Jobmarkt Elektronikbranche Fachkräftemangel: Sind die Zahlen übertrieben?

VDI-Geschäftsführer Dr. Willi Fuchs auf der Hannover Messe: »Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir im Krisenjahr 2009 einen solch deutlichen Fachkräftemangel zu spüren bekommen. Tatsächlich sprechen wir von über 3 Milliarden Euro entgangener Wertschöpfung für die Bundesrepublik Deutschland«

Die permanente Beschwörung eines Ingenieurmangels soll ein möglichst hohes Überangebot schaffen, um die Auswahl zu erhöhen und Gehälter drücken zu können, sagen Kritiker.

Trotz globaler Krise konnten die Unternehmen im vergangenen Jahr 34.000 Ingenieurstellen nicht besetzen, hat das Institut der Deutschen Wirtschaft errechnet. Und das scheint selbst den VDI überrascht zu haben, der sonst immer als erster das Mantra des Fachkräftemangels wiederholt. Direktor Dr. Willi Fuchs teilte auf der Hannover Messe mit: »Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir im Krisenjahr 2009 einen solch deutlichen Fachkräftemangel zu spüren bekommen. Tatsächlich sprechen wir von über 3 Milliarden Euro entgangener Wertschöpfung für die Bundesrepublik Deutschland«. Und trotz gestiegener Arbeitslosenzahlen, so Fuchs weiter, liege die Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent bei Ingenieuren immer noch auf Vollbeschäftigungsniveau.

Andere bezweifeln solche Hochrechnungen. Etwa die »Interessengemeinschaft  der Ingenieure« (www.ig-ing.de), die sich über das Entwickler-Forum www.mikrocontroller.net gegründet hat. Markus Ebert (Name geändert) tauscht sich hier öfters aus: »Ich selbst war über ein Jahrzehnt bei großen Elektronik-Konzernen beschäftigt. Mit mir gibt es sehr viele Ingenieure, die die Ansichten des VDI nicht teilen.« Und auch von hochoffizieller Seite wurden 2008 Zweifel an den immer gleichen Verbands-Meldungen angemeldet. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) könnte selbst im Boomjahr 2008 keinen leergefegten Arbeitsmarkt feststellen und schalt die Warnungen von VDI und Co. als »teils undifferenziert und übertrieben«. Allenfalls in einigen Sparten registrierte man »Engpässe«. Der Rat der IABler: Man solle sich doch mit arbeitslosen Ingenieuren und Frauen behelfen. Langfristig, so das IAB, werde der demographische Wandel jedoch zum Problem für die Firmen werden - mehr Anstrengungen in Bildung und mehr Hochschulabgänger seien vonnöten.

Die von der vergeblichen Jobsuche frustrierten Elektroingenieure können das alljährliche »Gejammere« der Industrie nicht mehr hören: »Die Zahlen sind maßlos übertrieben und dazu noch falsch interpretiert. Sie sind Ergebnis eines Vervielfachungsfaktors, der durch die Stellengesuche der auftragnehmenden Zulieferfirmen und Ingenieurdienstleister sowie der Personalberater hervorgerufen wird.« schreibt die Interessengemeinschaft der Ingenieure auf www.ig-ing.de.

Wie belastbar ist dieser Vorwurf? Immerhin: es ist heutzutage durchaus üblich, dass Elektronikfirmen Stellenbesetzungen an mehrere Headhunter vergeben - die ihrerseits das jeweilige Stellengesuch veröffentlichen - und erst bei erfolgter Besetzung für die Vermittlung zahlen. Auch dass Zulieferfirmen, um einen Auftrag zu bekommen, genauso wie potenzielle Kunden für ein und dasselbe Projekt im Vorfeld Ingenieure suchen, ist gängig. Die Interessengemeinschaft der Ingenieure geht davon aus, dass so etwa 3 - 10 mal mehr Stellengesuche existieren, als echter Bedarf vorhanden ist. Ein Großteil dieser Gesuche diene zudem nur der frühzeitigen Beschaffung von Ersatz für künftig ausscheidende Mitarbeiter, so die Kritik, das aber sei noch kein »Mangel«.  Den eigentlichen Grund für die permanente Beschwörung eines ›Ingenieurmangels‹ vermuten sie im Bestreben der Industrie, ein möglichst hohes Überangebot zu schaffen, um mehr Auswahlmöglichkeit zu haben und - dank höheren Wettbewerbs unter Ingenieuren - Gehälter drücken zu können.

Die aktuelle Studie von VDI und dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) untersuchte zudem, in welchen Branchen die rund 1,5 Millionen ausgebildeten Ingenieure arbeiten. »Jeder vierte Akademiker in Deutschland ist Ingenieur. Aber nur die Hälfte aller Ingenieure arbeitet in diesem Beruf. Das belegt, wie gut die Ingenieurausbildung und wie flexibel jeder Ingenieur in der Berufswahl ist«, betonte Fuchs. Laut der Studie sind zum Beispiel knapp 10 Prozent aller Ingenieure in wirtschaftswissenschaftlichen Berufen tätig. »Es gibt einen Wettbewerb um die Kreativität der Ingenieure. Der gesamte Arbeitsmarkt fragt das Know-how ab, denn viele Berufszweige verlangen innovative Konzepte, die Ingenieure ihnen bieten.«

Die Fachkräftemangel-Kritiker halten diese Aussage für zynisch. Flexibel in der Berufswahl müsse man als Ingenieur nur deshalb sein, weil adäquate Jobs rar gesät seien. Auf dem Portal www.mikrocontroller.net tauschen sich Betroffene aus, frustriert von zahlreichen erfolglosen Bewerbungen. Eine eigene Interessenvereinigung für Arbeitnehmer hat eine Gruppe von Ingenieuren nun ins Leben gerufen, weil der VDI und all die anderen Verbände doch nur das Wohl der Arbeitgeber im Sinn hätten. »Es gibt definitiv keinen Mangel an Ingenieuren. Vereinzelt fehlen Eierlegende Wollmilchsäue, das war's aber auch schon.«, so ein User.

Auch anderswo im Internet machen Betroffene ihrem Ärger Luft: »Mir sträuben sich die Nackenhaare, wenn ich über einen MINT-Mangel lese«, berichtet eine Absolventin mit Namen »Karen« auf www.gruendersite.de. »Mein Semester hat vor einem Jahr an der Uni Erlangen abgeschlossen. Und obwohl im Vergleich zum Anfangssemester ca. 40 Prozent den Studiengang nicht geschafft haben, sind nur ca. fünf  Prozent in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis untergekommen.« Ein Konzern in Erlangen »entsorge« zur Zeit Ingenieure und Informatiker über 50. »Viele aus unserem Semester haben Deutschland den Rücken gekehrt und arbeiten in Skandinavien, Österreich und der Schweiz. Andere sind als Hartz 4-Aufstocker beschäftigt und hoffen auf bessere Zeiten - viele davon haben einen guten Abschluss. Bei den wenigen Gesprächen, die man in den Personalabteilungen führen durfte, konnte man die Überheblichkeit deutlich spüren.« Und dann wischt »Karen« alle Bemühungen von VDI und Co. harsch beiseite: »Aus unserer Sicht lohnt sich das Studium nicht mehr, da offensichtlich kein Bedarf besteht.« Ingenieurin »Karen« steht dem deutschen Arbeitsmarkt inzwischen nicht mehr zur Verfügung, sie hat nach eigenen Angaben inzwischen in Stockholm eine Festanstellung bekommen. »Es gibt hier eine ziemlich große Gemeinschaft von deutschen Ingenieuren, die sich gegenseitig unterstützen. Mit deren Hilfe habe ich einen guten Anfang gemacht!«

Die Münchner Personalberaterin Renate Schuh-Eder will Ingenieuren ebenfalls keine »glänzenden«, wenngleich solide Aussichten versprechen: »Wer von den Ingenieuren immer noch glaubt, Deutschland sei das Schlaraffenland, hat die Wirtschaftskrise wohl nicht verstanden oder sie ist an ihm vorübergegangen. Ob Automobilbauer, IT oder Halbleiter: Jeder muss sich dem internationalen Wettbewerb stellen und sich den Märkten anpassen. Die sind aktuell in Asien. Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern.« Dennoch werde in Deutschland wieder eingestellt und ein Mangel an Fachkräften sei »präsent.« Ein Ingenieur habe ihrer Meinung nach hervorragende Aussichten, einen Arbeitsplatz zu haben und die Möglichkeit, an tollen Projekten und Aufgaben zu arbeiten und dabei überdurchschnittlich gut zu verdienen. Allerdings müsse man »überzogene Gehaltsansprüche« begraben. »Dass sich Arbeitsmodelle ändern, erleben wir nicht erst seit gestern. Ingenieure mit Ansprüchen auf 100.000 Euro Verdienst bei sieben Jahren Berufserfahrung haben ihre Probleme bei der Jobsuche. Indes: »Vor noch gar nicht allzu langer Zeit sind sie damit durch gekommen«, weiß Schuh-Eder.