Betreutes Arbeiten

Home-Office-Tage, vom Arbeitgeber spendierter DSL-Anschluss zu Hause und ein Geldautomat im Foyer war gestern. Heute locken die Unternehmen mit Fitnessangeboten, Babysitterdiensten und der Betreuung älterer Familienangehöriger. Was macht man nicht alles, um gute Mitarbeiter an Bord zu holen.

Neulich, im Fitnessstudio einer Programmierfabrik am Rande des indischen Hyderabad: Kurz nach 22 Uhr schwitzen sich hier noch immer zwei Dutzend Angestellte die Seele aus dem Leib. Trotzdem wirkt die 350 qm große Halle leer, auch an der Saftbar ist nichts los, der Kellner blättert gelangweilt in einem Magazin. »Kommst du noch mit zum Billard?«, ruft Mohan, 24, seinem Kollegen Chabba über eine stattliche Reihe von Laufbändern hinweg zu. »Würde ich gern«, prustet der zurück, »aber meine Frau sucht noch was in der Bibliothek, und ich muss die Kinder aus der Betreuung abholen. Die machen in einer halben Stunde zu.« »Okay«, nickt Mohan, »wir sollten uns aber noch vor dem Review über das Projekt abstimmen. Morgen früh auf dem Golfplatz? Gegen null sieben?«

Hanteln, Crosswalker, Equilibrium, Restaurants, Days Bar, Schwimmbad, Sauna, Betriebskindergarten, Einkaufsservices, Haushalts-, Bank- und psychologische Beratung, Bücherei, ein Gesundheitszentrum mit Ärzten und Schwestern, Friseur, eine eigene Driving Range samt Angestellten - wüsste man, was sich alles hinter und neben den weiß verputzten Fassaden verbirgt, könnte man die Gebäudeanlage auf dem 7,6 ha großen Betriebsareal des IT-Dienstleisters Kanbay glatt für einen Fünf-Sterne-Freizeitclub halten. Aber Kanbay, die zur französischen Cap-Gemini-Gruppe gehört, macht mit Software und Services erheblich mehr Umsatz, als Softdrinks und Services je einspielen könnten.

Knallharter Wettbewerb um die Talente
Damit das so bleibt, muss die Firma jedes Jahr um ein paar hundert Hochschulabsolventen größer werden. Um die besten eines jeden Jahrgangs für sich zu gewinnen und um die bereits eingestellten Mitarbeiter am Wechsel zur Konkurrenz zu hindern, kümmern sich Arbeitgeber in Indien traditionell nicht nur um ihre unter Vertrag stehenden Leute, sondern auch um deren Familien. Das kostet zwar eine Stange Geld. Doch die Personaler wissen: Im knallharten Wettbewerb um die Talente darf man sich nicht lumpen lassen. Ein gutes Einkommen ist vielen nicht gut genug. Mit - für europäische Verhältnisse - atemberaubenden Family Services buhlen die Hightech-Konzerne deshalb um den Nachwuchs an Ingenieuren, Informatikern und Ökonomen: Dienstleistungen fast rund um die Uhr, für alle Lebenslagen und selbstverständlich kostenlos.

Wenn sich der hiesige Fachkräftemangel weiter verschärft, könnte dieses Modell auch zwischen Flensburg und Rosenheim Schule machen. Es müsste nur auf die Bedürfnisse deutscher Arbeitnehmer zugeschnitten werden. Als da vorrangig genannt werden: Babysittervermittlung, möglichst ganztägige Kinderbetreuung, Einkaufshilfen, Beratung bei den privaten Finanzen, Sportangebote und gesundheitsfördernde Maßnahmen. Ein Mehr an wirklich familienfreundlichen Arbeitsplätzen entlastet doppelverdienende Paare mit Kindern, bricht die harten Fronten der alljährlichen Gehaltsverhandlungen auf und lässt die Produktivität steigen.

Familienfreundlichkeit zahlt sich aus
Alle bisherigen Studien des Familienministeriums, der Gewerkschaften, der Wirtschafts- und Sozialverbände belegen: Je intensiver sich die Firmenleitungen um die Bedürfnisse der Menschen in ihren Reihen, nicht nur um ihre Mitarbeiter, Gedanken machen und daraus Taten folgen lassen, desto besser gelingt die Personalbeschaffung und desto mehr werden Arbeitszufriedenheit, Engagement und die Bindung der Mitarbeiter an den Betrieb gelobt. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag des von-der-Leyen-Ministeriums unter 1228 Firmen machte deutlich, dass sich bei 83 Prozent der Betriebe die unter Beweis gestellte Familienfreundlichkeit auszahlt. Jeder Euro, der in zusätzliche Nutzenelemente wie Weiterbildung oder Familienservices investiert wird, verbessert die betriebliche Klimaanlage. Und steigert im Sinne des Employer Branding die Attraktivität als Arbeitgeber.

Denn an 5 bis 10 Prozent mehr Einkommen, wie der Markt aktuell hergibt, haben sich die Leistungsträger nach wenigen Monaten gewöhnt. Unlängst hat das Berliner Beratungsinstitut Trendence mehr als 15.000 examensnahe Studierende der Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften nach ihren Wünschen an die Arbeitgebern gefragt. Der Anteil derer, die das Einkommen als »sehr wichtig« betrachten, liegt immer noch deutlich unter 25 Prozent. Wie gering ist sein Stellenwert dann erst bei jungen Vätern und Müttern, die zuerst im Privaten eine ungeheure Organisationsmaschine anwerfen müssen, bevor sie den Kopf frei haben für ihre professionellen Aufgaben?

Weltkonzerne wie Metro, SAP, Vodafone und Texas Instruments haben die Zeichen der Zeit erkannt und setzen sich an die Spitze der Bewegung. »Wir versuchen, unseren Mitarbeitern den Ballast des Alltags fernzuhalten«, sagt Rouben Halajian. Das klingt bescheiden, bedeutet aber einen enormen Aufwand: Spätestens Ende dieses Jahres wird es in der Zentrale in Düsseldorf einen Betriebskindergarten mit 130 Plätzen geben, Betreuungsmöglichkeiten für ältere Angehörige, eine Schuldnerberatung, einen psychologischen Dienst, eine Gesundheitsoffensive, Sportkurse, eine Nichtraucherkampagne. Viele dieser Services werden in Kooperation mit externen Dienstleistern angeboten. Halajian leitet die Abteilung »internationale Personalpolitik« der Metro und weiß, dass diese Dinge nicht nur weibliche Mitarbeiter ansprechen. »Inzwischen haben Männer und Frauen die gleichen Karriereerwartungen «, sagt er, »familienorientierte Dienstleistungen sind damit kein reines Frauenthema mehr, sondern interessieren beide Geschlechter gleichermaßen.«

 

 

 

Beatrix Pichl,
Texas Instruments Deutschland


Strategisch ist das geschickt über Bande gedacht. Schätzungsweise 40 Prozent aller Akademikerinnen verzichten auf Kinder, weil sie für sich keine Möglichkeit sehen, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Nur 13 Prozent aller Frauen in Leitungspositionen haben Kinder unter zehn Jahren, selten mehr als eines. Die meisten Männer wünschen sich gleichzeitig eine Partnerin auf Augenhöhe und Kinder. Also geht es um weit mehr als die Erschließung des weiblichen Nachwuchspotenzials: Die betriebliche Kinderbetreuung beugt innerfamiliären Konflikten vor und verschafft auch den Herren Mitarbeitern Ruhe an der häuslichen Front. »Erledigungen wie zum Beispiel Reinigen von Kleidung oder Päckchen und Briefe aufgeben kann ich in der Firma in unserem Kiosk oder in der Poststelle zwischen zwei Besprechungen gut unterbringen«, sagt Beatrix Pichl, Environmental, Safety and Health Director Europa bei Texas Instruments Deutschland. Mit Laptop, Diensthandy und privatem DSL-Anschluss kann sie auch von zu Hause aus zu ihren Kollegen in aller Welt Verbindung halten. Pichl ist zufrieden: »Ich kann Kinder und Job gut miteinander vereinbaren.«

 

 

 

Dr. Wolfram Tietscher,
Geschäftsführer Texas Instruments Deutschland


Für ihren Boss Dr. Wolfram Tietscher, Geschäftsführer von TI Deutschland, sind solche Boni nicht allein der schwierigeren Personalsuche geschuldet. »In erster Linie kommen die Fachkräfte natürlich aufgrund des attraktiven Arbeitsumfelds mit ihren herausfordernden Tätigkeiten und interessanten Entwicklungsmöglichkeiten «, sagt er. Nur ginge es eben auch darum, gute Leute zu halten. »Annehmlichkeiten wie zum Beispiel ein umfangreiches Sportangebot für die ganze Familie, Einkaufsvergünstigungen und ein Kleiderreinigungsservice im Haus sind für uns selbstverständlich. Nicht umsonst sind wir in diesem Jahr wieder beim ‘Great Place to Work’-Wettbewerb als einer von Deutschlands besten Arbeitgebern ausgezeichnet worden.«

Auch die Walldorfer Softwareschmiede SAP wurde in diesem Jahr mit einem Sonderpreis als bester Arbeitgeber ausgezeichnet. Ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze, rauchfreie Büros, strahlungsarme Bildschirme gibt es bereits in vielen Betrieben. Aber betriebseigene Fitnessstudios, organisierte Lauf- und Inline-Treffs oder die Beratung beim persönlichen »Health-Coach« kennzeichnen (noch) Ausnahme-Arbeitgeber.

 

 

 

Dr. Eva Fischer,
Berufliches Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft (bfz)


Doch die anderen holen auf: »Das Umdenken in Richtung Familienorientierung ist bei den Unternehmen absolut auf dem Vormarsch «, bestätigt Dr. Eva Fischer vom Beruflichen Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft (bfz) in München. »Viele Firmen merken gerade im Moment, dass sie an der Mitarbeiterloyalität arbeiten müssen.« Ganz oben auf der Dringlichkeits-, aber auch auf der Tätigkeitsliste, sieht Fischer die Kinderbetreuung in Form von Betriebskindergärten, Elterninitiativen und Ferienorganisation. »Natürlich sind die Großunternehmen hier die Vorreiter, weil die Sache ja Geld und Personalkapazität kostet «, räumt sie ein. Kein Zweifel: Eine Kindertagesstätte, wie sie Vodafone in Düsseldorf für seine Belegschaft eingerichtet hat, oder eine Babysittervermittlung, mit dem der Essener Bauriese Hochtief auf dem Arbeitsmarkt fischt, kann leicht Hunderttausende im Jahr verschlingen. »Aber auch im Mittelstand nehmen sich Unternehmer und Geschäftsführer jetzt des Themas an«, versichert Fischer. »Der eine vielleicht aus persönlicher Betroffenheit, weil er selbst mit dem Thema konfrontiert ist. Und der andere, weil er befürchtet, dass gute Leute weggehen könnten, wenn sie keine Betreuung für den Nachwuchs finden.«

Ohne gutes Personal, und das heißt als erstes: ohne ein gutes Arbeitgeberimage, können Betriebe unterhalb der Konzernschwelle die wachsenden Herausforderungen nicht bewältigen. »Mit einer strategisch fundierten, positiv besetzten Arbeitgebermarke«, so Mario Ohoven vom Verband mittelständischer Unternehmen in Berlin, »können auch Mittelständler dafür sorgen, dass aus diesen Herausforderungen keine strategische Bedrohung wird.« Christine Demmer