Investition und Zusammenarbeit Singapur setzt bei Industrie 4.0 auf DACH-Mittelstand

Mehr als 3000 Firmen aus dem deutschsprachigen Raum haben bereits nach Singapur expandiert.
Mehr als 3000 Firmen aus dem deutschsprachigen Raum haben bereits nach Singapur expandiert.

Die Fertigungsindustrie macht in Singapur 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Mithilfe von Industrie 4.0 will der Stadtstaat seine Bedeutung für die Fertigungsindustrie kräftig ausbauen.

„Wir setzen uns mit allen Kräften dafür ein, die Wettbewerbsfähigkeit dieses für uns so wichtigen Wirtschaftszweiges zu stärken. Deshalb transformieren wir unseren Industrie-Bestand im Richtung Automatisierung und digitale Technologien und fördern entsprechend Innovation, Talente und Infrastruktur“, betont Terence Gan, Regional President, Europe, des Singapore Economic Development Board, kurz EDB, im Rahmen der Singapur-Konferenz in Frankfurt.

Für Hightech-Mittelstand-Champions aus dem deutschsprachigen Raum (DACH) bieten sich dadurch nach Ansicht von Gan große Chancen. Die dynamische Entwicklung in den neuen Technologien, aber auch der wachsende asiatische Verbrauchermarkt mit einer steigenden Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen eröffnen ihnen neue Märkte und Geschäftsmöglichkeiten.

Singapur als wichtiger Brückenkopf für die Expansion in Asien

„Asien-Pazifik gilt als Zukunftsmarkt für Hightech-Mittelstand-Champions im deutschsprachigen Raum“, betonte Prof. Dr. Holger Ernst, Inhaber des Lehrstuhls für Technologie- und Innovationsmanagement an der WHU, auf der Singapur-Konferenz. Dies habe nicht zuletzt mit der dortigen anhaltend positiven ökonomischen Entwicklung zu tun. Die südostasiatischen Staaten etwa zeichnen sich durch ein Wachstum von durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr sowie eine stark steigende gutverdienende Mittelschicht aus, die im Jahr 2020 etwa 400 Millionen Menschen zählen wird. Deshalb ist davon auszugehen, dass sich Südostasien bereits 2030 zur viertgrößten Wirtschaftsregion der Welt entwickelt haben wird – nach USA, EU und China. „Jedoch unterscheiden sich die einzelnen Länder der Region stark voneinander. Deswegen ist es essentiell, sie genauer kennenzulernen und zu verstehen, um erfolgreich zu sein“, so Prof. Dr. Ernst. „Singapur dient als wichtiger Brückenkopf. Der Stadtstaat punktet nicht nur durch seine logistisch günstige zentrale Lage innerhalb der Region, sondern auch durch eine hervorragende Infrastruktur, niedrige Sprachbarrieren, Zugang zu hochausgebildeten Arbeitskräften, wenig Bürokratie sowie stabile politische Verhältnisse.“ Singapur gehöre zudem zu den innovationsfreundlichsten Ländern weltweit und bietet auch zum Schutz von geistigem Eigentum eine hohe Rechtssicherheit. Laut aktuellem „Global Innovation Index 2017“, welcher in einem jährlichen Intervall von der UN-Organisation für geistiges Eigentum (WIPO), der Cornell University und der französischen Wirtschaftsuniversität INSEAD erhoben wird, liegt der Stadtstaat klar auf Platz 1 der innovativsten Länder in Asien und auf Rang 7 weltweit.

Mehr als 3000 Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum in Singapur

„Singapur und der Mittelstand in Deutschland, Österreich und der Schweiz teilen insbesondere vier Grundprinzipien miteinander: Erstens legen wir beide großen Wert auf Vertrauen und Verlässlichkeit. Zweitens gilt für uns gleichermaßen, dass wir bei Investitionen eine langfristig tragfähige Perspektive im Blick haben. Drittens ist uns gemein, dass wir in die kontinuierliche Optimierung und stetige Innovation investieren, um in den jeweiligen Branchen und Wirtschaftszweigen führend zu sein. Und viertens investieren wir in Menschen“, erklärte Gastgeber Terence Gan. „Nicht zuletzt diese große Vereinbarkeit in den Grundprinzipien hat dazu geführt, dass bereits mehr als 3000 Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum regionale Standorte in Singapur eröffnet haben.“

 Sechs Billionen Euro fließen in den nächsten 20 Jahren in die Urbanisierung

Der wachsende Wohlstand in der Region gehe laut Gan Hand in Hand mit steigenden Konsumentenansprüchen sowie einem hohen Bedarf an Produkten, Bildung und Finanzdienstleistungen. Auch würden durch die damit einhergehende Urbanisierung in den kommenden zwei Jahrzehnten etwa sechs Billionen Euro allein für neue Infrastruktur und Wohnungsbau in Südostasien aufgewendet. Gan: „Die Möglichkeiten für Fertigungsbetriebe, Innovation und Dienstleistungen sind also enorm.“

„Kundennähe verlangt lokale Nähe“

Das bestätigte Hanno D. Wentzler, Mitglied des Executive Councils des Multi-Technologie-Unternehmens Freudenberg. Freudenberg ist seit 1980 in Südostasien präsent – mit Singapur als Dreh- und Angelpunkt. Im ASEAN-Wirtschaftsraum, der von zehn südostasiatischen Staaten gebildet wird, sind mittlerweile 800 Mitarbeiter von Freudenberg beschäftigt. Der Umsatz lag hier 2016 bei 112 Millionen Euro, was einem Plus von knapp zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Präsenz in der Region sei laut Wentzler unabdingbar: „Man kann nicht erfolgreich Geschäfte machen aus 10.000 Kilometern Entfernung, in einer fremden Sprache und in einer anderen Zeitzone.“ Wenn Freudenberg als Lieferant ernst genommen werden wolle, müsse das Unternehmen die Anliegen der Kunden dort verstehen und ihnen gerecht werden. Sein Credo: „Kundennähe verlangt lokale Nähe“, so Wentzler. Um ein anerkanntes, vollwertiges Mitglied der lokalen Wirtschaftssysteme sein zu können, habe Freudenberg deshalb nicht nur die Produktion, sondern auch den Bereich Forschung und Entwicklung in der Region angesiedelt.

„Als Marktöffner auch Einstiegslösungen entwickeln“

Der asiatische Markt hat eigene Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen. Auch Trumpf Lasertechnik, hat sich dem angepasst. „Als Premiumanbieter sind wir im Einstiegssegment eigentlich nicht vertreten“, erklärt Dr. Gang Yang, Leiter internationaler Vertrieb der Trumpf Werkzeugmaschinen. Doch gebe es in der Region viele Kunden, die neu in den Markt eintreten und sich dafür Low-end-Lösungen wünschen. „Überlassen wir diese Kunden anderen Anbietern, wird es schwer, sie auf unsere Seite zu ziehen, wenn sie die Stufe zum High-end-Segment erreichen. Deshalb müssen wir auch in das Low-end-Segment investieren und hierfür entsprechende Lösungen entwickeln.“ Das gilt auch für die ebm-papst Group. „Wir müssen in Südostasien einige unserer Produkte abspecken“, berichtete Thomas Borst, Managing Director Sales und Marketing des Unternehmens. Aber verwässert das dann nicht die Marke? „Wir haben das Glück, dass wir einen modularen Aufbau haben mit unseren Produkten. Und ein großes Portfolio. Wir haben weit über 10.000 Produkte, die wir verkaufen“, so Borst. Man müsse flexibel und kreativ sein. Außerdem entwickle sich der Markt weiter. Borst: „Das Bewusstsein, die Sensibilität für bessere Technologie wird immer größer in Südostasien und macht es uns leichter, unsere Produkte, so wie sie in Europa eingesetzt werden, auch in Südostasien einzusetzen.“