Bournout Ausgebrannt – was tun?

Mindestens ein Viertel der deutschen Führungskräfte ist akut Burnout-gefährdet, meist ohne es zu wissen. Doch nur in einer Unternehmenskultur, die das Thema nicht länger tabuisiert, kann Betroffenen und Gefährdeten geholfen werden.

Sie arbeiten am Limit, halten sich jetzt in der Wirtschaftskrise erst recht für unersetzlich: »Alles Stümper, nur ich kann den Laden retten«. Die Dauerbelastung raubt vielen Führungskräften bereits den Schlaf, Angst und Unsicherheit machen sich in der Folge breit. Spätestens ab hier ist die Gefahr des totalen Zusammenbruchs groß, denn die Betroffenen bremsen sich selbst am Wenigsten.

Doch in zu vielen Firmen ist Burnout ein Tabu-Thema: Leistung muss sein, Stress ist Privatsache. Es dauert oft Monate, bis ein Burnout-Erkrankter wieder gesund und leistungsfähig ist. Der Fehler liegt im System, weiß Navo-Consulting-Geschäftsführerin Nicole Truckenbrodt, die eine Studie zum Thema veröffentlicht hat.

Markt&Technik: Frau Truckenbrodt, das Drama für die Unternehmen: Gerade die Top-Leistungsträger neigen dazu, sich zu überfordern. Burnout-Gefährdete bewegen sich längere Zeit auf einer Spirale nach unten, an deren Ende das völlige Ausgebranntsein mit womöglich monatelanger Arbeitsunfähigkeit steht. Das kann Unternehmen teuer zu stehen kommen. Wird das Problem unterschätzt? 

Nicole Truckenbrodt: Leider ja. Denn Top-Leistungsträger sind zunehmend mit rasanten Veränderungen, großen Unsicherheiten, steigender Komplexität und globalem Agieren konfrontiert, die andere Führungskompetenzen erfordern als noch vor zehn Jahren. Dies wird in vielen Unternehmen heute immer noch unterschätzt! Neben entsprechenden (Selbst-)Führungskompetenzen, die den sich verändernden Rahmenbedingungen Rechnung tragen, braucht es zudem eine Unternehmenskultur, die Burnout nicht tabuisiert, sondern frühzeitig erkennt und die komplexen Wechselwirkungen im Auge behält.

Die Wirtschaftskrise verlangt alles von den Unternehmen, für viele geht es ums Überleben. Heißt das, die Zahl der Burnout-Fälle wird weiter steigen?

Burnout nimmt bei Topleistungsträgern und Führungskräften mit wachsender Verantwortung und steigendem Entscheidungsdruck zu. Denn es ist ja nicht nur der Job, sondern die gesamte Lebenssituation, die ausbalanciert werden muss. Viele neigen in stürmischen Zeiten, wo unweigerlich auch Ängste eine Rolle spielen, vermehrt zur Selbstausbeutung, entwickeln enorme Leidensfähigkeit und versuchen, ihre Herausforderungen im stillen Kämmerchen zu lösen, anstatt sie proaktiv anzugehen, darüber zu sprechen, oder gar Hilfe zu suchen!

Durch noch mehr Selbstkontrolle und eine Art Perfektions-Dogma werden jedoch die eigenen Bedürfnisse weiter verleugnet, man schneidet sich von seinen Gefühlen ab. Hier bräuchte es eine kompromisslose Wahrnehmung der Realität - und dazu gehören neben den individuellen Stärken eben auch Bereiche, in denen man Schwächen hat. Ehrgeizige, zielstrebige Führungskräfte verdrängen aber oft die eigenen Schwächen. Nach außen wird der Anschein der permanenten Stärke erweckt, alles bestens unter Kontrolle zu haben. Doch perfekt zu wirken, heißt nicht, effektiv zu sein. Irgendwann klappen sie zusammen.

Was sind typische Überforderungsszenarien? Die Ziele sind hoch gesteckt, selbst in der Freizeit muss es der Marathon sein.

Richtig. Externe Bestätigung für den persönlichen Erfolg, das ist für Burnout-Gefährdete eine der wesentlichen Triebfedern, noch mehr von sich abzufordern. Mit der Folge, dass selbst starke Signale weiter ignoriert werden, und stattdessen mit noch mehr Selbstdisziplin, noch mehr Härte gegen sich selbst geantwortet wird. Die Betroffenen stürzen sich in Freizeit-Stress, der als Ausgleich dienen soll, jedoch keine wirkliche Ent-Lastung oder Besinnung mit sich bringt. Mit der Folge, dass die Stress-Symptome weiter verdrängt werden. Ein Teufelskreis.

Eine wichtige Schlüsselkompetenz, um Burnout zu vermeiden, ist Selbstführung, auch Selbstfürsorge. Nun ist allerdings ein hohes Arbeitspensum ein gesellschaftlich anerkannter Wert. Wer vor 20 Uhr heimgeht, hat wohl nicht genug zu tun. Gilt man nicht als Schwächling, wenn man öfter mal bremst?

In einigen Unternehmen ist es tatsächlich so! Es ist eine Binsenwahrheit, dass nach spätestens zehn Stunden die Konzentration sinkt und Fehler sich häufen, doch die soziale »Kontrolle« ist größer. Mit der Folge: Jeder weiß, dass es besser wäre, zu gehen. Keiner tut es. Hier zeigt sich die Dimension, die enorme Wichtigkeit von Selbstverantwortung. Profil zeigen, gegen den Strom schwimmen, mutige Entscheidungen treffen, Rückgrat zeigen, all dies sind Dimensionen der täglichen Selbstführung, die nötig sind, um effektiv und leistungsfähig zu bleiben. Es ist letztlich ein respektvoller Umgang mit sich und anderen. Wer das Respektieren der (eigenen) Grenzen gelernt hat, verwechselt Selbstfürsorge nicht mehr mit Egoismus.