Industrie 4.0 »Wir müssen von Deutschland aus Akzente setzen!«

Prof. Detlef Zühlke, DFKI

Deutschland kann Leitanbieter für die Konzepte werden, die hinter Industrie 4.0 stehen, erklärt Prof. Dr. Detlef Zühlke vom DFKI auf dem Markt&Technik Summit Industrie 4.0. Die Voraussetzungen sind vorhanden: »Deutschland ist führend im Maschinen- und Anlagenbau, in der Steuerungstechnik, bei den Embedded Systems und hat hochqualifizierte Mitarbeiter.«

Ganz so einfach, diese Vorreiterschaft(en) auch im Hinblick auf Industrie 4.0 umzusetzen, wird es allerdings nicht werden, darin sind sich die Referenten auf dem Industrie 4.0 Summit weitgehend einig. Als größte Herausforderungen identifizieren die Redner und Teilnehmer die (IT-)Sicherheit, die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der Automatisierung, der Elektronik und der Informationstechnologie und die derzeit noch in einigen Teilgebieten fehlenden Standards. »Der elektromechanische Grundstandard ist zwar vorhanden«, so Zühlke.

Aber besonders in der Kommunikation und der Sicherheit gibt es noch keine einheitlichen Standards. So spielt die Standardisierung unter anderem bei der Beschreibung der Schnittstellen und Integrationsmöglichkeiten innerhalb einer noch zu erarbeitenden Referenzarchitektur für Industrie 4.0 eine maßgebliche Rolle. In der Normung im Informatikbereich ist Deutschland nach den Worten von Hermann Behrens, Deutsches Institut für Normung nicht so stark wie die USA, aber im Bereich Sicherheit ist Deutschland seiner Ansicht nach der stärkste Partner weltweit. »Diese Position sollen wir nutzen, und die Aktivitäten von Deutschland aus starten, bevor es andere tun.« Denn, so Behrens, auch andere Länder wie China oder Korea zeigten Bestrebungen, bei der Standardisierung den Ton anzugeben. »Wir müssen von Deutschland aus Akzente setzen!«, fordert der Normungsexperte deshalb und appelliert an alle Akteure, an einem Strang zu ziehen, damit die Standards nicht von wenigen großen Unternehmen festgesetzt werden. Der Erfolg steht und fällt laut Behrens damit, dass verschiedene Teildisziplinen »intelligent und störungsfrei« zusammenarbeiten.

Normungs-Roadmap für Industrie 4.0

Um den damit verbundenen Anforderungen gerecht zu werden, baut das DIN derzeit Strukturen auf, um Wirtschaft und Wissenschaft beim Thema Industrie 4.0 zu unterstützen: So koordiniert ein Lenkungskreis gremien- und organisationsübergreifend die Abstimmung, Bündelung und Koordinierung der verschiedenen an der Normung zu Industrie 4.0 interessierten Fachkreise. Als weiteren Baustein, um die Standardisierung rund um die Industrie 4.0 zu orchestrieren, koordiniert der Lenkungskreis derzeit die Arbeiten an einer Normungs-Roadmap 1.0 durch das DIN und die DKE. Veröffentlicht werden soll die Roadmap in den nächsten Wochen. Die erste Version enthält neben der Darstellung des aktuellen Standes von Normung und Standardisierung eine Übersicht relevanter Normen und Standards, skizziert die Themenbereiche mit Normungsbedarf und gibt vor allem konkrete Handlungsempfehlungen für die Arbeiten in der Normung. Gegenstand der Roadmap sind Normungsthemen der Automatisierungstechnik, Safety, Security, Arbeitsgestaltung, Aus- und Weiterbildung, Instandhaltung, Umweltschutz und der IT-Sicherheit (Cloud Computing, Informationssicherheit, Produktpiraterie).

»Kein Big Bang«

Trotz zahlreicher Aktivitäten rund um die Industrie 4.0 dürfe man sich aber nicht der unrealistischen Hoffnung hingeben, das Ziel sei mit einem »Big Bang« innerhalb kurzer Zeit zu erreichen. »Das ist nicht der Fall, vielmehr liegen noch einige Jahre der Entwicklung und Pionierarbeit vor uns«, fasst Prof. Dr. Wegener, Leitung Technologie der Siemens AG Industry Sector, in seinem Vortrag zusammen. »Aus Forschungssicht ist schon sehr viel da, aber damit verdient man noch kein Geld«, gibt Wegener zu bedenken. »Wir gehen heute davon aus, dass es deutlich mehr als ein Jahrzehnt dauern wird, bis aus der Vision Realität wird. Was wir vor uns haben, ist eine evolutionäre Entwicklung, die allerdings nicht von selbst in die richtige Richtung gehen wird. Wir müssen aktiv die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Vision Wirklichkeit werden kann.« Die Bedeutung der Industrie 4.0 für Deutschland will Wegener aber dennoch nicht schmälern, im Gegenteil: »Wenn wir es schaffen, Industrie 4.0 als gemeinsame Aktivitäten zu vermitteln, dann ist das eine einmalige Chance für unseren Standort Deutschland. Denn Industrie 4.0 ist keine ausschließliche Aktivität von Großunternehmen oder des Mittelstandes, sondern wir müssen alle an einem Strang ziehen.« Aber nicht nur von den unterschiedlichen Unternehmenskulturen, auch von den unterschiedlichen Fachdisziplinen ist der Kooperationswille gefordert, denn, so Wegener, für Egoismen sei in der Industrie 4.0 kein Platz.