Karriere in der Halbleiterindustrie Ein Großer, viele Kleine

Bald gehört der Campeon -- zumindest zu 93 % -- Infineon selbst, die seit dem Bezug Mieter waren.
Campeon von Infineon in Neubiberg bei München. Den DAX-Konzern zeichnen alle typischen Vorteile eines Großkonzerns aus. Aber auch hier gibt es Nischen, die zum Risiko werden können.

Ein Großer, etliche Kleine, der Fokus auf Vertrieb: Welche Berufsbilder bieten die Arbeitgeber in der deutschen Halbleiterbranche und wie sind die jeweiligen Karriereaussichten?

Andreas Seifert (Name geändert) arbeitet heute als Chip Architect für komplexe SOCs bei Intel. Nach seiner Doktorarbeit startete er zunächst bei Infineon, wurde mitgenommen zu Qimonda. Qimonda ging bekanntlich 2009 Pleite.

Und heute? Wie ist die Lage am Arbeitsmarkt? »Derzeit sind Personalberater sehr aktiv«, erzählt er. »Immer wenn die Lage gut ist und man sie nicht braucht, tanzen sie jede Woche an«, feixt er. Denn das war nicht immer so: »Als damals Qimonda Pleite ging, hat sich keiner gemeldet.«

Inzwischen hat die Politik scheinbar erkannt, dass die Halbleiterindustrie in Deutschland ohne Förderung den Wettbewerb mit Asien nicht gewinnt. Und praktisch alle großen Herausforderungen der Zukunft ohne Halbleiter nicht zu lösen sind: Industrie 4.0, intelligente Mobilität, Energieeffizienz und Energiewende. Gesucht sind dazu Ingenieure, die Know-How in Prozesstechnik, Schaltungsentwurf, Prüftechnik bis hin zu den Anwendungen für die Aufgaben von morgen mitbringen.

Um Mikroelektronik als Innovationstreiber in Deutschland zu stärken, will das BMBF jetzt investieren und die Innovationsfähigkeit der Halbleiter- und Elektronikindustrie in Deutschland und Europa im globalen Wettbewerb stärken. Als ‘größte Investition in Forschungsgeräte seit der Wiedervereinigung’ gehen 100,8 Millionen Euro des Zukunftsprogramms an die vier in Sachsen beteiligten Fraunhofer-Institute. Die elf Institute des Fraunhofer-Verbunds Mikroelektronik und zwei Institute der Leibniz-Gemeinschaft sollen 350 Millionen Euro in ihre Forschungsausstattung investieren und ihr Technologie-Know-how in einer »Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland« (FMD) bündeln.

Ziel ist der Forschungstransfer, zum Beispiel für den Aufbau neuer Unternehmen. Beispiel eesy-ic. 2012 vom Lehrstuhl für technische Elektronik der Uni Erlangen unter der Leitung von Prof. Robert Weigel ausgegründet, liegt die Kernkompetenz des fränkischen Unternehmens heute im Entwurf von Integrierten Schaltungen (ICs) und in der Entwicklung entsprechender Labor- und Produktionstests mit dem Ziel, Zukunftstrends rechtzeitig zu erkennen und ICs von morgen entwickeln zu können.

Noch ist das Pflänzchen klein.

Wer als Ingenieur  in Deutschland in der Mikroelektronik ganz vorne mit arbeiten will,  hat vergleichsweise begrenzte Auswahl. Die Top 10 der IDMs, die selbst entwickeln, produzieren und vermarkten (siehe Grafik) sitzt in USA, Korea und Japan. Selbst wenn man das Raster erweitert, sind es, neben etlichen kleinen, mit STMicroelectronics, NXP und Infineon nur drei große in Europa.

Zwar gibt es noch eine Reihe von kleineren Halbleiterherstellern, die neben Infineon in Deutschland tätig sind, wie Semikron, IC-Haus, eesy-IC oder Inova Semiconductors, um nur ein paar zu nennen. Doch die ganz großen Hersteller aus der Top 10 sind in Deutschland hauptsächlich als Vertriebsstandort tätig.

Für Ingenieure, die in Halbleiterindustrie arbeiten wollen, lässt sich der Arbeitsmarkt aktuell wie folgt aufteilen: In Halbleiterhersteller, die in Deutschland meist fabless entwickeln und eventuell auch noch produzieren, in Halbleiterhersteller aus dem Ausland, die in Deutschland lediglich eine Vertriebsorganisation haben und in zahlreiche Distributoren, die als Vertriebs-und Logistikpartner eine große Rolle vor allem in der Betreuung der deutschen Industrieunternehmen spielen.

Personalberaterin Renate Schuh-Eder, die seit 25 Jahren in diesem Gebiet für Auftraggeber Mitarbeiter sucht und berät, fasst zusammen: »Unter den Top 10 der Halbleiterhersteller ist kein deutsches Unternehmen. Wer in der anspruchsvollen Chipentwicklung langfristig tätig sein will, muss auch das Ausland in Betracht ziehen.«

Oder zu Infineon: 

Alleine in Deutschland schreibt der Konzern aktuell 289 offene Positionen aus.  Renate Schuh-Eder: »Engineering spielt dabei eine ebenso große Rolle wie Produktion, Qualität, Einkauf sowie Vertrieb und Marketing. Alle Funktionen sind tendenziell tief technisch geprägt und verlangen Spezialwissen, wie man es eben in der Halbleiterbranche braucht.  Also in der Regel ein abgeschlossenes Studium der Elektronik und Informationstechnik.« Auch Physiker und Chemiker bringen dieses Spezialwissen häufig mit.

Den DAX-Konzern Infineon zeichnen alle typischen Vorteile eines Großkonzerns aus: Tarifgehälter, Erfolgsbeteiligung, modernes Personalmanagement inklusive Betriebskita. Aber Nachteile gibt es auch, auf die Renate Schuh-Eder hinweist: »Natürlich wird Mitarbeitern hier die Möglichkeit geboten, im Unternehmen weiter zu wachsen. Klar muss aber auch sein, dass die Wechselmöglichkeiten aus dem Konzern raus  begrenzt sein können. Wer im »Backend-Test« arbeitet, kann nicht morgen zu einem anderen »Marktbegleiter« in München wechseln. Weil es keinen gibt, der vergleichbare Aufgabenstellungen anbieten würde. «

Das wirkt sich auf die Berufsbilder aus: Sie sind vor allem vertriebsnah: Sales (Key Account Manager, Regional Sales für OEMS oder Distis), Field Application Engineering (=technischer Kundensupport, aufgeteilt nach Produkten oder Märkten) und Produktmarketing.

»Aber auch hier steht die Technik oft im Vordergrund«, so Schuh-Eder. So werde für Mitarbeiter im Vertrieb ein Elektrotechnik-Studium meist vorausgesetzt.  

Wer in Deutschland entwickelt, arbeitet oft bei eher kleineren Herstellern.

Und könnte enttäuscht sein, sofern er Karriere mit Personalverantwortung für möglichst viele Mitarbeiter anstrebt: »Kleinere, schlagkräftige Organisationen und flache Strukturen bieten die Möglichkeit, ins Management zu wechseln, eher selten an. Finanziell gesehen werden bei diesen Unternehmen allerdings oft sehr attraktive Gehaltspakete angeboten.«

Eine große Rolle für das Jobangebot am Arbeitsmarkt Halbleiter spielen die Distributoren, auch für das Beratergeschäft von Renate Schuh-Eder: »Sie versorgen als Vertriebs-und Logistikpartner die großen deutschen Industrieunternehmen mit Halbleitertechnologie und stellen eine große Anzahl der Jobs, die damit zusammenhängen. Das sind vor allem Jobs im Vertrieb (Key Account Manager, Regional Sales für OEMS oder Distributoren), im Bereich Field Application Engineering (=technischer Kundensupport aufgeteilt nach Produkten oder Märkten) sowie Produktmarketing.

Dazu kommen noch Karrierechancen im Linien-Management  oder Business Development (in Form von »Supplier Development«) hinzu: die enge Zusammenarbeit mit dem ein oder anderen Halbleiterhersteller, um diesen auf dem jeweiligen Marktsegment wachsen zu lassen.«

In der Distribution gibt es auch mit »nur« Berufsausbildung  gute Karriereaussichten: So können es Groß-und Außenhandelskaufleute durchaus zum »Vertriebsingenieur« bringen, oft als lokaler Ansprechpartner  - »im Büro Stuttgart« - erklärt Schuh-Eder. Und auch die  Applikationsfunktionen zum Beispiel als »Field Sales Engineer«  gingen »oft nicht ganz so in die Tiefe«, da man ja meist viele Hersteller zu betreuen habe. Dafür entwickle man mit der Zeit eine sehr gute Marktübersicht mit breitbandigen Kenntnissen.