Kommentar Wie passt Mentor zu Siemens?

Heinz Arnold, Chefredakteur, HArnold@markt-technik.de

Mentor Graphics ist vor allem als EDA-Firma bekannt,die Software für das Design von ICs herstellt. Warumn also hat Siemens das EDA-Unternehmen gekauft?

Ich kann mich dunkel erinnern, dass ich vor vielen Jahren einem Vortrag auf einer Konferenz lauschen durfte, den Walden C. Rhines hielt, damals schon CEO von Mentor Graphics. Er verkündete stolz, dass ohne EDA-Industrie die komplexen ICs gar nicht zu realisieren wären. Dabei mache die gesamte EDA-Industrie weniger Umsatz als die Firmen, die Klingeltöne für Handys verkaufen (woran man sieht, wie lange das schon her ist). Aber geändert hat sich im Grunde nichts. Die EDA-Firmen dümpeln schon seit vielen Jahren mit rund 2% des Umsatzes der IC-Hersteller vor sich hin.

Die Wall Street mag Unternehmen, die nicht wachsen, gar nicht – wobei Mentor seit Jahren im Durchschnitt stärker als die EDA-Industrie wächst. In Zeiten wie diesen, in denen das Geld billig und die Merger-Mania – den Ausdruck benutzt Rhines selber – ausgebrochen ist, stehen solche Unternehmen in Gefahr, übernommen zu werden.

Jetzt hat Siemens zugeschlagen und Mentor Graphics für 4,2 Mrd. Dollar übernommen. Zu viel? Zu wenig? Sei’s drum, die eigentliche Frage lautet: Warum übernimmt Siemens eine EDA-Firma? Mentor Graphics hat seine Fühler schon längst über sein EDA-Kerngebiet hinaus ausgestreckt. Das Unternehmen bietet nicht nur die Design-Umgebung für den IC-Entwurf, sondern auch von Leiterplatten – hier ist das Unternehmen Marktführer – und sogar für die Bestückung von Leiterplatten, was in Richtung MES und Smart Factory geht. Außerdem beschäftigt sich Mentor von Kabelbäumen bis zu Entertainment-Systemen mit der gesamten Elektronik, vor allem für Autos. Dieser Sektor ist mit 20% weit überdurchschnittlich gewachsen. Die Systemhersteller würden einen ähnlichen Weg einschlagen wie die IC-Hersteller, die EDA eingesetzt haben, um der ständig steigenden Komplexität der ICs Herr zu werden, so ist Rhines überzeugt.

Aus dieser Sicht kommt Siemens mit den eigenen Tools „von oben“, was sich ja schön ergänzen könnte. Wenn der Plan aufgeht, könnte Siemens also vom IC-Design bis hin zur Smart Factory, Industrie 4.0 und IoT die aufeinander abgestimmten Tools anbieten, um die Silogrenzen zu überwinden – wie die Indusrtie-4.0-Welt es ja fordert.

Allerdings erzielt Mentor mit IC-Design und Verification 65% des Umsatzes, mit integriertem System-Design 25% und nur 5% mit New and Emerging Markets. Da bleibt die Frage, ob wirklich alle Elemente der Kette ins Geschäftsmodell von Siemens passen – was Siemens also – Silo hin, Silo her – behalten will und was nicht.