Nachwuchsförderung: Technik für Kinder e.V. »Das Interesse der Schulen ist riesig und die Warteliste lang«

Kinder sind die geborenen Forscher und Entdecker. Offen. Neugierig. Interessiert. Begeisterungsfähig. In jedem Kind steckt eine Art physikalisches Grundwissen. Wird dieses nicht genutzt und gefördert, schwindet dieser „Muskel“ – wie bei einem Sportler.
Kinder sind die geborenen Forscher und Entdecker. Offen. Neugierig. Interessiert. Begeisterungsfähig. In jedem Kind steckt eine Art physikalisches Grundwissen. Wird dieses nicht genutzt und gefördert, schwindet dieser „Muskel“ – wie bei einem Sportler.

Vor kurzem erschien eine Studie der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), nach der die meisten Förderprogramme, um mehr Frauen für technische Studiengänge zu begeistern, nur wenig Erfolg haben. „Kein Wunder“, sagt Heidi Heigl, Geschäftsführerin des - mittlerweile preisgekrönten - Vereins „Technik für Kinder e.V.“ an der Hochschule Deggendorf: „Man muss viel früher ansetzen!“

Frau Heigl, es gibt mittlerweile 13.000 Initiativen in Deutschland, um den Nachwuchs im MINT-Bereich sicherzustellen. Der Frauenanteil in technischen Berufen hat sich dennoch nur marginal erhöht. Was läuft da falsch?

Heidi Heigl: Alle Aktionen, die unternommen werden, um technischen Nachwuchs zu gewinnen, sind sehr zu begrüßen! Für uns – den Verein „TfK – Technik für Kinder e.V.“ – beginnen diese Maßnahmen aber häufig zu spät. Ich selber habe viele Jahre Auszubildende auf ihren Weg ins Berufsleben begleitet. Aus Erfahrung weiß ich, dass mindestens die Hälfte der Schulabgänger nicht wissen, wofür sie sich beruflich begeistern können. Die Jugendlichen kennen ihre natürlichen Talente und Stärken nicht. Woher auch? Ein Jugendlicher, der mit 15 zum ersten Mal einen Tennisschläger in der Hand hält, hat schlechte Aussichten für eine Tenniskarriere. Genau so ist es mit Fußball, Ballett, Musik, etc. Warum soll es bei „Technik“ anders sein? Wir sind der Überzeugung, dass wir früher – vorpubertär – ansetzen müssen. Kinder sind die geborenen Forscher und Entdecker. Offen. Neugierig. Interessiert. Begeisterungsfähig. In jedem Kind steckt eine Art physikalisches Grundwissen. Wird dieses nicht genutzt und gefördert, schwindet dieser „Muskel“ – wie bei einem Sportler. Wir wollen diese offene und neugierige Haltung nutzen, indem wir eine Umgebung schaffen, in der Kinder Erfahrungen sammeln und ausprobieren können. In kindgerechten Workshops erfahren Mädchen und Jungen, wie spannend, einfach und faszinierend Technik sein kann. Wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass die Entscheidung für einen Techniker- bzw. Ingenieurberuf bei 80 % in der Kindheit begründet liegt.

 

Greift Ihr Ansatz denn besser?

Heinz Iglhaut – selber begeisterter Ingenieur und Unternehmer - startete einen „Testlauf“ in Grundschulen. Der „Technikbegeisterungskurs“ schlug voll ein! Nach dem erfolgreichen Pilotprojekt war man sich schnell einig – das Projekt soll auf ein breites Fundament gestellt werden. Im August 2010 wurde die Vision – die als reine Privatinitiative aufgesetzt war – institutioniert. Inzwischen konnten wir bereits mehr als 2.000 Kinder begeistern! Das Projekt „SET – Schüler entdecken Technik“ bietet Mädchen und Jungen von der 4. – 6. Klasse an sechs Nachmittagen eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Lehrplänen. Die Schüler dürfen frei experimentieren und z.B. eine Taschenlampe, Sirene und einen Wechselblinker bauen. Die jungen Forscher rücken ausrangierten PCs mit Lötkolben zu Leibe. Der alte DVD-Player wird auseinander genommen. Ein funktionsunfähiges Autoradio in seine Einzelteile zerlegt und sein Innenleben erforscht. Spielerisch und ohne Lerndruck. Spannend. Unterstützend. Es darf auch mal etwas kaputt gehen. Studenten der Hochschule und technische Auszubildende von Unternehmen stehen den jungen „Technikdetektiven“ dabei zur Seite. Auch pensionierte Techniker  geben ihr Wissen an die junge Generation weiter. Angesagt ist selber machen und ausprobieren. Oft kommen die kreAKTIVEN „Junior-Ingenieure“ auf Lösungen, zu denen ein „Alltags-Ingenieur“ gar keinen Zugang mehr hat. Die Schüler sind mit Feuereifer bei der Sache und nehmen nach Ende des Kurses mit glänzenden Augen stolz ihre Urkunden entgegen. Die selbst gebauten Werkstücke dürfen mit nach Hause genommen werden.

Wie stellen Sie sicher, dass die Kinder dabei bleiben?

Wichtig ist, dass die Kinder Spaß haben! Wenn wir Raum und Zeit vergessen, sind wir in unserem Element und unserer Berufung nahe. „Begeistern durch Machen“ – dieses Motto zieht sich durch all unsere Projekte. Begreifen hat etwas mit Anfassen zu tun. Und: Kinder müssen wissen, warum sie etwas lernen sollen. Allzu oft wird durch reine Theorie der kindliche Wissensdurst erstickt. Kinder schalten ab, wenn sie nicht wissen, wofür etwas gut sein soll und verlieren dann das Interesse. Geschmack an „Technik“ finden junge Menschen, wenn es gelingt, einen Bezug zur eigenen Lebenswelt herzustellen. Technik bestimmt unser tägliches Leben und hält tausendfach Technikerfahrung bereit. Technik ist keine graue Theorie, sondern bietet vielfache Möglichkeiten für mehr Lebensqualität.

Ist Technik nur was für Mathe-begabte?

Die Basis für mehr MINT wird in den Schulen gelegt. Unserer Erfahrung nach hat technisches Verständnis nicht unbedingt mit Noten zu tun. Kinder mit Lernschwierigkeiten entpuppen sich oft als wahre „Technikgenies“. Für diese Schüler ist die Erfahrung, dass sie im praktischen Tun stark sind, besonders wertvoll. Sowohl für ihre Motivation als auch die spätere berufliche Orientierung. Nur wer seine Stärken kennt, kann darauf aufbauen und sie bestmöglich ausschöpfen. Talente und Interessen unseres Nachwuchses zu erkennen und zu fördern ist eine gesellschaftliche Aufgabe und kommt letztendlich uns allen zugute.

Wie geht es weiter mit Ihrem Verein?

Es gibt vier Hauptaktionen: 1. SET – Schüler entdecken Technik, 2. Technikferien, 3. JECC – Der Computer- und Elektronik-Club für Jugendliche und 4. Technikhäuser (in Planung).  „TfK – Technik für Kinder e.V.“ begeistert die heranwachsende Generation frühzeitig und nachhaltig für die faszinierende Welt der Technik. Mit „SET – Schüler entdecken Technik“ gehen wir im Herbst bereits mit 75 Schulen in Bayern an den Start. Das sind mehr als 1.300 Kinder! Das Interesse der Schulen ist riesig und die Warteliste lang. Unser Ziel ist es, in ganz Bayern Kinder auf den Geschmack kommen zu lassen und „SET“ anzubieten. Bis 2014 soll das Technikfieber 16.000 Mädchen und Jungen gepackt haben. Das Projekt soll möglichst breitflächig ankommen und die Thematik ins öffentliche Bewusstsein rücken. Realisieren können wir das, wenn Wirtschaft, Politik, Schulen und Hochschulen an einem Strang ziehen. Es ist uns gelungen, für unser Zukunftsprojekt eine Co-Finanzierung aus dem Europäischen Sozialfonds zu erhalten. Diesen Topf können wir nur dann vollständig ausschöpfen, wenn Unternehmen in die eigene Zukunft investieren und das Projekt unterstützen. Eine lohnende Investition in die Zukunft. Unsere Fachkräfte sind das größte Plus des Technikstandorts Deutschland. „Made in Germany“ steht bis heute für den weltweit bekannten Ingenieurgeist. Wenn wir frühzeitig die Weichen stellen und unseren Nachwuchs gezielt fördern, stärkt das unseren Unternehmensstandort Bayern, sichert unseren Wohlstand und unsere Zukunft. Was wir brauchen, sind langfristige Investitionen in die Zukunft – qualifizierte Fachkräfte für technische Innovationen aus Bayern und Deutschland. Neben einer zielgerichteten Aus- und Weiterbildung gilt es vor allem, frühzeitig die Weichen zu stellen und unseren Nachwuchs gezielt zu fördern. Unsere Zukunft liegt in jungen Händen.