Industrie 4.0 Maschinen mit Gedächtnis, Menschen mit Köpfchen

Siegried Wagner, in-GmbH.

Wer beim Stichwort Industrie 4.0 an menschenleere Fabrikhallen denkt, liegt nach Ansicht von Siegried Wagner, Geschäftsführer der in-GmbH völlig daneben. Aber welche Rolle spielt der Mensch in der Industrie 4.0?

Zahlreiche Marktteilnehmer setzen sich derzeit intensiv mit dem Modell »Industrie 4.0« und dessen Praxisszenarien auseinander. Die neue Intelligenz der Maschinen durch cyberphysikalische Systeme soll die Interaktion in der Fabrik auf ein völlig neues Level heben.

Höhere Transparenz, Effizienz und Produktivität sind nur drei der wesentlichen Resultate. Neben produktionsrelevanten Daten können technische Anlagen und mobile Geräte auch über die Komponenten, den Zustand der Verschleißteile, den Energieverbrauch und ggfls. ihren Standort Auskunft geben. Auf Basis derartiger Daten lassen sich beispielsweise Verbräuche optimieren, Ausfallzeiten vermeiden und Servicekosten minimieren. Dabei ist nicht nur die Vernetzung intern, sondern auch zu Lieferanten und Serviceanbietern als Potenzial zu betrachten.

Das größte Potenzial der Industrie 4.0 liegt dabei in der Durchgängigkeit der Prozesse und Daten – von der Idee in die Produktentwicklung, Planung und Produktion bis hin zum Vertrieb und After Sales Service. So lassen sich Durchlaufzeiten verkürzen, Innovationen schneller zu Produkten entwickeln und manuelle Handgriffe reduzieren. Das schafft Freiräume für Kreativität, Zusammenarbeit, Kundenbetreuung und optimalen Service. Die industrielle Revolution führt zu erheblichen Fortschritten, indem sich Menschen und Maschinen mit ihren erweiterten Fähigkeiten wiederum optimal ergänzen. Denn die Komponenten der 4.0-Fertigung verfügen zwar über ein Gedächtnis, aber nicht über die Intelligenz, Ausnahmesituationen zu meistern oder Verbesserungsprozesse herbeizuführen.

Aber wie gestaltet sich das neue Berufsbild in einer derartigen »Fabrik der Zukunft«? Entlastung erfährt der Mensch auf der einen Seite durch automatisierte Prozesse von sich wiederholenden operativen Aufgaben. Stattdessen wird er verstärkt überall dort gebraucht, wo es gilt, Entscheidungen zu treffen. Die Wissensarbeit im Produktentstehungsprozess, bei Planungs-, Überwachungs- und Serviceaufgaben nimmt zu. Der Mitarbeiter spielt in der Industrie 4.0 im wahrsten Sinne eine entscheidende Rolle – beispielsweise wenn Ad-hoc-Reaktionen auf Unvorhersehbares wie Umwelteinflüsse erforderlich sind oder auf Basis von Kennzahlen Veränderungen im Produktionsprozess vorgenommen werden müssen. Auch Entscheidungen und Ableitungen auf Basis historischer Daten oder zukunftsorientierte Veränderungsprozesse wie eine Verlagerung der Produktion sind klassische Managementaufgaben, die eine Maschine bis dato nicht ersetzen kann. Damit der Mensch in solch einem hochautomatisierten Umfeld den Überblick behalten kann, sind unterstützende Werkzeuge und entsprechende Bedieninterfaces sinnvoll. Diese müssen sowohl der Managementebene als auch der Serviceebene relevante Daten komplexer Zusammenhänge so einfach zur Verfügung stellen, dass Entscheidungen bestmöglich getroffen werden können. Diese Lösungen sollten die mobile Zusammenarbeit unterstützen und Abläufe automatisieren.

Mobil und agil in der Fabrik von morgen

Auch Mobilität spielt im Zuge der Industrie 4.0 eine übergeordnete Rolle, da Mitarbeiter heute zunehmend remote auf Systeme zugreifen. Ist ein Konzern beispielsweise an mehreren Standorten rund um den Globus vertreten, so kann der Verantwortliche von einem Werk in Spanien die Informationen in der deutschen Fabrik abrufen. Er verfügt damit immer über einen aktuellen Stand seiner Daten. Durch die zusätzliche Nutzung von Positionsdaten wird es möglich, dass mobile Entscheider und Mitarbeiter ortsabhängig mit den entsprechenden Hinweisen für ihre Tätigkeit versorgt werden. Dies können beispielsweise Informationen über relevante Kenngrößen der Produktion als auch Anleitungen für den Service an einer Anlage oder Maschine sein.
Kurzum: Die Intelligenz und die Vernetzung der Anlagen und Maschinen benötigt weiterhin den Menschen. Die Beherrschung der Komplexität an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine sowie die effiziente Zusammen-arbeit der Menschen in örtlich verteilten und mobilen Umge-bungen ist eine der Herausforderungen für das neue Industrie-Zeitalter und die agile Fertigung von morgen.