Kritik von links »Die Zersplitterung von Ingenieursarbeit wird noch zunehmen«

"Firmen und öffentlichen Einrichtungen gehen dazu über, einheitliche Arbeitsprozesse, die bisher von qualifizierten Stammbeschäftigten erledigt wurden, in kleine und kleinste Teile zu zerlegen und dann zu fragen "make or buy"? Das entspricht einer Re –Taylorisierung." sagt die Sozialwissenschaftlerin Sandra Siebenhüter.

Werkverträge sind nicht per se ein Problem, sondern zunächst mal Ausdruck unserer arbeitsteiligen Gesellschaft. »Die Frage ist jedoch, wie Werkverträge inzwischen genutzt werden - und diese Entwicklung stimmt bedenklich«. Ein Gespräch mit der Sozialwissenschaftlerin Sandra Siebenhüter, die die Arbeitsbedingungen in der Automobilindustrie untersucht hat.

Frau Siebenhüter, Sie sind Sozialwissenschaftlerin und haben für den DGB Bayern eine Studie über den Missbrauch von Werkverträgen in der Automobilindustrie erstellt. Warum haben sich hier die Arbeitsbedingungen für Ingenieure verschlechtert?

Firmen und öffentlichen Einrichtungen gehen dazu über, einheitliche Arbeitsprozesse, die bisher von qualifizierten Stammbeschäftigten erledigt wurden, in kleine und kleinste Teile zu zerlegen und dann zu fragen "make or buy"? Das entspricht einer Re –Taylorisierung.

Was ist die Folge? Qualifizierte, sozial abgesicherte und motivierte Mitarbeiter werden nicht mehr als Mitarbeiter geschätzt, sondern ihre Arbeitsumfänge nach funktionalen und technizistischen Erfordernissen gesplittet und je Arbeitsschritt wird "der passendste Anbieter" gesucht.

Bei gering qualifizierten Tätigkeiten fällt die Entscheidung in der Regel mit dem Preis, bei hochqualifizierten Tätigkeiten kommen strategische und operative Gründe hinzu. Denn durch Auslagerung habe ich direkt zurechenbare Beschaffungskosten bei gleichzeitiger Kostendeckelung.

Hinzu kommt die Chance auf eine Beseitigung von Kapazitätsengpässen bei gleichzeitiger dauerhafter Kapazitätsauslastung des eigenen Personals - bis zur Belastungsgrenze. Zusätzlich erreichen die Firmen einen schnelleren Zugriff auf spezifisches Personal, ohne extra rekruitieren und auswählen zu müssen.

Im Bereich der Entwicklung ist auch die Chance auf einen Wissenstransfer von der Fremdfirma nicht zu unterschätzen und die Möglichkeit der Abwerbung von qualifizierten Mitarbeitern der Fremdfirma ohne Einarbeitungszeit. Eine soziale Begleiterscheinung ist, wie bereits bei der Leiharbeit, die Mobilisierung und Leistungssteigerung der eigenen Mitarbeiter durch Konkurrenzdruck und die Akzeptanz von ungünstigen Arbeitsbedingungen und Lohnverzicht.

Durch die Aufspaltung der Arbeitsprozesse, die häufig innerhalb einer Firma, also im Nebeneinander von verschiedenen Personengruppen mit verschiedenen Rechten und verschiedenem Status erledigt werden, kommt es auch zur Aufspaltung der Betriebsgemeinschaft. Für entwicklungsintensive Bereiche frage ich mich denn auch, warum niemals über das Thema Wirtschaftsspionage debattiert wird.

Wie passt das denn zum Problem des Ingenieurmangels, dass man lieber Aufgaben und somit Wissen auslagert, als jemanden fest anzustellen?

Zum einen existieren in den Fachabteilungen häufig Vorgaben über die zulässige Stellenzahl, da die Personalkosten gedeckelt sind. Und da Werkverträge als "Gewerk“, also als Sache betrachtet werden, ist dies eine Möglichkeit, Arbeitsumfänge weiterzugeben indem sie als Material- und Sachkosten und nicht als Personalkosten in der Bilanz erscheinen. Und sollte sich nun ein Ingenieurdienstleister als besonders innovativ erweisen, hat ja der OEM immer noch die Möglichkeit, die sehr guten Leute zu übernehmen oder sich das Wissen des Dienstleisters durch Teilhaberschaft langfristig zu sichern.

Mit Blick auf den Ingenieurmangel stellen sich mir zwei Fragen. Erstens: Existiert dieser tatsächlich, oder will man Ingenieurleistungen nur noch möglichst günstig einkaufen? Und zweitens: Ist denn das Outsourcing bzw. Offshoring nicht die eher die Ursache für einen möglichen Fachkräftemangel?

Denn dadurch werden nicht nur Weiterbildungskosten und Personalentwicklungskosten gespart, da die Firmen ja punktuelle Zugriffe auf Experten (weltweit) haben, ohne eigene Mitarbeiter entwickeln zu müssen. Das heißt, es fehlt die Möglichkeit der Aufstiegsqualifizierung.

Zudem führt diese rein funktionale Auslagerung von Arbeitsumfängen eher dazu, dass gut Ausgebildete keine innovations- und Experimentierräume mehr in einer Firma haben, da ja vor jeder Entscheidung nur ein zielorientiertes "make orBuy" steht. Innovation entzieht sich aber dieser Logik, weil sie Zeit, Wissen und Muse voraussetzt - die Gefahr einer Fehlentwicklung inbegriffen!