Arbeitswelt Acatech: Ambidextrie leben

Wie arbeiten wir in Zukunft? Die Acatech hat Vorschläge.
Wie arbeiten wir in Zukunft? Die Acatech hat Vorschläge.

Die Acatech und die Jacobs Foundation präsentieren heute die Ergebnisse ihres HR-Kreises. Kernanliegen sind Freiräume bei der Erprobung neuer Arbeits- und Organisationsformen, die Mitgestaltung der Arbeitswelt durch mündige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Stärkung des lebenslangen Lernens.

In allen drei genannten Handlungsfeldern wird es in Zukunft darum gehen, Ambidextrie zu leben, heißt es in dem Positionpapier. Der Begriff beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, nach dem Prinzip “eine Organisation – zwei Betriebssysteme“ bestehende Stärken auf Basis des etablierten Geschäfts weiter ef zient auszubauen, gleichzeitig aber auch Freiräume für radikalere und visionärere Lösungen und Innovationen zu schaffen. 

Details zu den Handlungsfeldern 

Agilität 

Flexibles, agiles und selbstbestimmtes Arbeiten wird künftig zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor für Unternehmen. Dies ermöglicht es, auf veränderte Kundenwünsche und Rahmenbedingungen einzugehen sowie innovations- und wettbewerbsfähig zu bleiben. Zudem steigert es die Arbeitsproduktivität und Zufriedenheit der Beschäftigten. 

Neue, dem gesellschaftlichen Wandel angepasste Regelungen zu Höchstarbeitszeit, Mindestpausen, Ruhezeiten sowie Arbeit an Sonn- und Feiertagen sollten größere Freiräume zur Gestaltung der Arbeit schaffen. Diese berücksichtigen sowohl individuelle Bedürfnisse als auch betriebliche Anforderungen besser als bisher. Nach dem Motto: „Nicht mehr, sondern fexibler arbeiten.“ 

Eine Weiterentwicklung des Arbeits-, Sozialversicherungs- und Betriebsverfassungsrechts würde die temporäre Beschäftigung freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Innovationsprozessen (zum Beispiel auf Projektbasis) und folglich auch deren Einbindung in agile Arbeitsformen erleichtern. Unternehmen bewegen sich dann nicht mehr in einer rechtlichen Grauzone. Eine wichtige Herausforderung ist dabei die soziale Absicherung der Freelancer. 

Kurze Innovationszyklen erfordern passgenaue Qualifikationsmaßnahmen für die Beschäftigten. Für deren Entwicklung gilt es, individuell vorhandene und benötigte Kompetenzen zu analysieren. Die Regelungen zur Mitbestimmung bei der Einführung und Anwendung von IT- Tools sowie bei betrieblichen Bildungsmaßnahmen und dem Einsatz von (Online-)Schulungsformaten sollten dahingehend angepasst werden, dass sie eine schnelle und konsequente Ausrichtung der Weiterbildungsangebote an individuellen und betrieblichen Bedarfen fördern. 

Ganzheitliche, technisch unterstützte Feedbackinstrumente, die kontinuierliches und transparentes Ad-hoc-Feedback der Bezugsgruppe (Peergroup) berücksichtigen, können die Qualität agiler Arbeit nachhaltig steigern. Die Mitbestimmungsregelungen sollten dahingehend angepasst werden, dass sie den Beschäftigten mehr Spielraum im Umgang mit modernen Feedbackinstrumenten geben: Sie sollten frei entscheiden kön- nen, ob sie beispielsweise via Apps mit Kolleginnen und Kollegen kommunizieren und ihnen Feedback geben möchten. 

Lebenslanges Lernen

Lebenslanges Lernen ist einer der wichtigsten Schlüssel, um Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nachhaltig zu sichern und die Chancen der digitalen Transformation wirksam in eine gesteigerte Produktivität, Innovationsfähigkeit und -geschwindigkeit von Unternehmen umzumünzen. 

Zur Sicherung der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit haben Unternehmen und Beschäftigte eine geteilte Verantwortung. Unternehmen müssen lernförderliche Arbeitsbedingungen schaffen und individuelle Lernprozes- se bedarfsgerecht begleiten. Beschäftigte lernen – nach ihren Möglichkeiten – verstärkt selbstbestimmt, eigenverantwortlich und investieren in ihre eigene berufliche Zukunft gegebenenfalls auch Freizeit für das Lernen. 

Um die Lernmotivation und den Lernerfolg zu fördern, sollte lebenslanges Lernen stets auf individuelle Bedarfe der Beschäftigten ausgerichtet sein und deren Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung in den jeweiligen Lernprozessen unterstützen. Selbstbestimmtes und bedarfsgerechtes Lernen muss immer mehr zur Selbstverständlichkeit werden. 

Um lebenslanges Lernen mit Blick auf konkrete Bedarfe im Unternehmen und individuelle Bedürfnisse der Beschäftigten zu fördern, müssen die entsprechenden Instrumente in der Hand der Unternehmen bleiben. Sie engagieren sich bereits in großem Umfang und entwickeln gemeinsam mit Beschäftigten innovative Ansätze. Politische Forderungen nach pauschalen gesetzlichen Regelungen sind dagegen kontraproduktiv. 

Größere regulatorische Spielräume bei Arbeitszeit, Mitbestimmung und Datenschutz könnten zusätzlich helfen, lebenslanges Lernen noch bedarfsgerechter zu fördern. Sie würden eine stärkere Integration des Lernens in den Arbeitsalltag ermöglichen, Verfahren zur Anpassung von Lerninhalten und Einführung von Schulungsformaten vereinfachen beziehungsweise beschleunigen und eine individuelle Lernbegleitung auf Basis erhobener personenbezogener Daten unterstützen. 

Der Staat kann lebenslanges Lernen und passgenaue Qualizierungsangebote wirksam unterstützen, indem er das Engagement von Unternehmen und Beschäftigten im Rahmen seiner Möglichkeiten sinnvoll ankiert. Beispiele hierfür sind ein branchenübergreifendes nationales Kompetenz-Monitoring, die wechselseitige Stärkung des Wissenstransfers von Hochschulen und Wirtschaft sowie eine frühe Verankerung des Themas Lernfitness in Schulen und Hochschulen. 

Betriebspartner im Wandel der Zeit

Im Sinne einer modernen Sozialpartnerschaft muss betriebliche Mitbestimmung als sicherer, fortwährender Rahmen verstanden werden, der Autonomie stärkt, Leitplanken schafft und dadurch Flexibilität fördert – in den Köpfen wie auch in den Abläufen. Zukünftige Mitbestimmungskultur muss auch „loslassen“ können. Sie muss die Mündigkeit und Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen und dessen Verantwortlichkeit stärken. Dabei geht es darum, zwischen bewährten kollektivrechtlichen Schutzmechanismen und modernen verantwortungsvoll ausgestalteten Freiheitsrechten des Einzelnen immer wieder eine Balance herzustellen.

Unternehmerische Strukturen sind häufig dualistisch und umfassen agile wie klassische Organisationsformen. Um sie quasi „beidhändig“ steuern zu können (Ambidex- trie), sollten Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die Belegschaftsstrukturen in den Gremien entsprechend repräsentiert sind. 

Für die schnelle und fexible Einführung und Nutzung neuer softwarebasierter Arbeitsmittel sollten sich Mitbestimmungsprozesse auf die Einführung von IT-Tools fokussieren, die tatsächlich zur Verhaltens- und Leistungskontrolle genutzt werden sollen – nicht auf jene, die technisch dazu nur geeignet wären. Flexible und orts- unabhängige Wertschöpfung erfordert darüber hinaus die Weiterentwicklung der Arbeitsstättenverordnung, wonach Beschäftigte, die von sich aus den Wunsch für ein Arbeiten (auch) von zu Hause aus äußern, für ihre Sicherheit und Gesundheit im Zusammenhang mit der Nutzung der vom Arbeitgeber gestellten Arbeitsmittel (zum Beispiel Telearbeitsplätze) (mit-)verantwortlich sind. 

Zielgruppenorientierte Experimentierräume ermöglichen es, eine passgenauere Mitbestimmungskultur zu entwickeln und tarifliche oder gesetzlich formulierte Öffnungsbereiche zu schaffen. Dies gilt als Voraussetzung zum Erproben alternativer Mitbestimmungswege. 

Bestehende sozialpartnerschaftliche Strukturen sollten um zunehmend nachgefragte partizipative Elemente ergänzt werden. Dazu empfiehlt es sich, die unmittelbare Teilhabe von Beschäftigten an Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen zu intensivieren – zum Beispiel durch Projekt- oder Gruppenarbeit. 

Eine passgenaue Mitbestimmungskultur muss zukünftig nicht nur wirtschaftliches Wohlergehen und Belange der Belegschaft in ein ausgewogenes Verhältnis bringen; vielmehr muss sie auch ein verändertes Marktumfeld, sich ständig ändernde Wettbewerbssituationen und ein grundsätzlich höheres Tempo der Veränderung als „Big Picture“ berücksichtigen. 

Bestehende Abstimmungsrhythmen und Prozessabläufe bedürfen einer weitgehenden Digitalisierung und Flexi- bilisierung benötigter Arbeitsmittel und den Mut zu agilen, iterativen Mitbestimmungsverfahren und temporären Geltungsbereichen. 

Um der zunehmenden Dynamik unternehmerischer Entscheidungsprozesse gerecht zu werden und den Wirtschaftsstandort Deutschland weiterhin zu sichern, müssen auch in der betrieblichen Mitbestimmung die Verfahren per Gesetz beschleunigt werden.