Analyst Hartmut Lüerßen zur Zukunft der Ingenieurdienstleistung in Deutschland „Die Attraktivität eines Jobs bei einem erfolgreichen Engineering-Dienstleister wird oft unterschätzt“

Hartmut Lüerßen, Partner beim Analysten Lünendonk GmbH: „Wer sich für einen Engineering-Dienstleister entscheidet, sollte sich neben den Verdienstmöglichkeiten über die geplanten Projekte informieren, über die Haupteinsatzorte und die Möglichkeiten der Weiterbildung und Karriereplanung. Die Vertragsform – wie Werkvertrag oder Arbeitnehmerüberlassung, spielt weniger eine Rolle.“
Hartmut Lüerßen, Partner beim Analysten Lünendonk GmbH: „Wer sich für einen Engineering-Dienstleister entscheidet, sollte sich neben den Verdienstmöglichkeiten über die geplanten Projekte informieren, über die Haupteinsatzorte und die Möglichkeiten der Weiterbildung und Karriereplanung. Die Vertragsform – wie Werkvertrag oder Arbeitnehmerüberlassung, spielt weniger eine Rolle.“

Ingenieurdienstleister kommen in Deutschland immer häufiger zum Einsatz - in der Elektronikindustrie vor allem um Kosten zu senken, die Qualität zu steigern und Entwicklungszeiten zu verkürzen. Warum das so ist und warum Ingenieurdienstleister als Arbeitgeber unterschätzt werden, erklärt Hartmut Lüerßen, Partner bei der Lünendonk GmbH.

Herr Lüerßen, warum greifen immer mehr Unternehmen auf Ingenieurdienstleister zurück?

Hartmut Lüerßen: Für die Unternehmen wird es immer schwerer, die vielfältigen Herausforderungen alleine zu bewältigen. Die Produkte werden komplexer, neue Technologien müssen integriert werden. Gleichzeitig verkürzen sich die Produktlebenszyklen. Hoher Kostendruck und der strukturelle Fachkräftemangel verschärfen die Situation. Durch die Zusammenarbeit mit externen Anbietern von Technologie-Beratung und Engineering Services gewinnen die Unternehmen mehr Flexibilität. Daher werden die externen Dienstleistungspartner auch immer stärker in die Entwicklungsplanungen einbezogen.

Sehen Sie diese Entwicklung angesichts der Konkurrenz um Fachkräfte auch im Mittelstand?

Das Mittelstandskonzept "alles selber machen" bröckelt. Denn mittelständischen Unternehmen fällt es immer schwerer, genügend Fachkräfte zu rekrutieren, gerade, wenn sie nicht so bekannt oder in einer strukturschwachen Region angesiedelt sind. Zusätzlich werden bestimmte Kompetenzen beispielsweise nur zyklisch oder zeitweise benötigt. Die Zusammenarbeit mit Anbietern von Technologie-Beratung und Engineering Services hilft, dass die Unternehmen ihre Projekte rechtzeitig besetzen können und es nicht zu Verzögerungen bei der Produkteinführung kommt. Teilweise werden auch komplette Aufgabenpakete als Werkvertrag an die externen Dienstleister vergeben.

Wenn es einen Trend gibt, immer mehr Entwicklungsarbeit extern oder sogar ins Ausland zu vergeben – wie gehen die Firmen dann mit der Gefahr des Know-How-Verlustes um?

Der Trend ist da, wobei der gehobene Mittelstand nachzieht. Bei Großunternehmen ist diese Entwicklung zur Verringerung der Leistungstiefe im Engineering in vollem Gange. Das zeigt unsere aktuelle Studie zur Zukunft der Ingenieurdienstleistungen in Deutschland, die gemeinsam mit Altran, Alten, Industrie Hansa und Yacht-Teccon durchgeführt wurde, deutlich. Befragt wurden 150 Unternehmen des gehobenen Mittelstandes und Großunternehmen. Insgesamt betrachtet nutzen 27,3 Prozent der Unternehmen Entwicklungsstandorte in so genannten Nearshore-/Offshore-Ländern. Bei den Unternehmen mit 5.000 und mehr Mitarbeitern in Deutschland sind es die Hälfte, die entsprechende internationale Entwicklungsstandorte nutzen. Die Automobilbranche spielt in Sachen Internationalisierung sicher eine Vorreiterrolle. Denken Sie allein an die Ankündigungen von BMW oder VW zu geplanten Produktions- und Entwicklungsstandorten in China. Der mögliche Know-how-Verlust ist für die Unternehmen ein zentrales Thema. Eine der Strategien, um diesem Problem vorzubeugen ist, dass vor allem Standard-Themen an die internationalen Standorte vergeben werden.

Vor allem IT-Projekte werden mittlerweile weltweit vergeben. Droht Ingenieuren in Deutschland Konkurrenz aus China und Indien?

In der IT ist das Know-how in Indien, China oder Südamerika durchaus auf europäischem Niveau. Im Engineering existiert stand heute nach der Auffassung führender Engineering-Dienstleister noch ein relativ großer Know-how-Unterschied. Dieser schwindet jedoch zusehends. Zukünftig  dürfte die Konkurrenz zunehmen. In der IT ist die Entwicklung im Sinne einer globalen Aufgabeverteilung weiter fortgeschritten.

Was bedeutet die wachsende Zahl der Dienstleister im Unternehmen für die Stammbelegschaft? Mutieren diese immer mehr zu reinen Projektverwaltern?

Gespräche mit den Auftraggeber-Unternehmen zeigen, dass durch die verstärkte Zusammenarbeit mit externen Partnern für Technologie-Beratung und Engineering Services und gemischte Projektteams die Anforderungen an das Projekt-Management steigen. Dass sich die Auftraggeber-Unternehmen dabei auf die Rolle des Projektverwalters zurückziehen, sehen wir jedoch nicht. Im Gegenteil: In Kernbereichen bleibt die Architektur- und Technologie-Kompetenz im eigenen Hause. Dabei werden die externen Anbieter immer stärker auch in die Planung einbezogen. Je nach Positionierung übernahmen so genannte Systemdienstleister auch die Entwicklungsverantwortung für bestimmte Komponenten ähnlich den Systemlieferanten in der Zulieferkette der Automobilindustrie.

Heißt das, technisch anspruchsvolle Aufgaben finde ich als Bewerber am ehesten bei einem Dienstleister?

Natürlich gibt es bei den Auftraggeber-Unternehmen hoch spannende und innovative Projekte. Allerdings ist der Wechsel innerhalb großer Organisationen oft schwer. Nicht selten arbeiten Ingenieure über einen langen Zeitraum in einer Disziplin in einem engen Spektrum. Dienstleister bieten durch die vielfältigen Kundenprojekte oft mehr Vielfalt und Abwechslung als ein großer Konzern mit festen Organisationsstrukturen in der Produktentwicklung. Dadurch wächst das Kompetenzprofil von Projekt-Ingenieuren bei einem Anbieter von Technologie-Beratung und Engineering Services auch tendenziell schneller. Im Sinne einer Karriereplanung wird die Attraktivität eines Jobs bei einem erfolgreichen Engineering-Dienstleister oft unterschätzt.

Was sollte ich als Ingenieur beachten, wenn ich mich auf ein Stellenangebot bei einem Dienstleister bewerben möchte?

Wichtig ist, sich über die eigenen Ziele im Klaren zu sein. Wer sich für einen Engineering-Dienstleister als Arbeitgeber entscheidet, sollte sich neben den Verdienstmöglichkeiten über die geplanten Projekte informieren, über die Haupteinsatzorte und die Möglichkeiten der Weiterbildung und Karriereplanung. Aus Analystensicht spielt die Vertragsform des Einsatzes beim Kunden (Dienstvertrag, Werkvertrag oder Arbeitnehmerüberlassung) weniger eine Rolle als das die öffentliche Diskussion vermuten lässt. Die Zeitarbeits-Diskussion über Mindestlöhne findet im Marktsegment Engineering nicht statt. Hier zahlen die Anbieter ab einem gewissen Qualifikationsniveau Gehälter auf Augenhöhe mit den Auftraggeber-Unternehmen.

Die Fragen stellte Corinne Schindlbeck