Interview mit Prof. Ernst Schmachtenberg, Präsident der TU 9 und Rektor der RWTH Aachen »Der Dipl.-Ing. darf nicht an Wert verlieren!«

Prof. Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen und Präsident der TU9: »Wir stehen zum Bologna-Prozess! Wir wollen jedoch Kompatibilität herstellen, nicht zuletzt auch um die alten Abschlüsse des Dipl.-Ing. auch in Zukunft in ihrem Wert zu erhalten.«

Welche Gefahren und Herausforderungen birgt das neue Studiensystem? Derzeit schauen die Technischen Hochschulen erwartungsvoll auf die zweitägige Kultusministerkonferenz, die am 14. Oktober beginnen wird. Wird den TU9 dort erlaubt werden, Master-Absolventen fortan wieder den Titel Diplom-Ingenieur zu verleihen? Was steckt hinter dieser Forderung?

Herr Prof.  Schmachtenberg, der Bologna-Beschluss hat zum Inhalt, dass Studiengänge seit diesem Jahr flächendeckend in den dreijährigen Bachelor und den darauf folgenden zweijährigen Master aufgeteilt sein sollen, der europäischen Vergleichbarkeit wegen und für einen einheitlichen Bildungsraum. Warum nun dieser Rückstoß zum alten Abschluss Diplom-Ingenieur? Bedeutet das auch eine Abkehr vom Bologna-Beschluss?

Prof. Schmachtenberg: Nein, überhaupt nicht. Dabei handelt es sich um ein Missverständnis. Wir sind immer wieder falsch interpretiert worden, das tut mir leid. Wir stehen zum Bologna-Prozess! Was wir jedoch wollen ist Kompatibilität herstellen, nicht zuletzt auch um die »alten Abschlüsse« des Dipl.-Ing. auch in Zukunft in ihrem Wert zu erhalten. Wir wollen klarmachen, dass Master und Diplom die gleiche Qualifikation aufweisen, die gleiche Wertigkeit haben, auch wenn das Curriculum nun auf den zweistufigen Studiengang umgestellt wurde. Und gut umgestellt wurde, wie wir finden! Wir haben uns sehr viel dabei gedacht! Ich vergleiche das immer wieder gerne mit dem Produkt Auto und der Marke Mercedes-Benz. Daimler entwickelt auch ständig neue Autos, so wie die Hochschulen neue Studiengänge, aber die Qualität und die Marke sind dieselbe geblieben. Mit unserer Forderung beweisen wir Weitsicht, denn niemand kann im Moment vorhersagen, wie sich die Akzeptanz von Bachelor, Master und Diplom-Ingenieur entwickeln wird, dafür gibt es noch zu wenig Absolventen. Frühestens in 5 bis 20 Jahren werden wir repräsentative Erfahrungswerte haben - nicht alle Hochschulen haben ja gleichzeitig auf das neue Studiensystem umgestellt, - unsere RWTH Aachen beispielsweise hat etwa 2005 damit begonnen - und die Absolventen müssen sich ja erst im Berufsleben bewähren, bevor man wirklich den Wert eines neuen akademischen Grades bewerten kann.   

Die TU Dresden führt zum Wintersemester einen neuen Diplom-Studiengang Informatik ein – wie ist das mit Bologna vereinbar?

Das ist ein Sonderfall, den das sächsische Hochschulgesetz ermöglicht. Soweit ich das weiß, ist das von der Form her eigentlich ein Bologna-kompatibler kombinierter Bachelor-Master-Studiengang. Also viele Merkmale der Studienreform sind dort enthalten, wie etwa das Credit-Point-System und die Modularisierung. Aber der Studierende entscheidet sich sozusagen schon bei der Einschreibung zum Bachelor dafür, die 10 Semester durchzustudieren und den Master-Qualifikationsgrad erreichen zu wollen. Und dafür erhält er in Sachsen den akademischen Grad »Dipl.-Ing.«. Es spricht einiges dafür, solche Studiengänge anzubieten, aber die Hochschulen unterliegen dem Landesrecht und die meisten Bundesländer erlauben ihren Hochschulen solche Studiengänge leider nicht.

Dennoch - sehen Sie Probleme bei dem neuen Studiensystem?

Nennen Sie es Herausforderungen. Beginnen wir mit der Frage nach der Wertigkeit der Abschlüsse. Die Kultusminister haben per Gesetz festgelegt, dass die Abschlüsse der Universitäten und der Fachhochschulen gleichwertig sind. Und Gesetze sind bindend. Aber was bedeutet das für den Arbeitsmarkt? Die erste Qualifikationsstufe ist der Bachelor. Den erreicht der Studierende nach 6-8 Semestern, die 2. Stufe ist der Master, dazu braucht es weitere 3-4 Semester. Und es wird Absolventen aller Hochschultypen mit ihren jeweils unterschiedlichen Profilen geben, die die eine oder die andere Qualifikationsstufe aufweisen. Genau genommen könnten Sie die Bezeichnung Bachelor und Master also wie eine Mengenbezeichung sehen also etwa die 1l und die 2l-Flasche. Sie sagt aber nichts dazu aus, was drin ist, Milch oder Wein etwa.

Daneben bleibt nach meiner Einschätzung das Unterscheidungsmerkmal: Die Universitäten bilden eher grundlagenorientiert aus, befähigen mit dieser Ausbildung zum wissenschaftlichen Arbeiten, die Fachhochschulen eher anwendungsbezogen und erreichen damit in vergleichsweise kurzen Ausbildungszeiten hohe praktische Befähigungen. Und ich bin davon überzeugt, dass wir in der Industrie etwa 80 Prozent der Ingenieure mit diesem anwendungsbezogenen Profil brauchen,

Gleichzeitig wird man das Arbeitsleben durch das neue Bachelor-Master-System System auch anders gestalten können. Manche werden nach Bachelor-Abschluss und einigen Jahren Berufserfahrung den Master machen wollen, um sich weiterzubilden. Möglicher Weise wird es auch sinnvoll sein, ein zweites Masterstudium in einem anderen Fach zu studieren, etwa um sich für ein neues Technologiefeld zu qualifizieren. Dazu müsste die Industrie aber stärker die akademische Weiterbildung fördern.

Diese Bereitschaft der Industrie sehe ich im Moment aber gar nicht?

Wir leben im Zeitalter der Wissensgesellschaft. Da ist es selbstverständlich, dass sich das Fachwissen ständig weiter ausdifferenziert. Dies bedeutet für die Hochschulen, gerade im Master-Bereich immer mehr sehr fachspezifische Studiengänge anzubieten. Dabei müssen wir uns auch die Frage nach der Finanzierbarkeit dieser Art der Bildung in Deutschland stellen. Die Universitäten haben heute in Deutschland zu wenig Geld, um eine im internationalen Vergleich herausragende Ausbildung anbieten zu können.

Natürlich denken die Unternehmen ergebnisorientiert und wollen deshalb möglichst wenig für die Bildung bezahlen, das ist nur normal in unserer Gesellschaft. Und Studiengebühren sind in Deutschland mehrheitlich wohl nicht erwünscht, wie man an den letzten Landtagswahlen etwa in NRW gut ableiten kann. Ich bedaure das sehr, weil es den Hochschulen den Weg versperrt, zahlungswilligen Studierenden eine exzellente Ausbildung anzubieten. Und um die Chancengleichheit zu wahren, gäbe es doch auch den Weg, leistungsfähigen Studierenden aus weniger begüterten Elternhäusern ein exzellentes Studium durch ein staatliches Stipendium zu finanzieren. Aber ich bin Realist und muss anerkennen, dass es in den nächsten Jahrzehnten wohl kaum eine Möglichkeit geben wird, mittels Studiengebühren privates Vermögen zur Finanzierung der Hochschulen zu nutzen.

 Und Unternehmen hierzulande können sich zwar vorstellen, in Forschung zu investieren - das sieht man auch an diversen Stiftungslehrstühlen - Bildung bleibt für sie aber wohl Ländersache! Ich muss allerdings den Unternehmen zugutehalten, dass sie die Stipendien hier an der TH Aachen sehr stark unterstützen. Etwa 10 Prozent der Studenten sollten bei uns ein Stipendium bekommen, das ist unser langfristiges Ziel.

Welche Lösungen zur Finanzierung der Hochschulbildung kommen Ihrer Meinung nach in Frage?

Eine andere Möglichkeit als Studiengebühren wäre eine steuerfinanzierte Umlage für die  Unternehmen wie in Frankreich. Ob die Bildung als zentrale staatliche Aufgabe oder eine private Pflicht des Bürgers angesehen wird, scheint mir eine Frage der politischen Kultur in den unterschiedlichen Staaten zu sein. China hat bildungspolitisch viel erreicht, Forderungen der Linken in Deutschland nach mehr staatlicher Einflussnahme sind also durchaus eine Alternative, wenn der private Bereich dies Aufgabe nicht leisten kann oder will.

Auch mehr Stiftungslehrstühle wären für die Universitäten ein sinnvoller Weg. Sie sind nebst Folgepersonal mit rund fünf Mio. Euro für fünf Jahre zu finanzieren, danach übernehmen die Universitäten die weiteren Kosten für Professoren und Grundausstattung. Auch die Unternehmen würden profitieren, etwa in dem sie Studenten schon im Studium an sich binden könnten und den Zugang zu neuesten Forschungsergebnissen haben. Aber wir haben derzeit weder das Stiftungssystem noch die Mentalität dazu wie in den USA, die so eine hohe Qualität der Ausbildung an ihren Spitzenuniversitäten sicherstellen können. Und indem sie cleverer Weise die besten Köpfe international einkaufen. Hier hat Deutschland großen Diskussions- und Nachholbedarf. Die Politik steht also vor großen Herausforderungen, wenn sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in der modernen Wissensgesellschaft sichern will.

Hochschulen erwachsen durch Bologna völlig neue Perspektiven im Weiterbildungsmarkt, so optimistisch sieht es zumindest der Personalvorstand der Deutschen Telekom, Thomas Sattelberger.  Auch die RWTH Aachen hat bereits diverse Angebote für Studierende, Unternehmen und auch Berufstätige im Angebot. Ist das nicht die Chance, zu mehr Geld zu kommen?

Wir haben im Zuge des Programms »Bildung statt Arbeitslosigkeit « der Bundesagentur für Arbeit im Rahmen der »International Academy« der RWTH Aachen Verschiedenes konzipiert. Man muss allerdings sagen, dass unser Angebot in unerwarteter Weise kein Selbstläufer war. Die Mehrzahl der Unternehmen, die das hätten nutzen sollen, zeigte sich in der Krise nicht bereit, in die Bildung ihrer Mitarbeiter zu investieren, trotz Zuschüssen. Erst jetzt, nach Beendigung der Krise, wächst wieder die Nachfrage nach unserem Weiterbildungsangebot.