Weißbuch »Arbeiten 4.0« Bitkom: »Vorschläge von Ministerin Nahles greifen zu kurz«

Zur Stunde und noch bis 17.15 Uhr läuft die Abschlusskonferenz zu 'Arbeiten 4.0'.
Zur Stunde und noch bis 17.15 Uhr läuft die Abschlusskonferenz zu 'Arbeiten 4.0'.

Dem Bitkom geht das heute veröffentlichte Weißbuch »Arbeit 4.0« des BMAS nicht weit genug. Kritik gibt es in Punkto Arbeitsrecht, wo der Verband mehr Freiheiten will. Und an der geplanten Regelung zu Arbeitnehmerüberlassung und Werkverträgen.

Das Weißbuch zum Arbeiten 4.0, welches das BMAS heute vorgestellt hat, geht dem Bitkom nicht weit genug.

Zum Beweis zitiert der Bitkom aus seiner aktuellen repräsentativen Umfrage zur Zukunft der Arbeit unter 1.534 Unternehmen. Demnach verändern sich durch die Digitalisierung nicht nur Berufsbilder und Arbeitsinhalte, sondern auch die Ansprüche an den Arbeitsplatz. Vier von fünf Unternehmen (79 Prozent) berichten, dass sich ihre Mitarbeiter eine flexible Arbeitsgestaltung wünschen, wie Homeoffice, Familienzeit und Sabbaticals. Fast jeder zweite Chef (48 Prozent) sagt aber auch, dass die Gesetze dafür noch gar nicht reif sind: Demnach sehen sich die Unternehmen gezwungen, an klassischen Arbeitsverhältnissen festzuhalten, anstatt flexiblere Formen anzubieten. Die Wirtschaft erwartet, dass sich das auf absehbare Zeit kaum ändern wird. Auch in zehn Jahren würden normale Arbeitsverhältnisse überwiegen, erklären 69 Prozent der Unternehmen.

»Stechuhr und Kernarbeitszeit haben in vielen Jobs längst ausgedient, die Erwerbstätigen möchten zunehmend flexibel und selbstbestimmt arbeiten«, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. »Eigenverantwortliches und projektorientiertes Arbeiten wird künftig immer wichtiger. Neue Technologien machen das heute schon möglich.« 

Das sei allerdings keine Einbahnstraße, mahnt Rohleder an. »Flexibilität muss für beide Seiten möglich sein – für Mitarbeiter und Unternehmen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert«. 

Konkrete Vorschläge finden sich im Weißbuch »Arbeiten 4.0«, das Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles heute vorgelegt hat. Darin wird unter anderem empfohlen, für Beschäftigte ein persönliches Erwerbstätigenkonto mit einem steuerfinanzierten ‘Startkapital’ anzulegen, das sie für Qualifizierung und Auszeiten nutzen können.

Zudem sollen bestehende Möglichkeiten der Weiterbildungsförderung auch im Hinblick auf digitale Kompetenzen geprüft werden. Darüber hinaus wird ein Wahlarbeitszeitgesetz diskutiert, das Beschäftigten mehr Wahlmöglichkeiten in Bezug auf Arbeitszeit und -ort einräumt und zunächst zeitlich befristet in einzelnen Unternehmen erprobt werden soll.

Der Bitkom begrüße es, dass das Bundesarbeitsministerium die Bedeutung der Weiterbildung erkannt habe und eine »gewisse Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes in Aussicht stellt«. 

Die Vorschläge griffen jedoch zu kurz. Denn die Möglichkeit der Abweichung von den geltenden Regelungen des Arbeitszeitgesetzes werde an sehr enge Voraussetzungen gebunden.

Der Bitkom fordert dagegen, das Arbeitsrecht konsequent an die Bedingungen der Digitalisierung anzupassen. So sollte die Digitalwirtschaft, in der gute Löhne gezahlt werden und sich der Fachkräftemangel weiter zuspitze, grundsätzlich von den Einschränkungen bei Arbeitnehmerüberlassung und Werkverträgen ausgenommen werden. Zudem sollten für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf neue Formen der Arbeits- und Arbeitszeitgestaltung rechtlich ermöglicht werden. Insbesondere das Arbeitszeitgesetz müsse flexibler ausgestaltet werden. Die gesetzlich vorgeschriebene elfstündige Ruhepause beispielsweise sei nicht mehr zeitgemäß und stehe dem Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten entgegen. Auch die betriebliche Mitbestimmung müsse dem digitalen Wandel der Arbeit Rechnung tragen.

Lebenslanges Lernen und speziell der Erwerb von Digitalkompetenzen seien die zentrale Voraussetzung für eine dauerhafte Beschäftigung, erklärt Rohleder. Voraussetzung sei ein zeitgemäßer gesetzlicher Ordnungsrahmen, der stetig weiterentwickelt werden müsse.

»Die Zukunft der Arbeit müssen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gemeinsam gestalten. Der politische Dialog über Arbeit 4.0 muss als fortdauernder Prozess weitergeführt werden«. 

Hinweis zur Methodik: Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. Die Umfrage ist repräsentativ. Die Fragestellung lautete: „Stimmen Sie den Aussagen zu oder nicht zu?“. Die Aussagen lauteten: „Die Mitarbeiter fordern von uns, flexible Arbeitsgestaltung, z. B. durch Homeoffice, Sabbaticals etc., zu ermöglichen“, „Die gesetzlichen Regelungen zwingen uns, uns am Normalarbeitsverhältnis zu orientieren, anstatt flexiblere Arbeitsformen zu nutzen“ und „Das Normalarbeitsverhältnis wird auch in zehn Jahren noch das dominierende Arbeitsverhältnis in unserem Unternehmen sein“.