Persönlichkeit Das Zeitalter der Narzissten?

Weniger Narzissten: Das wirkt sich auch auf das Betriebsklima aus.
Weniger Narzissten: Das wirkt sich auch auf das Betriebsklima aus.

Hier ein Like, ein Post und dann noch ein Foto - Selbstdarstellung gewinnt an Bedeutung, manche Beobachter beschwören eine Narzissmusepidemie. Ein Forschungsteam von Psychologen um Dr. Eunike Wetzel von der Universität Konstanz kommt zu einem anderen Ergebnis: Der Narzissmus ist zurückgegangen.

Für ihre Studie werteten die Psychologen Daten von drei amerikanischen Universitäten aus, die seit 1992 einen einheitlichen Narzissmus-Persönlichkeitstest durchführen. Die Daten stammen von insgesamt rund 60.000 Studierenden, die zum Zeitpunkt ihrer jeweiligen Befragung im Alter zwischen 18 und 24 Jahren waren. »Es geht uns nicht um den Narzissmus im Sinne einer klinischen Störung wie die narzisstische Persönlichkeitsstörung«, betont Wetzel und verdeutlicht: »Wir untersuchen Narzissmus in der allgemeinen Bevölkerung. Wir betrachten Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft, wie zum Beispiel auch Extraversion oder Gewissenhaftigkeit Merkmale eines Menschen sind: Manche Menschen sind gewissenhafter als andere, manche neigen stärker zu Narzissmus als andere«, so Wetzel.

»Wir hatten erwartet, dass wir einen Anstieg im Narzissmus zwischen 1992 und den 2000er-Jahren finden würden und anschließend einen möglichen Rückgang nach der Weltwirtschaftskrise. Wir waren daher überrascht von den Ergebnissen unserer Studie«, schildert Eunike Wetzel, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Psychologische Methoden und Diagnostik am Fachbereich Psychologie der Universität Konstanz. Klassische Theorien gehen davon aus, dass Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums förderlich für die Entwicklung von Narzissmus sind, während Wirtschaftskrisen mit sinkendem Narzissmus in Zusammenhang gebracht werden. Wetzels Ergebnisse zeichnen jedoch ein anderes Bild: Der Rückgang im Narzissmus setzte bereits in den ökonomisch stabilen Zeiten vor der Wirtschaftskrise ein.  Der Rückgang von Narzissmus zeichnet sich gleichermaßen bei Männern und Frauen ab, insbesondere in den Aspekten Anspruchsdenken und Führungsverhalten. Abweichend von dem Schema stellten die Psychologen jedoch nur bei Frauen eine generelle Verringerung des dritten Aspekts, Eitelkeit, fest. 

Weniger Anspruchsdenken

»Bisherige Forschung betrachtete Narzissmus nur als Gesamtkonstrukt. Das ist problematisch, weil Narzissmus aus verschiedenen Aspekten besteht«, fährt Eunike Wetzel fort. Die Psychologin unterscheidet daher in ihrer Studie drei wesentliche Facetten des Narzissmus – Führungsverhalten (Leadership), Eitelkeit (Vanity) und Anspruchsdenken (Entitlement) – und verfolgt die Ausprä-gung dieser Facetten über die drei untersuchten Jahrzehnte hinweg. Den deutlichsten Rückgang verzeichnet das Merkmal Anspruchsdenken, das ausdrückt, ob sich ein Mensch gegenüber seinen Mitmenschen als höherwertig und überlegen fühlt. »Das ist interessant, da dieses Merkmal gemeinsam mit Eitelkeit zum Kern des Narzissmus gehört. Dass gerade diese Aspekte zurückgegangen sind, widerspricht der These von einer Epidemie des Narzissmus«, verdeutlicht Wetzel.