Nachruf Der Bildungspräsident

Die Diskussionen in der Bildung haben sich kaum verändert. Schon 1999 sprach Roman Herzog die Herausforderungen der Digitalisierung an.
Die Diskussionen in der Bildung haben sich kaum verändert. Schon 1999 sprach Roman Herzog die Herausforderungen der Digitalisierung an.

Die Mehrheit der Medien rezitiert heute, am Todestag von Altbundespräsident Roman Herzog, seine Ruck-Rede aus dem Jahr 1997. Der Redaktion Karriere der Markt&Technik ist eine andere Rede im Gedächtnis geblieben, die heute aktueller denn je ist.

Der Bundespräsident Roman Herzog maß der Bildung in seiner Amtszeit einen neuen, größeren Stellenwert in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion bei. Auf dem Bildungskongress 1999 in Bonn definierte Herzog Anforderungen an ein modernes, zukunftfähiges Bildungswesen, die heute, fast 20 Jahre nach der Rede, wieder oder immer noch aktuell sind. Die Karriere-Redaktion der Markt&Technik dokumentiert die wichtigsten Passagen. Viele Diskussionen müssen noch geführt werden. 

Geben wir vor allem unseren Bildungsinstitutionen die Möglichkeit, ihre jeweils eigenen Wege und Lösungsmodelle zu finden und auszuprobieren. Diesem Prinzip des Trial and Errors müssen wir uns schon deshalb stellen, weil Schulen und Hochschulen unsere Kinder in Zukunft auf ein Leben vorbereiten müssen, das wir selbst noch gar nicht kennen, auf eine Welt, die noch erkundet und zum Teil noch erfunden werden muß, und auf eine Welt, in der Ungewißheit zum bestimmenden Merkmal geworden ist.  Und dazu kommt noch zusätzlich etwa grundlegend Neues: Der klassische Glaube der Aufklärung, wonach die Vermehrung von Informationen automatisch zu mehr Erkenntnis führt, wird in Zukunft nur noch sehr eingeschränkt gelten. Nicht die Beschaffung von Informationen wird das Problem sein. Im Gegenteil: Wir werden Strategien entwickeln müssen, um uns in der Vielfalt der Zeichen, Bilder und Daten auf das Wesentliche zu beschränken und das Richtige auszuwählen. Ich behaupte, daß wir auch darauf noch nicht vernünftig vorbereitet sind.

Stichworte: Big Data, Smart Data, Usability

Unser Bildungssystem braucht mehr Wettbewerb und Effizienz, mehr Eigenständigkeit und Selbstverantwortung, mehr Transparenz und eine bessere Vergleichbarkeit der Bildungsinstitutionen. Es darf die soziale Mobilität - nach oben wie nach unten - nie aus den Augen verlieren, ebenso muß es aber Leistung fördern und fordern. Die Lerninhalte und -methoden stehen überall auf dem Prüfstand; ich nenne nur die Integration der neuen Medien in den Unterricht, die Reduzierung des Unterrichtsstoffes auf das Wesentliche und die stärkere Einbeziehung des Berufslebens in den Unterricht.

Stichworte: Arbeit 4.0, Ausbilung der Zukunft, Schule 4.0

Derzeit tragen die Lehrer nur die Verantwortung für ihren individuellen Unterricht. In Zukunft sollten sie mehr Verantwortung für die ganze Schule als Gemeinschaftsprojekt tragen. Ein solches modernes Schulmanagement ist aber für alle Beteiligten weitgehendes Neuland – deshalb müssen unsere Lehrer und Schulleiter darauf auch rechtzeitig und professionell vorbereitet werden.

Stichworte: New Work, neue Arbeitsformen, Teamarbeit 

Wir werden unsere Probleme nicht lösen, wenn wir uns nicht endlich daran machen, unsere Lerninhalte und -methoden zu überarbeiten. Auch dazu noch einige prinzipielle Anmerkungen. Zuallererst: Die Informationstechnik wird eine Revolution in den Klassenzimmern auslösen.Wir müssen die Pädagogik für das Informationszeitalter aber erst noch erfinden.Ich weiß, daß über neue Formen des Unterrichtens schon so lange gestritten wird, wie es Schulen gibt. Heute aber stehen wir, durch die revolutionäre Entwicklung der Informationstechnik, vor einer grundlegend neuen Situation. Der Computer wird für eine wirkliche Neugestaltung unserer Lerninhalte und Unterrichtsformen ein zentraler Kristallisationskern sein. Er muß dann aber auch integraler Bestandteil von didaktischen Konzepten für alle Fächer werden. Es ist noch immer ein weit verbreitetes Mißverständnis, daß Computer in den Schulen vor allem dem Informatik-Unterricht dienen. Der Umgang mit dem Computer gehört aber wie das Lesen Schreiben und Rechnen heute zu den selbstverständlichen Kulturtechniken, die fast in allen Fächern Auswirkungen haben. Dazu fehlt es meist nicht nur an der Ausbildung der Lehrer, sondern auch an pädagogischen Hilfen, mit denen der Computer zum Instrument im Geschichts-, Mathematik- oder Englischunterricht gemacht werden kann.

Stichworte: Schule 4.0, Sinn oder Unsinn – iPad-Klassen, Digitalisierung mit Konzept

Neben den klassischen Grundfertigkeiten werden die Methoden moderner Wissensaneignung zentrale Bedeutung erlangen. Damit rückt zugleich die Fähigkeit zur Eigenverantwortung und zur Selbstorganisation des Lernenden in den Mittelpunkt, und die Aufgaben des Lehrers werden sich dadurch ebenfalls wandeln: Er wird nicht mehr nur Wissensvermittler, sondern immer mehr auch Moderator von selbständigen und gruppenorientierten Lernprozessen werden. Darauf müssen wir unsere Lehrer aber dann auch vernünftig vorbereiten, und zwar schon während ihrer Ausbildung und nicht erst danach.

Stichworte: Schule 4.0, Arbeit 4.0

Weder den Lehrern noch den Schülern kann zugemutet werden, daß sie mit der Explosion des Wissens Schritt halten und infolgedessen immer mehr Lernstoff durcharbeiten; denn dann bleibt kaum noch Zeit, das Gelernte zu verinnerlichen und soziale Kompetenzen und Charaktereigenschaften für eine zunehmend komplexere Lebenswelt zu vermitteln. Diese brauchen wir im 21. Jahrhundert aber dringend: wir brauchen Konflikt- und Kompromißfähigkeit, interkulturelle Kompetenz, Leistungsbereitschaft und Rücksichtnahme, Offenheit, Traditions- und Wertebewußtsein - um nur das allerwichtigste zu nennen.

Stichworte: Soziale Kompetenz gewinnt an Bedeutung

Bereitet die Schule wirklich ausreichend auf das vor, was in unserer Gesellschaft an Neuem entsteht? Unsere augenblickliche Erfahrung gibt hier zu denken: Es gibt in Deutschland zur Zeit mehr als 350 Ausbildungsberufe, viele davon sind erst in den letzten Jahren in zukunftsorientierten Branchen neu eingerichtet worden. Trotzdem drängt die Hälfte aller Schulabgänger noch immer in nur 15 altbekannte Ausbildungsberufe.

Stichworte: Ausbildung 4.0, mehr Spezialisierung

Die komplette Rede können Sie hier nachlesen.