Hirnforschung Daddeln – 1 Stunde pro Woche ist förderlich

Timm Lutter, Bitkom-Bereichsleiter für Consumer Electronics und Digital Media meint: »Digitales Lernen entspricht der Lebenswelt der Schüler und Serious Games sind für Schüler und Lehrer gleichermaßen ein Gewinn.«

Was sagt die Hirnforschung zur Nutzung digitaler Medien? Die gemeinnützige Hertie-Stiftung hat den aktuellen Stand neurowissenschaftlicher Erkenntnisse zusammengetragen.

»In vielen gesellschaftlich wichtigen Bereichen fehlen weitgehend praxisrelevante Ergebnisse der Hirnforschung«, sagt Dr. Emanuela Bernsmann, Projektleiterin bei der Hertie-Stiftung.

In besonderem Maße könnten demnach Schulen von neurowissenschaftlicher Forschung profitieren. So lägen beispielsweise in der Neuropädagogik viele Ergebnisse zur Lokalisation von Funktionen wie Lesen und Rechnen vor, aber für die Verbesserung des Schulunterrichts lieferten sie bislang keine konkreten Erkenntnisse. Aus diesem Grund hat die Hertie-Stiftung mit einem Team von Neurowissenschaftlern und Pädagogen den aktuellen Stand der Forschung zusammengetragen. Ausgewählte Erkenntnisse in Hinblick auf die Nutzung digitaler Medien:

  • Lern-DVDs für Babys und Kleinkinder wirken sich negativ auf die geistigen Fähigkeiten der Kleinen aus.

Kindergartenkinder, die noch nicht lesen und schreiben können, prägen sich Buchstaben und kurze Wörter besser ein, wenn sie diese ganz klassisch mit einem Stift auf Papier in spielerischen Schreiblernübungen von Hand malen, statt sie per Tastatur und Computer zu reproduzieren.

  • Die Nutzung von Computerspielen (»Daddeln«) steigert die Fähigkeit, sich auf Relevantes zu fokussieren und störende Reize auszublenden.
  • Mediales Multitasking – also etwa Chatten bei gleichzeitiger Berieselung durch Musikvideos – schadet der Aufmerksamkeit.
  • Eine Stunde Computerspiel pro Woche hat einen positiven Effekt auf die visomotorischen Fähigkeiten von Schulkindern. Häufigeres Spielen kann jedoch negative Auswirkungen haben.

Pubertät: stärkerer Fokus auf Emotionsverarbeitung
Auch Erkenntnisse über das »pubertierende Gehirn« könnten in Zukunft noch besser genutzt werden.

Während der Pubertät durchlaufen die Gehirne von Jugendlichen eine Phase, in der sich Umwelteinflüsse in besonderer Weise prägend auswirken. Die ständige Suche nach neuen Erfahrungen und Belohnungsanreizen lasse sich durch geschickte Didaktik für Unterricht und Lernverhalten nutzen. Außerdem »wäre es wünschenswert, wenn sich der Unterricht in der Pubertät gerade auch den Bereichen der Emotionsverarbeitung und Impulskontrolle sowie der Selbstwahrnehmung widmen würde, um diesen wichtigen Entwicklungsprozess zu unterstützen«, heißt es in der Publikation.

Tagträumen: bewusstes Abschweifen als kreative Technik
Wenn Jugendliche in der Schule tagträumen, wird dies häufig negativ bewertet. Beim mentalen Abschweifen verliert das Gehirn einen Teil der Kontrolle, wodurch leichter Fehler passieren können. Im Gegensatz dazu ist spontanes, kreatives Denken aber nur möglich, wenn das Gehirn von äußeren Reizen abgeschirmt ist.

Daher sollten einerseits Strategien entwickelt werden, um Tagträume während des Unterrichts zu vermeiden. Andererseits könnten Techniken erlernt werden, mit deren Hilfe den eigenen Gedanken bewusst freien Lauf gelassen wird, um sich bei Bedarf auch gezielt wieder zu sammeln.

Alle Forschungsergebnisse zum Thema Schule samt weiterführender Literaturempfehlungen können auf der Homepage der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung unter www.ghst.de/gap als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Weitere Informationen rund um das Gehirn finden interessierte Laien auch auf www.dasGehirn.info. Das erste interaktive Online-Portal zum menschlichen Gehirn bereitet das gebündelte Wissen über das Gehirn für die breite Öffentlichkeit auf und bildet gleichzeitig die aktuelle neurowissenschaftliche Forschung ab.