Interview mit Ulrich Ermel, COG »Obsolescence Management ist auch Chefsache«

Ermel Ulrich, TQ 2014
Ulrich Ermel, COG: »Immer mehr Halbleiterhersteller suchen inzwischen sogar von sich aus den Dialog mit der COG, um ihre Obsolescence-Strategie vorzustellen.«

Die Voraussetzung für ein nachhaltiges Obsolescence Management über die Supply Chain hinweg ist, dass sich »nicht nur die Entwicklungs- und Einkaufsabteilungen, sondern auch die Geschäftsführungsetagen über die volle Tragweite des Problems bewusst sind«, sagt COG-Vorstandsvorsitzender Ulrich Ermel.

Markt&Technik: Können Sie die Brisanz des Themas auch mit Blick auf Industrie 4.0 konkretisieren?

Ulrich Ermel, COG: Experten gehen davon aus, dass bei Geräten und Anlagen mit Lebenszyklen von über zehn Jahren inzwischen bis zu 50 Prozent der gesamten Produktzykluskosten durch direkte oder indirekte Obsolescence-Folgen entstehen. Trotz dieser vermeintlich doch eher beunruhigend hohen Prozentzahl führt das Obsolescence Management in vielen Unternehmen nach wie vor ein eher stiefmütterliches Dasein. Ähnliches gilt für die „Long-Term“-Programme der Bauteile-Hersteller. Viele Firmen scheinen immer noch nicht so recht erkannt zu haben, dass sie im Hinblick auf Industrie 4.0 nur bestehen können, wenn sie neben der Sicherheit auch die langfristige Verfügbarkeit ihrer Hardware und Software in den Griff bekommen.

Wer ist denn innerhalb der Lieferkette am stärksten von der Obsolescence-Problematik betroffen?

Wenn man die komplexe Lieferkette von Halbleitern näher betrachtet, wird schnell klar, dass die Obsolescence-Problematik zunimmt, je weiter man in Richtung Anwendung schreitet. Distributoren tangiert das Problem in der Regel nur insofern, als sie Abkündigungen natürlich wie jede andere Änderungsmitteilung auch möglichst unmittelbar an ihre Kunden weitergeben müssen. Ob sich diese dann noch einen größeren Vorrat auf Lager legen lassen, entzieht sich eigentlich schon wieder der Verantwortung des jeweiligen Distributors. Viele Produktabkündigung liegen übrigens gar nicht allein in der Verantwortung des Halbleiterherstellers, sondern sind auf Grund von Entscheidungen oder Vorfällen in dessen Lieferkette bedingt. Uns geht es im Verein deshalb auch nicht so sehr um Schuldzuweisungen, sondern darum, möglichst vielen Stufen in der Lieferkette die Brisanz des Themas bewusst zu machen.

Mit »Verein« meinen Sie die 2005 gegründete COG: Gab es einen konkreten Anlass, oder existierten schon deutlich länger Überlegungen, einen derartigen Verein zu gründen?

Überlegungen, einen Verein nach dem Vorbild der inzwischen in International Institute of Obsolescence Management (IIOM) umbenannten COG Großbritannien ins Leben zu rufen, gab es schon vor 2005. Es dauerte dann aber doch noch einige Jahre, bis sich die ersten 26 Firmen tatsächlich zur Gründung der Non-Profit-Component Obsolescence Group (COG) Deutschland e.V. zusammenfanden. In Großbritannien war der Druck, sich intensiv mit dem Thema auseinander zu setzen, durch die stark ausgeprägte Militär-Industrie anfangs sicherlich auch wesentlich größer als in Deutschland, wobei sich das inzwischen massiv geändert hat. Heutzutage hat praktisch jedes Unternehmen, das langlebige Geräte, Anlagen, Fahrzeuge etc. entwickelt und fertigt, irgendwann zwangsläufig auch mit der Obsolescence-Problematik zu kämpfen. Dass dem so ist, liegt übrigens nicht nur an irgendwelchen kompromissunwilligen Komponentenherstellern, sondern zum Großteil auch an der überwältigenden Komplexität moderner Lieferketten. Aus diesem Grund freuen wir uns auch so sehr über jedes neue COG-Mitglied aus den Reihen der Bauteilehersteller und -Distributoren.

Haben sich inzwischen Nachahmer gefunden?

In den USA, den Niederlanden und in Brasilien gibt es immerhin schon sehr konkrete Ansätze für weitere Landesgesellschaften nach deutschem bzw. britischem Vorbild. Und auch in Japan zeigt man sich dem Thema gegenüber sehr offen.

Der Name COG ist englisch, d.h. Sie haben sich von vorneherein auf die globalen Hersteller in den USA, Asien und sonstigen Regionenen eingestellt …

Korrekt, wobei der Name ursprünglich eigentlich von der britischen Muttergesellschaft stammt, die bereits von Beginn an offen für den Austausch mit weiteren Regionen auf der Welt war.

Zur Begrifflichkeit: Ist zwischen Obsolescence und Obsoleszenz ein Unterschied?

Der Begriff Obsolescence bezieht sich auf die Nichtverfügkeit eines Produkts, eines Bauteils, einer Sache oder was auch immer. Nur wird im deutschen Sprachgebrauch mit Obsoleszenz zu unserem großen Bedauern leider auch der geplante Verschleiß etwa von Waschmaschinen assoziiert.

Haben Distis und deren Kunden überhaupt eine Möglichkeit, um gemeinsam Druck auf die Hersteller auszuüben?

Dass Druck immer Gegendruck erzeugt, dürfte aus der Physik hinreichend bekannt sein. Druck auf die Bauteilehersteller auszuüben, ist definitiv auch nicht unsere Intention. Uns geht es vielmehr darum, die Gegenseite noch mehr für unsere Probleme und Bedürfnisse zu sensibilisieren. Das scheint zunehmend auch ganz gut zu funktionieren. Immer mehr Halbleiterhersteller suchen inzwischen sogar von sich aus den Dialog mit der COG, um ihre Obsolescence-Strategie vorzustellen. Wenn ein Unternehmen mit speziellen Produktfamilien die langfristigen Bedarfe seiner Kunden absichern hilft und dadurch vielleicht gleichzeitig auch noch eine kontinuierlichere Fab-Auslastung erreicht, ist das eine klassische Win-Win-Situation, die uns im Verein jedes Mal erneut freut.