Kritik von links »Die Zersplitterung von Ingenieursarbeit wird noch zunehmen«

Welchen Einfluss hat die Bundestagswahl?

Die Gewerkschaften beklagen eine unsoziale Zwei-Klassen-Gesellschaft am Arbeitsmarkt, Befürworter der Flexibilisierung kontern, nur deshalb stehe Deutschlands Arbeitsmarkt so gut da. Was erwarten Sie nun angesichts der Ergebnisse der Bundestagswahl?

Meine Einschätzung ist, dass die Entwicklung erst mal noch weiter zunehmen wird, also Werkverträge und die Aufspaltung von Arbeitsprozessen sich noch in einer Versuchsphase befindet. Da ist noch viel Luft nach oben. Blicke in die USA oder England zeigen, wohin die Reise gehen kann, nämlich, dass bis zu 80 Prozent der anfallenden Arbeitsumfänge als flexibel angesehen werden - die Menschen, die diese erledigen, nicht mehr dort angestellt sind.

Die technischen Möglichkeiten, insbesondere im Bereich Entwicklung, lassen dort noch Raum. Wer konstruiert in engsten Vorgaben wie am Fließband Teile zu Ende? Muss das ein deutscher Ingenieur sein, oder kann es nicht auch ein anonymer Anbieter irgendwo auf der Welt sein, der sich mit CAD auskennt?

Ob eine Politik erfolgreich ist, misst sich bei der bisherigen und zukünftigen Kanzlerin in erster Linie in Zahlen und in dieser Hinsicht könnte man sagen: Ja, die Arbeitslosenzahlen sind niedrig, alles prima. Wie Arbeitslosenzahlen berechnet werden und von welcher Qualität Arbeit heute ist, d.h. zu welch schlechten Bedingungen heute gearbeitet wird, das wollen die meisten gar nicht wissen - zumindest solange sie davon nicht betroffen sind.

Spannender wird es, wenn man dann den geringen Arbeitslosenzahlen mal den "echten Preis" dieses Jobwunders gegenüberstellt: die hohe Zahl an Aufstockern oder steigende Gesundheitskosten für Arbeiten an der Belastungsgrenze. Wenn dann deutlich wird, dass dies die Unternehmen bereits mit einkalkulieren, dann empören sich auch konservative und bürgerliche Wähler.

Aber mir scheint, das bisherige Mantra "niedrige Arbeitslosenzahlen sind das Maß für erfolgreiche Politik" wird aufgrund der hohen Arbeitslosenzahlen in Südeuropa noch lange funktionieren.

Es wird also weitergehen mit der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes?

So sehe ich das, wie vorher schon erläutert. Inzwischen machen Firmen immer mehr Vorgaben, wie hoch der Anteil der "flexiblen Arbeitsumfänge" sein muss, damit das Stammpersonal auch bei geringer Konjunktur ausgelastet ist.

Somit vermeidet man nicht nur negative Schlagzeilen in der Presse bzgl. Arbeitsplatzabbau, sondern auch Sozialplankosten usw. Dies bedeutet jedoch auch, dass etwa 20 - 30 Prozent der Arbeitsumfänge flexibel sind und diese notwendigen Fachkräfte zeitlich, örtlich und sachlich „auf Abruf eingekauft" werden.

Das Problem ist, dass es die Stammbeschäftigten sind, die etwa die Fremdvergabe koordinieren müssen und die durch einen immensen Organisations- und Kommunikationsaufwand "den Laden zusammenhalten müssen".

Firmen verlieren durch diese Einkaufsstrategie nicht nur die Loyalität und die Motivation ihrer eigenen Mitarbeiter, sondern werden auch damit rechnen müssen, dass "eingekaufte Ware", und das ist Arbeit dann in diesem Fall, nur "Dienst nach Vorschrift“ bzw. „nach Lastenheft“ macht.

Die Fragen stellte Corinne Schindlbeck