Ingenieurstudium Amerikanische Hochschulen entdecken das Ingenieur-Diplom

Professor Dr. Gerald Gerlach hat einen Lehrstuhl an der Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik der Technischen Universität Dresden und ist Vorsitzender des VDE-Ausschusses Ingenieurausbildung.

Europa stellt auf Bachelor/Master um, Amerika ist liberaler und entdeckt den Diplom-Ingenieur. Ein Treppenwitz? Professor Dr. Gerald Gerlach, Inhaber des Lehrstuhls an der Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik der Technischen Universität Dresden und Vorsitzender des VDE-Ausschusses Ingenieurausbildung, nimmt Stellung.

Markt&Technik: Die Industrie behauptet, sie könne mit den Bachelors nicht viel anfangen. Verschärft Bologna den Fachkräftemangel?

Gerlach: Die Klagen aus der Wirtschaft wundern mich nicht, diese Gefahr besteht tatsächlich.

Für wen vor allem und wie äußert sich das?

Anspruchsvollen und komplexen Ingenieuraufgaben, besonders in Forschung und Entwicklung, wird das sechs- bis siebensemestrige Bachelorstudium in der Regel nicht gerecht. Die Unternehmen verlangen überwiegend nach dem Qualifikationsniveau, das sie bisher vom Diplom-Ingenieur erwarten haben. Hier könnte sich zukünftig eine große Lücke auftun. Gerade Forschung und Entwicklung lässt sich in der Regel nicht auf dem Ausbildungsniveau des Bachelors aufbauen, Dort bedarf es mehr. Oder sollen wir die Forschung in Zukunft etwa aus dem Ausland beziehen? Den Aufschrei möchte ich nicht hören.

Es gab schon immer Schnellstarter, die nach sieben oder acht Semestern ihren Dipl.-Ing. in der Tasche hatten. Warum sollte ein Bachelor nicht auch richtig gut sein können?

Klar wird es gute Bachelor-Absolventen geben. Aber er ist doch erst einmal auf einem weniger hohen Niveau ausgebildet. Sehen Sie z.B. mal in die USA: Dort ködern die Headhunter mit viel Geld die Besten aus jedem Bachelor-Jahrgang und fischen sie für die Industrie heraus. Viele, die eigentlich an der Universität hätten bleiben, promovieren und in die Forschung gehen sollen, machen das nicht, weil sie mit hohen Einkommen weggelockt werden. Aus dem Grund findet man an US-amerikanischen Hochschulen immer häufiger, dass neben das konsekutive, stufenweise Bachelor-/Master-Programm noch ein integriertes Bachelor-/Masterprogramm gestellt wird. Die Studenten können dort schneller zum Masterabschluss kommen, sind aber bis zum Masterabschluss an die Hochschule gebunden.

Unter anderem sollte es die zweistufige Hochschulausbildung den Studierenden leichter machen, an eine ausländische Hochschule zu wechseln. Werden die besten Bachelors künftig lieber an einer amerikanischen oder chinesischen Universität weiterstudieren als an einer deutschen?

Das sehe ich für die Bachelors von den Technischen Universitäten nicht, weil sich das Masterstudium in der Regel formal und inhaltlich an die erste Stufe anschließt. Das Ausbildungsniveau an den deutschen Unis ist außerdem im Mittel deutlich höher als in den USA, wenn wir die wenigen Spitzenunis einmal außer Betracht lassen. Für die Absolventen der Fachhochschulen könnte der Sprung ins Ausland schon eher reizvoll sein. Nicht alle FHs werden die Masterausbildung anbieten, da müssen sie dann sowieso die Hochschule wechseln. Warum dann nicht gleich über den Tellerrand Europas schauen?

Die TU Dresden bietet beide Modelle – das Masterstudium und den klassischen Diplomweg – an. Wer ist schneller fertig? Und was ist besser?

Zuerst einmal zielen wir auf die Studenten ab, die an der Forschungsbefähigung interessiert sind und die deshalb von vornherein bis zum Diplom studieren wollen. Hier können wir auch vom ersten Tag an die Ausbildung bis zum Schluss optimieren, ohne auf anderweitige Ausbildungsziele Rücksicht nehmen zu müssen, wie es ja für die mehr praxisorientierten Bachelor der Fall ist. Die Masterausbildung ermöglicht es uns, Bachelor-Absolventen von anderen deutschen Hochschulen und aus dem Ausland bei uns aufzunehmen und auf ein Niveau zu bringen, das zwar „Master heißt, aber dem Diplom entspricht. Das alles geht jedoch nur, weil es in Sachsen bisher keinen Zwang zur Umstellung der Studiengänge gibt. Welcher Weg nun der bessere ist, lässt sich so pauschal nicht sagen. Das hängt von der individuellen Motivation der Studieninteressenten ab, von ihrem Berufsziel, von ihren Eingangsvoraussetzungen, von vielen anderen Faktoren.

Kommen wir noch einmal auf Ihre Bemerkungen oben zurück.  Warum finden die Amerikaner Gefallen an den kürzeren Diplom-Studiengängen? Gilt doch wieder »time is money«?

Auf diesen ur-amerikanischen Gedanken kommen viele forschungsstarke Unis zurück. Der Zeitgewinn für diese integrierten Programme, die diese strikte Trennung von Bachelor und Master nicht mehr haben, beträgt ein halbes bis ein ganzes Jahr. An der Colorado State oder der Carnegie Mellon University heißt es »Accelerated BSc/MSc-Modell«, das MIT und die University of South Florida nennen es »Five-Year Dual Programme«, die University of Maryland in Baltimore bietet ein »Combined MS/BS-Program« –- jedenfalls sind diese Programme den traditionellen deutschen Diplom-Studiengängen für Ingenieure sehr ähnlich. Auffallend ist außerdem das gerade die forschungsstärksten Unis diesen Trend prägen

Ist das ein Treppenwitz? Wir passen uns soeben dem angelsächsischen Hochschulsystem an und die Amerikaner schwenken auf Old Europe zu?

Zuerst einmal: Natürlich macht der Bachelor Sinn. Es gibt eine Reihe von Berufsbildern, die der Bachelor-Abschluss optimal adressieren kann. Aber ansonsten ist die Situation in der Tat bizarr. Wir in Deutschland führen das gestufte Bachelor-/Master-Modell ein, und zwar in den meisten Bundesländern so gründlich, dass Ausnahmen absolut ausgeschlossen sind. Und wir führen in Deutschland eine Elitekampagne und hoffen so sehr, dass bald auch hier Eliteunis nach amerikanischem Vorbild entstehen. Auf der anderen Seite führen gerade die US-amerikanischen Eliteuniversitäten Studiengänge nach deutschem Diplomvorbild ein. Und sie sind liberal genug, beides nebeneinander zu stellen. Weil nämlich beides seine Vor- und seine Nachteile hat. Auch diese Liberalität ist ein Grund, der deutsche Forscher in das Ausland zieht.