Status Quo »MINT« Ab in den Schweinezyklus?

Mindestens bis 2020 kann der Bedarf an MINT-Akademikern gedeckt werden, allein in Elektronik- und Informationstechnik erwartet der VDE ab 2016 11.000 Absolventen im Jahr. Das Institut der Deutschen Wirtschaft sieht die Lage am MINT-Akademiker-Markt bis 2020 entspannt, beklagt dafür nun aber einen Mangel an Facharbeitern. Wie groß ist die Gefahr eines Schweinezyklus bei MINT-Akademikern?

Entwarnung auf der einen, Spannung auf der anderen Seite: Dank steigender Studienanfängerzahlen und Zuwanderung wird es genügend MINT-Akademiker bis 2020 geben, um den Bedarf der Industrie zu decken. "Die Situation bei den MINT-Akademikern ist bis 2020 beherrschbar", bekräftigt IW-Arbeitsmarktexperte Prof. Axel Plünnecke, "wir haben in Deutschland große Fortschritte gemacht".

Während das IW Köln kein Überangebot befürchtet, ist sich das Bundesinstitut für Berufsbildung nicht ganz so sicher. BIBB und IAB sehen den etwa 3,1 Millionen, die bis zum Jahr 2030 aus dem Erwerbsleben ausscheiden werden, rund 4,7 Millionen neue Absolventen gegenüberstehen. Der Bedarf an Hochschulabsolventen werde zwar auch künftig weiter steigen - nach Auffassung der Autoren aber nicht im gleichen Umfang wie das Angebot. Deshalb seien sich die Wissenschaftler nicht sicher, ob dieses Angebot "auch im oberen Qualifikationssegment" beschäftigt werden könne.

Droht also bei den MINT-Beschäftigten womöglich ein Schweinezyklus, angesichts der hohen Popularität der akademischen Ausbildung?

Das gilt es laut Dr. Robert Helmrich, Leiter des Arbeitsbereiches "Qualifikation, berufliche Integration und Erwerbstätigkeit beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), zu verhindern: "Schweinezyklen entstehen durch großen Zeitverzug zwischen der Reaktion auf neue Entwicklungen und den Wirkungen dieser Reaktionen. Dies gilt vor allem im akademischen Bereich, wo zwischen Studienbeginn und Studienabschluss mehrere Jahre liegen. Ob und wann es hier zu Reaktionen kommt, kann nicht vorhergesagt werden. Aber unerlässlich ist eine dauerhafte, regelmäßige und offene Analyse und Berichterstattung, um kurzfristige Massenreaktionen zu verhindern."

Gleichzeitig konstatiert er, dass "der akademische Nachwuchs im Bereich der MINT-Berufe gesichert" sei. Die BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen (www.qube-projekt.de) zeigten aber deutlich, "dass Fachkräfte in technischen Berufen auf der mittleren Qualifikationsebene in den kommenden Jahren zunehmend fehlen werden." Das BIBB ist damit mit dem IW auf einer Linie.

Vorbei zu sein scheint aber die Zeit, in der auch mittelmäßige Absolventen einen Garantieschein auf einen Job hatten: "Der starke Zuwachs an Studienanfängern in den letzten Jahren wird in den kommenden Jahren dazu führen, dass das MINT-Studium sicherlich nicht immer in die gewünschten Traumjobs münden wird, und dies gilt nicht nur für die akademischen MINT-Berufe", schließt Helmrich. 

Dr. Mathias Winde, Leiter des Programmbereichs Hochschulpolitik und -organisation beim Stifterverband der Deutschen Wissenschaft, sieht die Nachfrage nach Ingenieuren schwinden: "Einen MINT-Schweinezyklus gibt es nicht, denn in den einzelnen MINT-Fächern ist die Arbeitsmarktsituation völlig unterschiedlich. Die größten zyklischen Effekte sind in den sogenannten MEBI-Fächern (Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen und Informatik) zu beobachten. Die Studienanfängerzahlen in diesen Technikfächern haben sich zwischen 2006 und 2011 nahezu verdoppelt. Das heißt, in den kommenden Jahren werden hier deutlich mehr Absolventen auf den Arbeitsmarkt kommen. Das wird die starke Nachfrage an Ingenieuren abschwächen."

Der Hochschul-Bildungs-Index des Stifterverbandes zeige deshalb schon seit 2012, dass "wir auf längere Frist gesehen genügend Studierende in den technischen Fächern haben".

Aber um Schweinezyklen zu vermeiden, sollte derzeit weder besonders intensiv für das Studium geworben, noch vor zu vielen Ingenieuren gewarnt werden, rät Winde. "Wer jetzt von einem technischen Studium abrät, produziert den nächsten Ingenieursmangel nach 2020."

Seit 2005 berechnet das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) quartalsweise die sog. "Fachkräftelücke" bei Ingenieuren. Stets war von einem gravierenden Mangel die Rede, was dem VDI und auch dem IW viel Kritik einbrachte: falsche Methodik, Panikmache, der VDI vertrete in Wahrheit die Interessen der Wirtschaft, und so weiter. Und nun kippt auch das IW auf einmal um? Dann scheint es in der Tat vorbei zu sein mit dem Arbeitnehmermarkt.

Worauf ist die Entspannung am Arbeitsmarkt zurückzuführen? Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass der demographische Ersatzbedarf an Akademikern zumindest teilweise durch den Trend zu höherer Bildung und Akademisierung aufgefangen wird, ein Ende dieser Entwicklung ist derzeit nicht abzusehen. Bis zum Jahr 2030 könnten so rund 1,6 Millionen Personen mit akademischer Ausbildung zusätzlich zur Verfügung stehen, hat das Bundesinstitut für Berufsbildung ausgerechnet.

Nicht nur IDW und BIBB, auch der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft meldet Entspannung. Zwar sei zwischen 1995 und 2005 die Zahl der Absolventen im Ingenieurstudium um fast ein Viertel gesunken - als Folge der Ingenieurschwemme in den 90er Jahren. Doch in den letzten 14 Jahren hat sich die Zahl der Studienanfänger in den Ingenieur- und Naturwissenschaften wieder mehr als verdoppelt, laut Zahlen des IAB vom Frühjahr auf die Rekordzahl von insgesamt 290.000 Studienanfängern in einem MINT-Studiengang, "so viele wie noch nie". Das werde sich, so der Stifterverband, auf dem MINT-Arbeitsmarkt positiv bemerkbar machen, trotz der immer noch überdurchschnittlich hohen Abbruchquoten im Bachelor-Studium.

Den Trend zur Akademisierung belegt auch ein Bericht der Kultusministerkonferenz, der im Frühjahr veröffentlicht worden war. Demnach steigt die Zahl der Grundschüler mit Gymnasialreife jedes Jahr um 13.000, allein in Bayern treten knapp 40 Prozent eines Grundschuljahrgangs ans Gymnasium über. Laut "Bildungsbericht 2014" im Auftrag des BMBF liegt der Anteil der Personen mit Hochschulreife/Abitur bei den 30- bis unter 35-Jährigen inzwischen bei 43 Prozent, rund doppelt so hoch wie bei den 60- bis unter 65-Jährigen (22 Prozent). Die Zahl der Personen mit einem ersten Hochschulabschluss hat sich seit 2002 fast verdoppelt.

Gleichzeitig steigt auch das Interesse an MINT-Studiengängen seit Jahren kontinuierlich an. Im Studienjahr 2007/2008 gab es an deutschen Hochschulen 131.400 Studienanfänger in MINT-Fächern, davon 90.782 Männer. Im vergangenen Jahr waren es bereits 191.965, darunter 57.419 Frauen (Zum Vergleich: 507.124 Studienanfänger und -anfängerinnen gab es 2013 laut Statistischem Bundesamt insgesamt). Einen vorläufigen Höhepunkt bildete das Jahr 2011, als die doppelten Abiturjahrgänge und der Wegfall der Wehrpflicht zu einem Boom bei den Erstsemestern geführt, darunter mit knapp 207.700 überdurchschnittlich viele in MINT-Fächern.