MINT-Nachwuchs »Die Schere müssen wir schließen«

'Codeyourlife' richtet sich an Schülerinnen und Schüler ab 10 Jahren. Microsoft übernimmt die Kosten.
'Codeyourlife' richtet sich an Schülerinnen und Schüler ab 10 Jahren. Microsoft übernimmt die Kosten.

Microsoft will Mädchen und Jungen mit 'CodeyourLife' das Programmieren schmackhaft machen und geht dazu an die Schulen. Wir sprachen darüber mit Astrid Aupperle, Leiterin Gesellschaftliches Engagement beim Software-Konzern in Berlin.

Markt&Technik: Frau Aupperle, warum engagiert sich Microsoft im Rahmen von #HourofCode und @code_your_life?

Astrid Aupperle: Wie sind überzeugt, dass der souveräne Umgang mit dem Computer und neuen Technologien ein wesentlicher Faktor für mehr Chancengerechtigkeit ist. Der kompetente Umgang mit IT erleichtert den Zugang zu Informationen und Wissen und eröffnet mehr Menschen die Chance auf Bildung, beruflichen Erfolg und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Im Unterricht und darüber hinaus ermöglicht der Einsatz von digitalen Technologien lebendigere Lernerfahrungen und nachhaltigere Lernerfolge. Das Thema Coding ist dabei ganz zentral. Es führt Kinder und Jugendliche spielerisch und kreativ an das Thema IT und MINT heran. Dabei geht es nicht nur darum, zu lernen, wie Algorithmen geschrieben werden. Es geht auch um die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts: Problemlösungsfähigkeit, Reflexionsvermögen und ganzheitliches Denken.

Markt&Technik: Wie begegnen Sie Kritik, Microsoft wolle bereits die Jüngsten an Microsoft-Produkte gewöhnen, mit gesellschaftlichem Engagement habe das weniger zu tun?  

Als eines der führenden Technologieunternehmen und Treiber der Digitalen Transformation von Arbeitswelt und Gesellschaft ist es unsere Verpflichtung, Verantwortung für die Teilhabe aller Menschen an dieser Entwicklung zu übernehmen. Dies erreichen wir unter anderem  im Feld der Digitalen Bildung bei Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen. Studien belegen zudem die soziale digitale Kluft. Kinder, die aus schlechter gestellten Gesellschaftsschichten stammen, liegen mit ihren digitalen Kompetenzen deutlich unter dem deutschen Durchschnitt. Auch Kinder mit Migrationshintergrund schneiden schlechter ab als ihre Altersgenossen. Diese Schere müssen wir schließen. Im übrigen verzichten wir komplett auf Microsoft Logos bei unseren Schulungsunterlagen und Angeboten.

Markt&Technik: Spielerisch programmieren lernen kann man in Deutschland mit Unterstützung von Unternehmen oder Vereinen, die wiederum von Unternehmen unterstützt werden. Warum lässt sich das Thema so schwer an den Schulen ausrollen?  Wo konkret liegen die Probleme?

Generell erleben wir eine sehr hohe Nachfrage nach unseren kostenlosen Programmen von vielen engagierten Lehrern und Schulleitern. Selbstverständlich wünschen wir uns aber, dass das wichtige Thema digitale Bildung und Programmieren  fächerübergreifend in den Lehrplan integriert wird. Hierzu sind Investitionen in Infrastruktur aber auch in die Lehrer Aus- und Fortbildung nötig. Insgesamt muss sich die Überzeugung bei Politik, schulischen Entscheidungsträgern und Eltern durchsetzen, dass eine fundierte Digitale Kompetenz für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt unerlässlich ist..

Markt&Technik: Microsoft will sich in der Lehrer-Aus- und Fortbildung engagieren. Hakt es an der Lehrerausbildung an den Universitäten? Oder haben Sie dabei ältere Kollegen/innen an den Schulen im Blick?

Wir als Wirtschaftsunternehmen sehen uns ausschließlich als Partner von Schulen und Politik. Dabei unterstützen wir mit unserem technologischen know-how, geben Unterrichtsanregungen und fördern Medienkompetenz- und Programmierinitiativen wie zum Beispiel Code Your Life. Dieses Engagement richtet sich an alle interessierten Lehrkräfte, Eltern und Schüler. Das übernehmen von länderpolitischen Aufgaben liegt uns fern.

Markt&Technik: Gerade für Mädchen wäre anschaulicher MINT-Unterricht ein Segen, vgl. die Rosa/hellblau-Falle, aber natürlich auch für Jungen. Laut Statistischen Bundesamt sind die Studienanfängerzahlen im WS 2017 in Informatik um -4,1 Prozent gesunken, bei den Mädchen sogar um -8,8 Prozent.  Was bedeutet das für Microsoft? Können Sie sich den Rückgang erklären, angesichts der guten Zukunftschancen in diesem Bereich?

In der Tat interessieren sich Mädchen und junge Frauen in Deutschland wenig für MINT-Fächer und Berufe – allerdings nicht seit frühester Kindheit, sondern, wenn sie ca. 14-15 Jahre alt sind. Das ist ein Kernergebnis unserer europäischen MINT-Studie „The Why, When of Gender Gap“ aus diesem Jahr. Häufigste Kritik sind fehlende Rollenvorbilder und das Vorurteil, MINT-Berufe seien nicht kreativ.
Im Rahmen unserer Programme führen wir daher Mädchen über die kreative Seite des Programmierens an die spannenden MINT Fächer heran. Und das bereits in der Grundschule. Interessanterweise hat die gleiche Studie nämlich ergeben, das Mädchen, die sich selbst als kreativer einschätzen, häufiger ein MINT-Studium / Beruf anstreben. Ein wichtiger weiterer Faktor für Mädchen ist zudem das fehlende Verständnis mit Technologie Gutes tun zu können. Auch hier engagieren wir uns zum Beispiel im Bereich Ehrenamt und zeigen auf, wie mit Hilfe von Technologie Menschen mit Behinderung geholfen werden kann.  

Markt&Technik: Datenbrillen und Microsoft-eigene Geräte wie HoloLens ließen sich prima im Unterricht einsetzen, etwa um das Planetensystem oder Themen wie den Wald realistisch darzustellen. In der Realität  dominieren kopierte Arbeitsblätter. Was müsste passieren, damit sich das ändert?  

Das eine soll das andere nicht ausschließen. Wer allerdings positive Erfahrungen mit diesen neuen Lernmethoden gemacht hat, will mehr davon. Bislang hängt der Einsatz von digitalen Unterrichtskomponenten noch zu sehr vom persönlichen Engagement einzelner Lehrkräfte ab. Aktuelle Studien berichten, dass fast die Hälfte der deutschen Lehrer auf den Einsatz von digitalen Medien verzichtet, weil die Schulen nicht über die entsprechende technische Ausstattung verfügen. Hier müssen Politik, Schulen, Eltern und Wirtschaft eng an einem Strang ziehen, um die notwendige Digitalisierung in die Schulen zu bringen.  

Die Fragen stellte Corinne Schindlbeck