Ich sehe was, was Du nicht siehst Asperger-Autisten in der Softwareindustrie

Dirk Müller-Remus ist Vater eines Sohns mit Asperger-Syndrom und leitet die Softwareberatung Auticon, die Menschen mit der autistischen Störung beschäftigt. Er sagt: „Asperger-Autisten können  vor allem in der Qualitätssicherung und im Software-Test ein echter Gewinn sein - aber es braucht spezielle Spielregeln“.
Dirk Müller-Remus ist Vater eines Sohns mit Asperger-Syndrom und leitet die Softwareberatung Auticon, die Menschen mit der autistischen Störung beschäftigt. Er sagt: „Asperger-Autisten können vor allem in der Qualitätssicherung und im Software-Test ein echter Gewinn sein - aber es braucht spezielle Spielregeln“.

Dirk Müller-Remus ist Vater eines Sohns mit Asperger-Syndrom und leitet die Softwareberatung Auticon, die Menschen mit der autistischen Störung beschäftigt. Er sagt: „Asperger-Autisten können vor allem in der Qualitätssicherung und im Software-Test ein echter Gewinn sein - aber es braucht spezielle Spielregeln“.

Die Ankündigung von SAP, hunderte Autisten einstellen zu wollen, hat Neugierde ausgelöst: Wie kann das in unserer teamorientierten Arbeitswelt funktionieren? Denn Asperger-Autisten lieben Logik, aber sie vermeiden sozialen Kontakt. Denn Emotionen können sie nicht interpretieren, das bedeutet puren Stress.

Höflichkeitsfloskeln, Plaudereien und Späße in der Kaffeeküche, Ironie – all das ist sozialer Kit, der das Arbeitsklima in Unternehmen bestimmt – aber für Autisten ein Horror. Soziale Umgangsformen kennen Autisten nicht, ihre Sprache ist klar, ehrlich und schnörkellos, Redewendungen verstehen sie wortwörtlich. Kann das klappen?

Dirk-Müller-Remus: „Es funktioniert gut. Ein geräuscharmes Büro, Kommunikation über E-mail oder Skype, klare Aufträge und Sachbotschaften, keine Veränderungen.“

Auticon gründet seine Niederlassungen dort, wo es sowohl Bedarf an IT-Spezialisten als auch Autisten mit Asperger-Syndrom gibt. Denn Autisten sind nicht mobil, mit Umzügen oder Veränderungen kommen sie nur sehr schlecht zurecht. So gibt es die Firma Auticon seit 2011 in Berlin und seit kurzem auch in Düsseldorf und München.

Als Mittler zwischen den autistischen Mitarbeitern und dem Kunden fungiert immer ein Jobcoach, und zu Beginn des Einsatzes werden die Mitarbeiter entsprechend aufgeklärt und sensibilisiert: Was Asperger-Menschen  brauchen, was sie stresst. Aber das wichtigste ist die Personalauswahl: „Wir wählen sehr sorgfältig aus, nur rund 15 Prozent der 200 Bewerber  waren bisher geeignet. Dabei unterscheiden wir zwischen autistischen und Persönlichkeitsmerkmalen – überspitzt formuliert: Es gibt eben auch faule Autisten!“ sagt Müller-Remus.

Auch wenn Autisten manchmal Inselbegabungen aufweisen: Das ist nicht die Regel.  In der Mehrzahl sind sie nicht besser oder intelligenter als normale IT-Spezialisten – aber eben auch nicht schlechter. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland gut 250.000 Asperger-Autisten – ein gewaltiges Potenzial für die fachkräftegeplagte IT-Industrie.

Wobei Müller-Remus relativiert: Nicht jeder Asperger-Autist habe auch eine Neigung zu IT. Sein eigener Sohn zum Beispiel ist musisch begabt, IT ist nichts für ihn. Andere haben das perfekte Gehör, mache ein extrem gutes photographisches Gedächtnis, wieder andere gehen auf im Umgang mit Zahlen. Kommt dazu ein Blick fürs Detail und eine Vorliebe für Regeln, dann hat er oder sie gute Chancen bei Auticon, denn solche Menschen mit IT-Fokus sucht Müller-Remus. 

Hat Auticon dann aus der Fülle von Bewerbungen IT-Spezialisten eingestellt, inwiefern sind sie dann für ihre Auftraggeber nützlich?

 Die große Stärke der autistischen „Geeks“ ist die Fähigkeit, ellenlange Programmcodes zu überprüfen, Datenbanken aufzuräumen, Kundenstammdaten zu pflegen.  Dabei sind es eher die Projekte mit Priorität zwei oder drei, die in Frage kommen, denn unter Zeitdruck arbeiten Asperger-Autisten nicht so gut.  Dafür erarbeiten sie autodidaktisch oft Lösungen, auf die „Neuro-Typische“ – so nennt man die Nicht-Geeks im Silicon Valley scherzhaft - nicht kommen. Oder nicht kommen können, weil sie angesichts monotoner Zahlenreihen entnervt kapitulieren. Doch gerade in solchen, für normale Menschen langweiligen Routinen gehen Asperger-Menschen auf, „sie lieben das Detail, anders als wir Generalisten“, so Müller-Remus. Dadurch sich ergebende unkonventionelle Lösungen seien ihre Stärke.

Obwohl Auticon vom Social Venture Fund finanziert wird, verlangt Müller-Remus marktübliche Stundensätze zwischen 45 und 65 Euro, „Wir sind keine Behindertenwerkstatt und nicht billiger zu haben, wir müssen Gewinn machen, in zwei Jahren profitabel sein.“

Dass der Fachkräftemangel in der IT da Rückenwind bietet, gibt Müller-Remus unumwunden zu. Es senke die Hemmschwelle und hebe die Motivation, sich mit dem Thema Autismus auseinanderzusetzen. Und für Asperger-Autisten bedeutet das die große Chance auf einen normalen Job anstatt Sozialhilfe.