Meinung Der lange Weg zur deutschen »Super Smart Society«

Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft - was heißt Society 5.0?
Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft - was heißt Society 5.0?

Die TU München startet zwei neue Studiengänge zu dem Technik und Gesellschaft und Politiker und Wissenschaftler diskutieren über die Society 5.0 - doch was bedeutet das eigentlich? Für Markt&Technik ordnet Prof. Volker Banholzer von der TH Nürnberg das Thema passend zum Digitalgipfel ein.

Insgesamt zeigt sich die deutsche Industrie und auch die Gesellschaft auf gutem Weg was Digitalisierung und Industrie 4.0 betrifft. Das wird auch der Tenor der Äußerungen auf dem Digitalgipfel der Bundesregierung sein, der jetzt stattfindet. Verbände und Beratungsunternehmen resümieren denn auch einhellig, dass die Industrie 4.0-Readiness gestiegen sei. Ein Faktor ist aber unverändert: die nahezu ausschließliche Fokussierung auf Effizienzsteigerung. Die Messe Cebit liegt jetzt schon einige Wochen zurück. Und ein wichtiger Impuls von dieser Messe scheint denn auch in Vergessenheit geraten zu sein. Zur Erinnerung: Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe hatte seine Eröffnungsrede dem japanischen Regierungsprogramm für die Society 5.0 gewidmet. Die Entwicklung Japans zur »Super Smart Society«. Ein Programm, das Digitalisierung in ihrer disruptiven Bedeutung für die gesamte Gesellschaft betrachtet und als Ansatz für die Bearbeitung der sogenannten Grand Challenges sieht. Ministerpräsident Abe hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel seinerzeit auch vorgeschlagen, die Kompetenzen aus Industrie 4.0 und Society 5.0 künftig zu verbinden. Nur leider suchte man vier Wochen später auf der Hannover Messe 2017 diese Überlegungen zu gesellschaftlichen Auswirkungen von Digitalisierung und Industrie 4.0 vergeblich. Der Diskurs um Arbeit 4.0 wird zwar geführt, der Gestaltungsdiskurs Industrie 4.0 aber nicht.

Die Debatte um Digitalisierung scheint denn auch auf einzelnen Inseln isoliert zu sein. Gunnar Sohn bemängelt das Fehlen von Utopien und diagnostiziert einen Zustand der »Digitalisierung im Wartesaal des Denkens“.« Effizienzsteigerung darf nicht verwechselt werden mit Weitsicht, Vision oder gar Utopie. Effizienz orientiert sich an einer kurzfristigen Verbesserung, die eine Entwicklung eher fortschreibt denn visionäre Impulse setzt. Das Denken endet zu oft am eigenen Werktor, wie Andreas Syska bemängelt. Die Konzentration auf Bewährtes wie Effizienz ist einerseits durchaus verständlich, angesichts von zunehmender Dynamik in Wirtschafts- und Technologieentwicklung und damit wachsender Unsicherheit, steigender Volatilität und Ambivalenzen. Verständlich aber andererseits nicht gleichermaßen hilfreich.

Humanzentrierte Gesellschaft 4.0

Industrie 4.0 muss als soziotechnische Zukunft verstanden und diskutiert werden. Die Auswirkungen auf andere Gesellschaftsbereiche müssen wahrgenommen, bewertet und besprochen werden. Visionen oder gar Utopien setzen voraus, dass Zukunft ent-priviatisiert wird und damit im gesellschaftlichen Diskurs Zukünfte entwickelt und verhandelt werden können. Das bedeutet auch für Industrie 4.0: Das Konzept hat nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn die großen Fragen jenseits des Werkstores gestellt werden – das heißt wie die Grand Challenges bewältigt werden sollen. Syska fordert richtigerweise eine humanzentrierte Gesellschaft 4.0, die an die Stelle der technikzentrierten Industrie 4.0 treten muss.

Super Smart Society

Die Anregung von Japans Ministerpräsident Abe, Industrie 4.0 und Society 5.0 zusammenzubringen kann der Impuls sein, der der deutschen Debatte noch gefehlt hat. Jetzt ist es dringend notwendig nicht noch ein »4.0« in die Reihe von Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 zu stellen und damit »4.0« als Chiffre für alle ungeklärten Fälle der alten Industriegesellschaft zu setzen, wie Wolf Lotter treffend formuliert. Also noch ein Begriff Society 5.0, der Politik, Medien und Gesellschaft beschäftigen soll? Ja, wenn der Begriff hilft die 4.0-Diskurse hinter und vor den Werkstoren zu verbinden.

Zumindest das japanische Regierungsprogramm nimmt die Herausforderungen in den Blick, die modernen Industriegesellschaften bevorstehen. Society 5.0 zielt laut der eigenen Darstellung eben nicht auf die Produktivität, sondern soll helfen, gesellschaftliche Themen zu bearbeiten. Dass dabei tiefgreifende Änderungen erforderlich sind, macht das Programm deutlich. »To create such a society, we must eliminate barriers in five areas: ministries and agencies, legal systems, technology, human resources, and public acceptance.« Also: Es gilt den Gestaltungsdiskurs zu erweitern. Oder vielleicht ernst zu nehmen, dass Digitalisierung in allen 4.0-Facetten gesellschaftlich gestaltet werden muss. Da ist es wenig hilfreich, wenn Wirtschaftsministerin Zypries auf der ZVEI Jahrestagung einwirft, es müsse nicht alles so sein wie beim eGovernment in Lettland. Ausgerechnet dieses Land wird im japanischen Regierungsprogramm als Vorbild in der Verwaltung aufgeführt. Der Weg zur deutschen Super Smart Society ist wahrscheinlich noch lang.