Start-ups im Fokus Autobauer auf Einkaufstour

Corporate Venture Capital-Investitionen führender Autobauer, 2013 bis 09/2017.
Corporate Venture Capital-Investitionen führender Autobauer, 2013 bis 09/2017.

Wer investiert am meisten? Einer internationalen Analyse von Oliver Wyman zufolge investieren Autobauer in Technologie-Start-ups und drücken dabei aufs Tempo, um nicht bei neuen Technologien wie autonomes Fahren und umweltfreundliche Antriebe abgehängt zu werden.

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse von Oliver Wyman, die die Beteiligungsstrategien von zwölf Marken untersucht hat – darunter BMW, Daimler, Volkswagen und Audi aus Deutschland. Im ersten Halbjahr 2017 registrierte Oliver Wyman einen sprunghaften Anstieg der Corporate Venture Capital (CVC)- Aktivitäten. Über die Jahre haben sich BMW, Daimler und General Motors weltweit als Top-3-Investoren platziert.

Doch die Analyse zeige laut Oliver Wyman auch Handlungsbedarf auf, denn viele Autobauer investierten wenig fokussiert – und liefen so Gefahr, dass ihr finanzieller Einsatz an zu vielen Stellen verpuffe, so die Einschätzung des Beratungshauses. Der Druck auf die Autohersteller wachse außerdem, weil kapitalstarke Unternehmen aus mehreren technologiegetriebenen Branchen wie IT und Telekommunikation zeitgleich in den Mobilitätssektor drängen.

Bis zum Stichtag Anfang September hatten sich die führenden OEMs bei 52 überwiegend jungen Tech-Firmen eingekauft, die sich im Mobilitätssektor positionieren. Zum Vergleich: 2016 lag die Zahl der Risikokapitalinvestitionen erst bei 41, und schon das bedeutete einen Zuwachs von fast 150 Prozent gegenüber 2015. Den Schwerpunkt dabei bildeten zusammen mit gut 70 Prozent Mobilitätsdienstleistungen (32%), Green Vehicles (22%) – beispielsweise Fahrzeuge mit Elektro- oder Brennstoffzellenantrieb – sowie vernetzte und autonome Fahrzeuge (16%).

»Die Hersteller haben erkannt, dass sie ihren Einsatz auf diesen Zukunftsfeldern erhöhen müssen und sie handeln zunehmend«, analysiert Andreas Nienhaus, Principal bei Oliver Wyman. Allerdings fehle häufig noch eine klare Ausrichtung, das Gießkannenprinzip dominiere bei den Budgets: »Man sieht aktuell, dass viele Hersteller noch unsicher sind, wo die Reise hingeht«, ergänzt Matthias Bentenrieder, Partner bei Oliver Wyman und rät den OEMs, stärker die für sie wichtigen Technologien zu ermitteln und gezielter tätig zu werden.

Das gelte vor allem, weil die Zielunternehmen reifer und damit auch teurer würden. »In der aktuellen Breite werden sich die Investitionen nicht dauerhaft aufrechterhalten lassen«, so Bentenrieder.
Erste Hersteller haben das erkannt: Daimler beispielsweise investiert massiv in den Bereich Mobility Services, während GM den Einstieg bei Techniklieferanten für nachhaltige Fahrzeuge in den Mittelpunkt gerückt hat. »Günstig kann es zudem sein, sehr junge Firmen in eigenen Inkubatoren zu unterstützen«, sagt Bentenrieder.

Im langfristigen Ranking liegen zwei deutsche Unternehmen weit vorne: Mit 37 Beteiligungen führt BMW die Rangliste knapp an – vor Daimler mit 36 und GM mit 35 Investitionen. Volvo (27), Ford (24) und Toyota (18) finden sich im Mittelfeld. Volkswagen (12), Honda (9) und Audi (8) liegen nur knapp vor den französischen Herstellern Renault und PSA, die mit je sieben bzw. sechs Beteiligungen in diesem Zeitraum das Schlusslicht bilden. »Das Bild könnte sich aber rasch ändern«, sagt Automobilexperte Nienhaus. »Einige Hersteller holen gerade stark auf.«

So haben Toyota und PSA eigene Beteiligungsfonds aufgesetzt – nach dem Vorbild des Pioniers BMW, der bereits 2011 seinen Fonds »i Ventures« ins Leben gerufen hat. Mit einem bereitgestellten Kapital von 500 Millionen Euro liegen die Münchener hier weit vorne. »Zunehmend sind die OEMs bemüht, technische Lücken zu schließen«, erläutert Nienhaus. Volkswagen etwa eröffnete in diesem Jahr den eigenen Inkubator »IDEATION:HUB« – nach dem Vorbild von Daimler und BMW, die schon länger eigene Einheiten für die Förderung von Start-ups unterhalten.

Oliver Wyman-Partner Bentenrieder sieht die Nachzügler nicht unbedingt in einer schwächeren Position: »OEMs, die frühzeitig begonnen haben, in verschiedene Bereiche zu investieren, besitzen aufgrund der hohen Breite des Beteiligungsportfolios zwar einen Vorteil. Wer aber abwartet, kann den Markt beobachten und sich dann fokussiert auf einzelne Partnerschaften festlegen.«

So habe Toyota jüngst einen Fonds mit 100 Millionen US-Dollar ausgestattet, der ausschließlich im Bereich der künstlichen Intelligenz investiert. »Künstliche Intelligenz ist eine übergeordnete Schlüsseltechnologie. Sie hilft einerseits im Fahrzeug etwa bei der Auswertung von Straßenschildern, genauso aber auch bei der Steuerung des Angebots von Mobilitätsdienstleistungen«, sagt Bentenrieder. Neue Herausforderer für die OEMs Nicht nur zwischen den klassischen OEMs verschärft sich die Konkurrenz. »Neue Player wie Uber und DiDi Chuxing drängen in den Markt und fordern die etablierten Hersteller heraus«, sagt Nienhaus.

»Auch sie beteiligen sich verstärkt an Start-ups und haben inzwischen je 21 Investitionen abgeschlossen«. Zudem positionieren sich Unternehmen wie die japanische Softbank Group. Der Telekommunikations- und Medienkonzern hat jüngst 5,5 Milliarden US-Dollar in den chinesischen Fahrdienstvermittler DiDi Chuxing investiert und bereitet Medienberichten zufolge zudem eine Investition in Höhe von zehn Milliarden US-Dollar in den DiDi-Konkurrent Uber vor. Neben weiteren Beteiligungen bei Mobilitätsdiensten wie OLA und Grab strebt Softbank auch mit mehreren Investitionen in den Bereich autonomes Fahren.

»Da die OEMs ein natürliches Interesse an diesen Technologien haben, müssen sie Unternehmen wie Softbank als ernstzunehmende Konkurrenten betrachten«, sagt Nienhaus. »Zumal sie häufig über eine enorme Finanzkraft verfügen.« Viele neue Konkurrenten seien in der Lage, mit großen Investitionen ganze Industriezweige umzuwälzen: »Um die neuen Wettbewerber aus der Technologie-Szene auf Distanz zu halten, müssen OEMs zunächst zweigleisig fahren. Neben den Investitionen in Start-ups ist es nötig, weiter auf Inkubatoren zu setzen«, sagt Nienhaus.

Für die Analyse wurden die CVC-Investitionen der Automobilbauer BMW, Daimler, VW, Audi, PSA Group, Jaguar, Volvo, GM, Ford bis Anfang September 2017 nach Anzahl und Investitionsfokus ausgewertet. Dabei wurden lediglich öffentlich kommunizierte Deals berücksichtigt.