Arbeit und Gehälter in der Photovoltaik Es war einmal eine Traumbranche

Die Stimmung ist schlecht - im Vergleich zu anderen Branchen verdienen Ingenieure in der PV-Branche weniger, weil ein Teil des Gehalts als variabler, umsatzabhängiger Bonus-Anteil gezahlt wird. Immer mehr denken über einen Wechsel nach.
Die Stimmung ist schlecht - im Vergleich zu anderen Branchen verdienen Ingenieure in der PV-Branche weniger, weil ein Teil des Gehalts als variabler, umsatzabhängiger Bonus-Anteil gezahlt wird. Immer mehr denken über einen Wechsel nach.

Die Gehälter in der Photovoltaikbranche sind zwar gegenüber dem Vorjahr geringfügig um 1,63 Prozent gestiegen – die Einkommenskluft innerhalb der Branche ist aber enorm, auch zwischen Ost und West. Die Sorge um den Arbeitsplatz hat erheblich zugenommen, Stimmung und Motivation sind mies, wer kann, tritt die Flucht nach vorne an.

Die Gehälter in der deutschen PV-Branche sind zwar geringfügig gestiegen –die Stimmung bei den Beschäftigten ist aber auf dem Tiefpunkt angelangt. So könnte man die Ergebnisse einer neuen Studie über den Arbeitsmarkt Photovoltaik zusammenfassen.

Bereits zum vierten Mal hat Michael Ziegler, Inhaber und Geschäftsführer der auf Solar spezialisierten Marketing-Agentur »PhotovoltaikZentrum« die Gehälter in der Branche anhand einer Gehaltsstudie untersucht und dafür die Angaben von über 6.600 Beschäftigten ausgewertet.

Zwar sind die Gehälter in der Photovoltaikindustrie um 600 Euro brutto auf 37.400 Euro im Median gestiegen (Median 2010/2011: 36.000 Euro / 2011/2012: 36.800 Euro), was einer Gehaltssteigerung von 1,63 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Doch diese Verbesserung kam vor allem höher qualifizierten Arbeitnehmern, gut ausgebildeten Fachkräften (beispielsweise aus den Bereichen Forschung und Entwicklung und Ingenieurwesen) sowie Führungskräften zugute.

Die Gehälter von befristet Beschäftigten sanken hingegen leicht, ebenso wie die von Mitarbeiter im Lohn-Mittelfeld, beispielsweise aus den Bereichen Einkauf, Marketing und Vertrieb. Die Entlohnung von niedrig qualifizierten Arbeitnehmern (beispielsweise aus den Abteilungen Sachbearbeitung, Sekretariat, Lager und Versand) verschlechterte sich ebenfalls erneut.

Die Einkommenskluft zwischen Männern und Frauen hat sich gegenüber dem Vorjahr vergrößert: Sie beträgt inzwischen knapp 20 Prozent (Vorjahr: 17,38 Prozent). Hinsichtlich der Bezahlung von Zeit- bzw. Leiharbeitern hat sich eine leichte Verbesserung eingestellt, dennoch erhalten sie im noch immer am wenigsten Gehalt im Gegensatz zu Festangestellten. Auch das Ost-West-Gefälle hat sich weiter verschärft, wobei sich gerade die Gehälter im Osten sehr verschlechtert haben. In Brandenburg verdienen Beschäftigte am wenigsten, in Hessen am meisten (vgl. Grafik).

Die Hälfte der Beschäftigten in der Solarindustrie erhält inzwischen variable Entgeltbestandteile. Der Anteil am Gesamtgehalt ist gestiegen und beträgt über 19 Prozent (Vorjahr: 15 Prozent). An vorderster Stelle der Zusatzleistungen rangieren mit 29 Prozent Bonus- und Prämienzahlungen. Fast 13 Prozent der Beschäftigten erhalten als variablen Entgeltbestandteil eine Gewinnbeteiligung, was bei Beschäftigten von verlustbehafteten Solarunternehmen einer „Gehaltskürzung durch die Hintertür“ gleichkommt.

Kein Wunder, dass inzwischen »über 26 Prozent über einen Arbeitsplatzwechsel nachdenken«, sagt Ziegler. Die Stimmung sei schlecht, die Motivation angesichts der immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen auf dem Tiefpunkt. „Die subjektive Zufriedenheit mit der Jobsituation hat in nahezu allen untersuchten Punkten abgenommen, doch auch objektiv haben sich Verschlechterungen abgezeichnet. Lange Arbeitszeiten sind die Regel, Überstunden bei inzwischen fast 70 Prozent der Befragten mit dem Gehalt abgegolten. „Der Trend hin zu unbezahlter Mehrarbeit scheint sich folglich zu verschärfen“, sagt Ziegler. Lediglich ein Drittel der Beschäftigten habe in den vergangenen 12 Monaten eine Lohn- bzw. Gehaltserhöhung erhalten. Auch an Zusatzleistungen werde tendenziell gespart.

Stattdessen nehmen befristete Zeitverträge sowie Zeit- und Leiharbeit insgesamt zu. Subjektiv fühlten sich immer mehr Beschäftigten unzufrieden und nicht motiviert, das sei „alarmierend“, so Ziegler. „Der Job wird zunehmend als stressig wahrgenommen, auch die Sorge um den Arbeitsplatz steigt weiter auf inzwischen 60 Prozent. Fast die Hälfte der Befragten äußerte sich unzufrieden über das Betriebsklima.

Ist es da verwunderlich, dass laut Studie 26 Prozent über einen Arbeitsplatzwechsel nachdenken? Ziegler: „Interessant ist, dass die Zahl der Geschäftsreisen ins Ausland stark gestiegen ist. Dies deutet darauf hin, dass sich die deutsche Solarindustrie zunehmend im Ausland engagiert«. Ob das als Silberstreif zu deuten ist?