Industrie 4.0 & Industrial Internet »Lassen Sie niemanden zwischen sich und den Kunden!«

Markt&Technik Summit "Industrie 4.0 & Industrial Internet" in München

Was ist disruptiv? Wenn kein Stein mehr auf dem anderen bleibt! Die Digitalisierung und darauf aufbauend die intelligente Vernetzung und Industrie 4.0 sind disruptiv. Was wird sich ändern?

Produktionsprozesse und die Wertschöpfungsketten werden sich fundamental wandeln, neue Geschäftsmodelle werden möglich, sie werden die Grundlage dafür sein, überhaupt noch Geschäfte machen zu können.

»Wer die Wertschöpfungskette nicht digitalisiert, wer kein digitales Abbild der Produktionsprozesse und keine digitalen Zwillinge seiner Produkte anbieten kann, der wird nichts mehr verkaufen«, sagte Roland Bent, Executive Vice President Marketing & Development von Phoenix Contact auf dem 4. Markt & Technik Industrie 4.0 & Industrial Internet Summit.

Wer disruptive Entwicklungen verschläft, wird schnell vom Markt verschwinden. Dass es auch ganz große Firmen treffen kann, zeigt das berühmte Beispiel von Kodak: Das 20-Milliarden-Dollar-Unternehmen hatte sogar noch auf den Umbruch in Richtung Digitalfotografie reagiert und versucht, sich an die Spitze der Entwicklung zu setzen. Allerdings zielte es auf den High-End-Markt ab und nicht auf den Massenmarkt. Gerade dort aber sollte die Digitalfotografie innerhalb kürzester Zeit ihren Durchbruch erleben. Aber diese Entwicklung in der eigenen Firma umzusetzen, hätte bedeutet, das so lange so erfolgreiche Geschäftsmodell kurzerhand über den Haufen zu werfen. Auf unsere derzeitige Situation mitten im Industrie-4.0-Umbruch bezogen heißt das laut Bent: »Welches Geschäftsmodell kann mein heutiges Geschäftsmodell zerstören? Diese Frage müssen wir uns ständig stellen, auch wenn es ungeheuer schwer ist, diese Frage aus der bestehenden Organisation heraus zu stellen.«

Doch die Antwort sei existenziell, weil neue Geschäftsmodelle in Zeiten des disruptiven Umbruchs die Tendenz haben, im Verborgenen zu entstehen, in Nischen das Licht der Welt zu erblicken, die die erfolgreichen Platzhirsche zunächst belächeln. Sobald sie jedoch ihr volles Potenzial sichtbar entwickeln, ist es für die Platzhirsche meist zu spät. Dieses Szenario klingt zunächst bedrohlich. Doch Bent sieht darin vor allem große Chancen, gerade für die Firmen hierzulande, die sich mit Automatisierungstechnik beschäftigen. So entwickle Phoenix Contact eigene Industrie-4.0-Systeme und sammle damit Erfahrung. Umso besser könne das Unternehmen dann die Anforderungen der Kunden verstehen, die ihre Produktionen auf Industrie-4.0-Niveau heben wollen. Die smarte Fabrik und die smarte Integration der Wertschöpfungskette allein bringen nach Ansicht von Analysten schon Produktionssteigerungen von 30 Prozent. Bis dahin ist die Welt für viele Firmen hierzulande noch in Ordnung.

Die große Herausforderung besteht laut Bent darin, dass neue Plattformen wie Lieferando und Booking.com sich zwischen den Hersteller und die Kunden schieben: »Die Hersteller haben die Kosten, die Kunden haben das Geld. Die Plattformen etablieren sich als Gatekeeper zwischen uns und den Kunden. Wir verlieren den direkten Kontakt zu den Kunden. Die Gatekeeper sagen uns, was der Kunde bestellt. Das ist die große Gefahr!« Dazu nutzen die Gatekeeper die nahezu unbegrenzte Datenverfügbarkeit aus unterschiedlichen Quellen. »Wer das nicht nutzt, an dem werden neue Geschäftsmodelle vorbeiziehen.« Bent zitiert den Gründer und Chef von Alibaba, Jack Ma, nach dem die Daten für die vernetzte Welt das sind, was das Öl für die Entwicklung der Industrie im 19. und 20. Jahrhundert war.