wir werden mit Statistiken manipuliert!«

Fachkräftemangel? Aussterbende Deutsche? Alles Panikmache, sagt der Mathematiker und Statistiker Prof. Gerd Bosbach von der FH Koblenz. »Wir werden mit Statistiken manipuliert!«, warnt er. Bosbach beschäftigt sich mit empirischer Wirtschafts- und Sozialforschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Bevölkerungsstatistik und Demografie sowie Statistik-Missbrauch.

Karriere-ing.: Herr Prof. Bosbach, halten Sie Hochrechungen zum Fachkräftemangel für übertrieben?

Gerd Bosbach: Ja. Eindeutig. Dazu muss ich noch nicht mal die Zahlen bemühen, schon rein logische Argumente lassen mich zweifeln. Das Verhalten der Mehrheit der Unternehmen entspricht keiner Mangelsituation! Sonst gäbe es höhere Gehälter und Löhne, weniger befristete Arbeitsverträge und Zeitarbeit und mehr Bemühen und Konkurrenz um potenzielle Mitarbeiter. Unternehmen würden stärker auf Arbeitslose zurückgreifen und mehr in Weiterbildung investieren. All das sehe ich in großem Maßstab aber nicht!

Aber der Anteil der arbeitslosen Ingenieure ist doch über die letzten zehn Jahre gesunken. Laut VDI von 42.364 arbeitslosen Ingenieuren über 50 Jahre auf 10.290 im Jahr 2010.  

Viele davon sind inzwischen in Rente, nicht in Arbeit. Ich bestreite auch nicht, dass es einzelne Bereiche gibt, in denen es tatsächlich weniger Bewerber gibt. Doch auch 10.290 arbeitslose ältere Ingenieure sind nicht wenig. Von einem Mangel kann man da meiner Ansicht nach nicht sprechen.

Aber der „Fachkräftemangel“ ist als Tatsache doch allgemein anerkannt,  allein schon wegen des demographischen Wandels? Es gibt immer weniger jüngere Fachkräfte. 

Warum ist der demographische Wandel als Problem in der Öffentlichkeit zementiert?  Weil alle dem Mainstream nachplappern und keiner es wagt, Zahlen in Frage zu stellen! Und je länger eine Feststellung im Raum steht und je mehr Experten sie bezeugen, umso geringer ist der Mut, sie noch in Fragen zu stellen. Angebliche Fakten zum Thema Demographie werden so zementiert. Dabei wird seit Jahren fälschlicherweise das Verhältnis erwerbstätige Junge zu erwerbslosen Älteren gemessen, um darzustellen, dass wir in Zukunft eine gefährliche Versorgungslücke bekommen könnten. Außer Acht gelassen wird dabei: Die Erwerbstätigen versorgen nicht nur Ältere sondern auch Arbeitslose und Kinder und Jugendliche. Nimmt man diesen Gesamtquotienten, so sieht die Relation weit weniger dramatisch aus. Eine Steigerung der Arbeitsproduktivität pro Kopf von rund 0,3 Prozent pro Jahr wäre ausreichend, um dem demographischen Wandel zu begegnen.

Oder nehmen Sie die weit bekanntere Beschönigung der Arbeitslosen-Zahlen. Erstmals sank die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen, hieß es gerade.
Kranke, Menschen in Bildungsmaßnahmen, Ein-Euro-Jobber und diejenigen, die von privaten Arbeitsvermittlern betreut werden, werden unter anderem da aber nicht mitgezählt, sonst läge die Zahl weit höher. Hier liegt viel Potenzial flach.

Sie meinen, der demographische Wandel sei keine Bedrohung für deutsche Unternehmen?

Politiker und Unternehmer, die wirklich Angst vor einer Überalterung der Gesellschaft haben, müssten im Bildungsbereich klotzen und nicht kleckern! In Wahrheit aber haben wir übervolle, klamme Hochschulen. In vielen fehlt aktuell das Geld für mehr Masterplätze. Ein starkes Engagement der Unternehmen an den Hochschulen sehe ich aber nicht – das sei Aufgabe der Politik, heißt es.

Als größeres Problem als eine ältere werdende Gesellschaft sehe ich eine schlecht qualifizierte. Denn nicht nur die Renten müssen durch immer weniger Junge finanziert werden, auch Arbeitslose. Abbau der Arbeitslosigkeit und intensive Bildung für Kinder und Jugendliche sind elementare Voraussetzungen zur Meisterung der Zukunft. Stattdessen verweisen Wirtschaft und Politik ständig auf die Demographie, um Rentenkürzungen durchzusetzen, die Erhöhung der Erwerbsarbeit bis 67 oder die Notwendigkeit einer privaten Rentenvorsorge.  

Wenn die Zahlen übertrieben sein sollten: Cui bono, wem sollte die Mangel-Debatte nützen?

Zurzeit scheint es fast einen Wettbewerb um die dramatischste Meldung zu geben, der Wahrheitsgehalt ist Nebensache. Auch renommierte Institute und Wissenschaftler und seriöse Zeitungen beteiligen sich daran. Von der Mangel-Debatte profitieren die, die billige ausländische Fachkräfte ins Land holen wollen, die bei der eigenen Ausbildung sparen wollen, die eine Konkurrenz-Situation für heimische Fachkräfte schüren wollen, um deren Anspruchshaltung zu senken und um die Gehälter niedrig halten zu können. Die Politik wiederum kann mit dem Phänomen „Fachkräftemangel“ von der eigenen Unfähigkeit ablenken, etwa die Arbeitslosigkeit zu senken oder Hartz IV zu reformieren.

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck

Mehr Informationen: Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff, „Lügen mit Zahlen“, Wie wir mit Statistiken manipuliert werden, Heyne Verlag 2011, 319 Seiten, 18,99 Euro. Die Autoren beschreiben in dem Buch, wie man mit der Darstellung und Präsentation von Zahlen und Fakten Ergebnisse manipulieren kann.