Investitionsentscheidungen angesichts eines möglichen Euro-Zusammenbruchs „Die Nerven liegen blank“

Besetzt nur erste und zweite Führungsebenen: Dr. Andreas Halin, Managing Partner der Top Executive-Personalberatung GlobalMind.
Besetzt nur erste und zweite Führungsebenen: Dr. Andreas Halin, Managing Partner der Top Executive-Personalberatung GlobalMind.

Geschäftsführer befinden sich aktuell in einer nie dagewesenen Zwickmühle zwischen Investitionsdruck und Risikominimierung, „die Nerven liegen blank“, stellt Top Executive-Personalberater Dr. Andreas Halin fest. Nie sei das Investitionsrisiko höher gewesen als aktuell, die Folge: »Keiner nimmt derzeit so richtig Geld in die Hand«, aus Angst, seinen Posten zu verlieren.

Dr. Andreas Halin ist Managing Partner der Personalberatung GlobalMind. Der Headhunter zählt zu den bekannten Namen in der Branche, arbeitete viele Jahre für die Personalberatung Spencer Stuart, später für Konkurrent Whitehead Mann, eine Gesellschaft mit Sitz in London, die inzwischen zu Korn/Ferry gehört.  

Sein 2010 gegründetes Unternehmen GlobalMind Executive Search Consultants besetzt ausschließlich Positionen der ersten und zweiten Führungsebene sowie Aufsichtsräte. Die Essenz der vielen Gespräche und Interviews, die er seit der Beginn der Wirtschaftskrise mit Kandidaten geführt hat, zeichnet ein deutliches Bild: Deutsche Vorstände fühlen sich vor dem Hintergrund der aktuellen makroökonomischen Umstände zunehmend im Spannungsfeld zwischen Wachstum und Absicherung aufgerieben. »Möglicherweise waren die persönlichen Belastungen aus der Tätigkeit als Vorstand niemals so hoch wie aktuell«, sagt Halin.

Zwar habe jede Phase eines jeden Wirtschaftszyklus ihre eigenen Herausforderungen – doch noch nie hätten sich deutsche Unternehmenslenker - gleichzeitig - nachhaltigen  Wachstumsmöglichkeiten einerseits und den Risiken eines massiven wirtschaftlichen Einbruchs andererseits so ausgesetzt gesehen, wie heute. Noch nie hätten die Wachstums- und Renditeanforderungen der Aktionäre und die Risiken eines massiven Gewinneinbruchs so auf Kante gelegen wie aktuell. Halin: »Die Situation kann sich wie ein Fallbeil ändern, das macht Investitionen im Augenblick so schwer.«

Aktuell werden vielen Industrien, insbesondere aber der Automobilindustrie und dem Maschinenbau, glänzende Wachstums-, Ertrags- und Aktienkurssteigerungen vorausgesagt.  Gleichzeitig verschlechtern sich die Wachstumsaussichten der Volkswirtschaften in Asien und Südeuropa in rasender Geschwindigkeit und könnten blitzartig zu einer Beendigung des dynamischen Wachstums deutscher Unternehmen führen.

Die Folge: Vorstände sehen sich in einer Situation mit innerer Anspannung und teilweise Zerrissenheit: „Investieren und weiter wachsen oder investieren und mit Vollgas in den Abgrund“, werden nicht selten als Alternativen wahrgenommen, stellt Dr. Halin fest. Vorstände beklagten zuweilen, sie müssten eine Wette auf das eine oder andere Szenario eingehen. »Dabei sitzt Ihnen die Gewissheit im Nacken, im Falle einer ‚falschen Wette’ den Kopf hinhalten zu müssen«, stellt der Berater fest.

Die persönlichen Strategien im Angesicht dieser Situation sind unterschiedlich, wie Halin beobachtet. „Der entscheidungsfreudigere Typus entscheidet und agiert, bis ihm das Umfeld neue Signale gibt. Der zögerlichere Typus bremst zuweilen die ‚allzu sehr auf Angriff geschalteten’  Expansionsaktivitäten des Unternehmens und sucht vereinzelt auch die Nähe zum Aufsichtsrat, um sich Orientierung, Abstimmung und auch Absicherung zu holen. Der risikoaverse Typus verzichtet – wie bisher - weiterhin auf die volle Ausschöpfung des Wachstums- und Ertragspotentials zu Gunsten der Absicherung des Unternehmens für den Fall der Fälle.“

Mit zunehmenden Unsicherheiten dürften sich mehr Vorstände für letztere Form der Unternehmenssteuerung entscheiden und damit auch dafür, die Chancen für ihr eigenes ‚Überleben im Vorstand’ zu optimieren, glaubt Halin. Denn ein unzureichendes Wachstum werde eher toleriert, als ein massiver Restrukturierungsbedarf als Folge zu großer Investitionen, die dann zu Fehlinvestitionen und Fehlentscheidungen geworden sind.

Fakt sei, dass die permanente Unsicherheit einen völlig neuen Typus des Vorstands im Wirtschaftsleben sozialisiere, beobachtet Halin. Menschen mit starkem mentalen Korsett, mit extrem großer Auffassungsgabe, um permanent und schnellstmöglich neue Informationen zu verarbeiten, zu entscheiden, und gegebenenfalls gerade getroffene Entscheidungen wieder zu revidieren. „Und das alles auch glaubwürdig kommunizieren zu können“, wie Halin ergänzt.

Wundert es da, dass der Berater oft erfahrenen, aber der permanenten Belastung müden Unternehmenslenkern gegenübersitzt, die zugeben, dass es „vor zehn Jahren mehr Spaß gemacht hat.“?