Industrie 4.0: Normung & Standardisierung »Wir fangen nicht auf der grünen Wiese an!«

Johannes Stein, VDE/DKE: »RAMI wird uns auch dabei helfen, diese verschiedenen Normungswelten besser miteinander zu vernetzen. Es kann beispielsweise sein, dass ein Communication-Layer aus der IT-Welt mit den applikationsspezifischen Informationsmodellen der IEC auf dem Information-Layer verbunden werden.«
Johannes Stein, VDE/DKE: »RAMI wird uns auch dabei helfen, diese verschiedenen Normungswelten besser miteinander zu vernetzen. Es kann beispielsweise sein, dass ein Communication-Layer aus der IT-Welt mit den applikationsspezifischen Informationsmodellen der IEC auf dem Information-Layer verbunden werden.«

Laut VDE-Trendreport sehen 49 Prozent der Befragten fehlende Normen und Standards als Barriere für Industrie 4.0 an. Dass die Normung hier der Bremsklotz ist, relativiert Johannes Stein, Normungsexperte im VDE/DKE und Leiter des VDE-Kompetenzzentrums Industrie 4.0, im Exklusiv-Interview.

Markt&Technik: In der Öffentlichkeit wird in Zusammenhang mit Industrie 4.0 immer wieder die Diskussion De-Facto-Standards vs. „saubere“ Normung kolportiert. Stehen die beiden überhaupt im Widerspruch?

Johannes Stein: Nein, das muss kein Widerspruch sein. Es gibt unterschiedliche strategische Optionen für Unternehmen: Sie können Normen und Standards anwenden oder können selbst entscheiden, ob sie unternehmensindividuell eine Spezifikation oder ein Patent aufsetzen und diese Spezifikation dann ggf. versuchen, am Markt durchzusetzen.

Als Unternehmen könnte ich mir verschiedene strategische Möglichkeiten bewusst machen: Ich kann zum Beispiel eine eigene Spezifikation oder Konsortialspezifikation erstellen, die von zwei, drei, vier oder mehr Unternehmen getragen wird. Und dann hoffen, dass meine Spezifikation sich als De-Facto-Standard durchsetzt. Oder es werden im Konsens erarbeitete und genormte Schnittstellen zu anderen Partnern oder gemeinschaftlich spezifizierte Funktionen mit Kommunikation nach außen genutzt. Oft wird in der IT-Welt und im Umfeld der Automatisierungstechnik mit Konsortialspezifikationen begonnen. Wo die Stakeholder es als wichtig empfinden, wird diese Konsortialspezifikation über IEC und ISO internationalisiert. Das ist teilweise Gang und Gebe – beide Optionen können sich hierbei gut ergänzen, denn mit der Internationalisierung erzielt man eine ganz andere Reichweite, weil eine Konsortialspezifikation in der Regel – zum Beispiel regional – begrenzt ist. Aufgrund der begrenzten Reichweite einer eigenen Spezifikation gehen vielen Unternehmen bewusst ergänzend den Weg der internationalen Norm. So wird es übrigens auch mit dem Industrie-4.0-Referenzmodell RAMI4.0 erfolgen: Es wird im ersten Schritt eine DIN Spec als Vorstufe werden, um diese dann bei IEC international einzureichen. Wenn man Industrie 4.0 betrachtet, fangen wir hier nicht auf der grünen Wiese an.

Nun halten die Normungs-Skeptiker dagegen, dass der Weg bis zu einer Normung sehr aufwändig sei.

Wir haben bereits heute in der Normung Dokumentenarten zur Verfügung, die im Grunde die Lücke von einer Konsortialspezifikation hin bis zur internationalen Norm füllen können. Das ist vielfach aber noch nicht so bekannt. Viele Leute denken, eine Internationaler Norm braucht mit Kommentierungs- und Abfragerunden mindestens drei Jahren, und sehen das als zu aufwändig an. Aber nicht immer ist tatsächlich eine internationale Norm erforderlich. Man kann auch national mit einer VDE-Anwendungsregel oder DIN Spec agieren, die wir gemeinsam mit den Stakeholdern innerhalb von sechs Wochen bis zu drei Monaten auf dem Tisch haben. Aber auch international haben wir Möglichkeiten, das Ganze sehr stark zu beschleunigen.

Inwiefern?

Bei einem “International Standard“ wird ein hoher Konsensgrad angestrebt. Dieser benötigt gewisse Abstimmungsfristen. In der Praxis zeigt sich aber, dass häufig die notwendige Einigung und Erarbeitung der Inhalte der entscheidende Punkt für die längere Dauer ist. Neben einer internationalen Norm gibt es zudem Möglichkeiten, Dokumente wie einen Technischen Bericht oder eine Technische Spezifikation bei IEC oder ISO zu veröffentlichen. Hier ist der geforderte Konsensgrad geringer. Diese Dokumente sind häufig eine Vorstufe zur internationalen Norm und sind relativ schnell verfügbar. Es stellt sich auch die Frage, inwieweit nicht für viele Anwendungsfälle diese Dokumente, die auch international referenziert werden können, bereits ausreichend sind.

Eine Verständnisfrage zwischendurch: Was ist genau genommen der Unterschied zwischen Norm und Standard?

Die Begrifflichkeit ist vor allem im Englischen nicht sauber definiert. Normen werden von anerkannten Normungsinstituten veröffentlicht, wie DIN und DKE in Deutschland, CEN, CENELEC und ETSI in Europa und international von IEC, ISO und ITU. Daneben gibt es eine ganze Reihe anderer Organisationen, wie etwa Fachverbände und Konsortien, die technische Regeln herausbringen. So etwas wären dann Spezifikationen. „Standard“ wird zunehmend als Oberbegriff von Normen und Spezifikationen verwendet, weil es im Englischen diese Unterscheidung nicht gibt.

Häufig stellt man fest, dass Normen und Standards zwar mächtig sind, aber trotzdem nicht immer ausreichen – was dann?

In diesem Fall können Profile zum Zug kommen. Für meine spezielle Applikation würde ich dann ein Profil zuschneiden. Das heißt, ich schneide Teile aus einer Normung heraus, reduziere damit die Variantenvielfalt der Norm, ergänze ggf. fehlende Festlegungen, um dann tatsächlich Interoperabilität zu gewährleisten. Die Norm ist für einen weiten Bereich geschrieben und benötigt daher ggf. die Varianten; das Profil konzentriert sich auf einen spezifischen Anwendungsfall.

Kommen wir zu RAMI 4.0 – ist RAMI also eine Art Normungs-Vorstufe?

RAMI ist im Grunde nur ein Modell zur Vereinfachung der Wirklichkeit. Es heißt, ein Modell ist immer nur so gut, wie sich die Community darauf einigt, um eine gemeinsame Sichtweise auf die komplexere Wirklichkeit zu gewinnen. Ein Modell soll dem Austausch untereinander und der Einordnung komplexer Sachverhalte dienen – insbesondere für Systemfragen. Je nach Anwendung oder Zielrichtung können unterschiedliche Modelle genutzt werden. RAMI nun erhält eine breite Unterstützung und kann damit diese Aufgabe übernehmen.