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Moderne Bedienoberflächen bedienen sich neuen Webtechnologien wie html 5.
Moderne Bedienoberflächen bedienen sich neuen Webtechnologien wie html 5.

Tom Cadera macht Maschinen bedienbar. Der Würzburger Designer entwickelt mit seinem Team Usability-Konzepte für die Industrie. Die Nachfrage nach guter Bedienbarkeit und Fachkräften steigt. Im Interview erklärt Cadera, wie man Usability-Designer wird und warum auch Elektroingenieure gefragt sind.

Markt&Technik: Sie arbeiten als Designer und Usability-Experte – was unterscheidet die Professionen, was verbindet diese? 

Tom Cadera: Ich habe Industrial Design studiert. Dieser Studiengang ist eine spannende und umfassende Mischung verschiedener Inhalte aus den Bereichen Gestaltung, Technik, Werkstattpraxis (ähnlich kleiner Mini-Lehren) und Bezugswissenschaften. Neben Psychologie gehört vor allem auch Ergonomie zu diesen Bezugswissenschaften, die den Bogen zur User Experience und Usability schlagen. Und die Ergonomie als klassische Arbeitswissenschaft, lehrt uns, wie man Produkte gebrauchstauglich entwirft. Für jedes Produkt ist es wichtig, dass es gut zu nutzen, zu bedienen, zu handhaben ist. Da geht es unter anderem um Greifräume, Handhabungskräfte und Bediensicherheit. Es gibt also das gemeinsame Ziel, Dinge (Produkte und Software-(Oberflächen)) anwenderfreundlich zu konzipieren und zu gestalten. Für mich ist Usability und User Experience die logische und natürliche Fortentwicklung des Ergonomie-Gedankens. Im wesentlichen fand dabei die Übertragung bzw. Ergänzung von dreidimensionalen mechanischen Themen auf zweidimensionale elektronische statt – und auf Nutzerseite die Übertragung von physischen Aspekten auf kognitive Ebenen.

Markt&Technik: Und der Unterschied?

Cadera: Ein Unterschied dieser beiden Professionen liegt vor allem darin, dass man eine gute Usability (also Gebrauchstauglichkeit) auch ohne gutes visuelles Design erzielen kann. Darunter leidet aber dann natürlich die User Experience, bei der das emotionale Erleben eines Produktes einer Software im Mittelpunkt steht. Design hingegen ist ein sehr umfassender Begriff, der genau genommen auch den Prozess der Produktentwicklung beschreibt. Die Begriffe hängen also eng zusammen und bedingen sich zum Teil gegenseitig. Zusammenfassend könnte man den Zusammenhang dieser Begriffe auch so erklären: Gutes visuelles Design und gute Usability ermöglichen eine sehr gute User Experience.

Markt&Technik: Smartphones und Tablets haben einen großen Einfluss auf die Bedienung  – wie reagiert die Industrie darauf? 

Cadera: Die Verbreitung von SmartPhones und Tablets seit 2007 hat die Bedürfnisse der User stark beeinflusst. Die Interaktionsprinzipien und das in aller Regel gute Design vieler Apps erzeugte die Erwartungshaltung, dass alle Produkte heutzutage genauso einfach oder nach denselben Prinzipien bedient werden können wie die einschlägigen Mobile Devices. Das betrifft mittlerweile auch die Industrie. Auch hier haben wir vermehrt mit der Generation der Digital Natives an den Maschinen stehen. 

Die Industrie bemüht sich, adäquate Lösungen bereit zustellen. Dies ist allerdings technisch und wirtschaftlich deutlich schwieriger als beispielsweise in der Telekommunikationsbranche. Denn wir haben in der Industrie viel geringere Stückzahlen und härtere technische Anforderungen. Gleichzeitig werden sehr lange Laufzeiten von Maschinen erwartet. Die einzusetzende Technik ist deshalb im Industrie-Umfeld häufig sehr viel teurer als die Technik, die – für die hohen Stückzahlen maßgeschneidert entwickelt – in einem Smartphone verbaut werden kann. In der Industrie ist man in der Regel sehr auf industrietaugliche elektronische Standard-Komponenten angewiesen. Und diese hinken dem aktuellen technischen Stand im Consumer-Bereich immer ein bisschen hinterher, sind größer und langsamer.

Allerdings tut sich aktuell eine große Chance für die Industrie auf: Die Webtechnologie ermöglicht, wirklich von Consumer-Errungenschaften relativ zeitnah zu profitieren. Die dort erarbeiteten modernen Prinzipien auf html 5 Basis ermöglichen responsive und performante Benutzeroberflächen auch in der Industrie.

Markt&Technik: Webtechnologien wie hmtl 5 in der Industrie – wie funktioniert das? 

Cadera: Letztlich kommt diese vor allem im Frontend-Bereich zum Einsatz. Moderne Entwicklungsframeworks setzen ohnehin auf die saubere Trennung von Inhalt (beispielsweise Steuerung) und Form (etwa Benutzeroberfläche). Und eine der modernsten Ansätze ist der Einsatz von html5 basierten Benutzeroberflächen. Hier ist natürlich ein integrierter Webserver mit im Einsatz und die Interaktion an der Oberfläche muss letztlich sicher und schnell an die Steuerung (SPS) weitergegeben werden. Hierfür gibt es mittlerweile sehr interessante Lösungen.

Warum brauchen Industrieunternehmen Usability-Experten? 

Cadera: Wir stellen immer häufiger fest, dass schlecht zu bedienende Produkte keine Akzeptanz mehr finden. Und dies zu recht. Wir sprachen ja vorhin schon über “Digital Natives“ und deren Erwartungshaltung. Uns als Designer und Usability Experten, die wir schon seit fast 25 Jahren mit diesen Themen beschäftigt sind, freut natürlich, dass Usability Eigenschaften inzwischen selbstverständlich zum Qualitätsprofil von Produkten gehören. Bei der Bedienung von Maschinen kommen sogar noch weitere Aspekte hinzu: Hier geht es beispielsweise zusätzlich auch um Maschinensicherheit. Fehlbedienungen können sehr gefährlich für die Gesundheit (und das Leben) der/des Bedieners sein und aus Sicht des Maschinenbetreibers geht es natürlich vor allem auch um Wirtschaftlichkeit. Jede Maschine ist eine Investition, die sich möglichst schnell amortisieren soll. Hierfür ist die Maschinenverfügbarkeit, schnelle Rest- und Einrichtungszeiten und eine fehlerfreie durchlaufende Produktion wichtig. All dies steigert man mit guter Usability.

Markt&Technik: Welche Branche sind Vorreiter und warum – in welchen Branchen sind Sie unterwegs? 

Cadera: Wir arbeiten beispielsweise viel für Pharma-Unternehmen. In dieser Branche hat man naturgemäß höhere Qualitätsansprüche. Das spielt sich dann häufig auch in Usability-Anforderungen wieder. Häufig sind wir auch für Verpackungsmaschinen-Hersteller tätig. Auch hier beobachten wir eine immer stärkere Qualitätsorientierung. Das kommt uns sehr entgegen.

Markt&Technik: Warum stellt die Industrie die Usability-Experten nicht selber an und sourct das Thema aus, wenn es doch so relevant ist?

Cadera: Große Maschinenbauer tun genau das. Bei mittleren und kleineren Unternehmen gibt es nicht ständig Themen, die Usability Experten voll beschäftigen. Für diese ist es meist sinnvoller, die punktuellen Bedürfnisse mit externen Spezialisten abzudecken. Außerdem profitieren die Unternehmen natürlich auch von der Erfahrung, die externe Spezialisten wie wir im Rahmen vielfältiger Projekte gewinnen konnten.

Markt&Technik: Sie suchen selber Usability-Experten – was müssen diese mitbringen oder was muss man können, um Usability-Designer zu werden?

Cadera: Wir suchen nicht nur Usability Experten, sondern auch Frontend-Entwickler. Nachdem wir fast ausschließlich mit Industrie-Themen unterwegs sind, sollten Bewerber bei Cadera Design ein großes technisches Verständnis aufbringen und am besten Vorerfahrung aus der Industrie mitbringen. Begriffe wie SPS und OPC UA sollten keine Fremdwörter sein. Wir haben ja auch schon vorhin über html 5 gesprochen. Unsere Usability Experten sollten wissen, wie man mit den jeweiligen technischen Rahmenbedingungen gestaltet und arbeitet. Unsere Frontend-Entwickler wiederum brauchen Usability Grundkenntnisse. Im Idealfall haben sie darüber hinaus auch schon einmal mit gängigen und modernen anderen Visualisierungs-Tools gearbeitet.

Markt&Technik: Wie schwer ist es, Usability-Experten zu finden  und warum?

Cadera: Nachdem die Branche boomt, ist es aktuell gar nicht so einfach gute Leute zu finden. Gerade Usability-Experten mit Industrie-Know-how und technischem Interesse bis hin zur Programmiernähe sind nicht häufig zu finden.

Markt&Technik: Wo wird ausgebildet? 

Cadera: Zu meiner Zeit, ich habe 1992 mein Diplom gemacht, waren Usability Experten in der Regel spezialisierte Psychologen und Arbeitswissenschaftler. Inzwischen gibt es zahlreiche Studiengänge mit unterschiedlichen Schwerpunkten und im Rahmen verschiedener Ausbildungsrichtungen, beispielweise in Potsdam, Konstanz, Schwäbisch Gmünd, aber auch in Würzburg.

Markt&Technik: Mit was für Tools arbeiten Sie und was zeichnet diese aus?

Cadera: Im Bereich der Frontend-Entwicklung für die Industrie – unser Haupttätigkeitsfeld – arbeiten wir wie gesagt mit hml5 Technologien, aber genauso mit den gängigen bewährten Visualisierungstools wie WinCC, Zenon und VisiWin. Hier bestimmt der Kunde in aller Regel, welche Tools zum Einsatz kommen. Es drängen sich hier aber auch neue Tools auf den Markt, die neue Technologie-Ansätze haben und meist eine mehr oder weniger starke html5-Orientierung. Hier sehe ich vor allem Smart HMI, ProconWeb. Auch vielversprechende neue Ansätze von B&R, Beckhoff, Copa-Data und Siemens mit WinCC OA beobachten wir mit großem Interesse.

Markt&Technik: Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf? 

Cadera: Die Vielfalt unddie Technik. Uns wird es nie langweilig. Und das schöne ist: Wir erleichtern den Anwendern die Arbeit an ihren Arbeitsplätzen. Wir arbeiten auch immer für die Menschen. 

Markt&Technik: Warum hat der Beruf Zukunft?

Cadera: Die Welt wird einerseits immer komplexer, Informationsmengen immer größer. Alle wollen mit all den Informationen etwas sinnvolles anfangen und auch Geschäftsmodelle daraus ableiten. Die Kunst ist es, diese Informationsflut handhabbar zu machen, und Informationen in der richtigen, meist kleinen Menge zur richtigen Zeit am richtigen Ort, passend zur aktuellen Aufgabe des Anwenders darzustellen. Das gilt genauso für ein kleines Maschinen- oder Geräte-Interface wie für komplexe Leitstände oder Industrie 4.0 Portale. Und von allem bekommen wir eine immer größere Vielfalt. Das bekommt man auf allen Ebenen nur mit Usability Experten, talentierten Frontend-Entwicklern und Designern in den Griff.

Markt&Technik: Ist Usability-Design auch etwas für Elektroingenieure oder Maschinenbauer?

Cadera: Ja, natürlich, wenn die Techniker für dieses Thema brennen, kann man sich die entsprechenden Zusatzqualifikationen natürlich aneignen. Hier gibt es beispielsweise die Ausbildung zum zertifizierten Usability Engineer am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT. Und natürlich haben diese Ingenieure einen Vorteil. Sie kennen die Branche und deren Spielregeln.