Münchener Kreis diskutiert Kann Deutschland digital?

Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy, TU München und Mitglied des Arbeitskreises Industrie 4.0: »Es wird keinen Punkt geben, an dem man sagen kann ‚Jetzt setzt Industrie 4.0 ein‘; vielmehr wird es ein stetiger Fluss von Innovationen sein.«
Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy: „In Deutschland gibt es einen anderen Ausgangspunkt für die Digitalisierung, nämlich die sehr starke traditionelle Wirtschaft, die uns einen anderen Weg abverlangt als beispielsweise der amerikanischen Wirtschaft, die sehr dienstleistungsorientiert ist.“

Der deutsche Mittelstand sieht bisher selten die Notwendigkeit für den großen Schritt in Richtung digitaler Wandel. Das könnte mittelfristig zu Problemen führen.

„Den mittelständischen Unternehmen geht es derzeit noch zu gut“, stellte Prof. Dr. Michael Dowling, Vorstandsvorsitzender des Münchener Kreis anlässlich der Konferenz Digitale Transformation fest. „Sie sehen daher überhaupt keinen Zwang, die Digitalisierung im Unternehmen voranzutreiben.“

Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy vom Zentrum Digitalisierung.Bayern hält fest: „In Deutschland gibt es einen anderen Ausgangspunkt für die Digitalisierung, nämlich die sehr starke traditionelle Wirtschaft, die uns einen anderen Weg abverlangt als beispielsweise der amerikanischen Wirtschaft, die sehr dienstleistungsorientiert ist.“

Digitale Transformation ist Kopfsache und Teamaufgabe

„Die Digitalisierung ist keine Frage der besten Technologie, sondern einer veränderten Denkweise und einem tiefgreifenden Verständnis für die Kultur und Organisation des Unternehmens“, betont Prof. Dr. Isabell M. Welpe, Lehrstuhl für Strategie und Organisation, TUM. Claudia Nemat, Mitglied des Vorstands Deutsche Telekom, verwies auf Albert Einstein, der gesagt hat, dass Probleme nicht mit den Mitteln gelöst werden können, mit denen sie geschaffen wurden. In deutschen Unternehmen würden dementsprechend nur Teams die Herausforderungen der Digitalisierung erfolgreich meistern können, die sich aus Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten zusammensetzen.

Um im Rennen um die Vorherrschaft im digitalen Bereich bestehen zu können, gilt es zu erkennen, was andere noch nicht erkannt haben, und Disruption zu wagen. Wer eigene Geschäftsmodelle nicht kritisch hinterfragt, kann leicht den Anschluss verlieren. So geschehen bei der Deutschen Telekom, die am Auslaufmodell der altbewährten SMS festhielt und dann letztendlich vom Messenger WhatsApp abgehängt wurde. Industrielles und Smart-Service-Denken müssen zukünftig vereinbart werden, indem Unternehmen ihre Prozesse einfach halten, ein Verständnis für effizientes Datenhandling erreichen, klassische Strukturen durch agile ersetzen und Ängste vor Neuem abbauen.

Vorbild Silicon Valley

„Plattformen beherrschen die Welt“, lautete die Ausgangsthese der Keynote von Christoph Keese, Executive Vice President Axel Springer. Ob Facebook, Google, oder Airbnb, Business-to-Consumer-Plattformen verzeichnen enorme Erfolge, obwohl sie selbst gar nicht die Leistung erbringen, die sie verkaufen. Für Deutschland sieht Keese großes Potential im Bereich von Business-to-Business-Plattformen – dem nächsten logischen Schritt in der digitalen Transformation nach der Vernetzung von Unternehmen und Kunden. Die Industrienation Deutschland ist als Experte für Produktionsprozesse dafür prädestiniert, die „Wertschöpfungskette zu digitalisieren“. Darüber hinaus sollte die Bundesrepublik die Chance nutzen und die Vorreiterrolle in den drei wegweisenden Technologien der Zukunft einnehmen: Internet of Things, Künstliche Intelligenz und Blockchain. Dafür müssten die besten Kräfte gebündelt werden – bestes Beispiel dafür sei das 2015 ins Leben gerufene Zentrum Digitalisierung.Bayern, ergänzte der Präsident der Technischen Universität München Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Herrmann.

Dr. Frederik Pferdt, Chief Innovation Evangelist Google Inc. betonte, wie wichtig Kreativität für eine erfolgreiche digitale Transformation sei: „Technologie bringt uns in die Zukunft, aber die Kreativität der Menschen entscheidet letztlich, wie sie aussieht.“ Es sei die Aufgabe von Führungskräften, Raum für radikale Ideen zu schaffen und
Mitarbeiter zu ermutigen, bestehende Prozesse infrage zu stellen. Viel öfter sollte die Frage „Was wäre, wenn…“ gestellt werden und die Antwort darauf nicht „Ja, aber…“, sondern „Ja, und…“ lauten – der Idee muss eine Chance gegeben und Weiterspinnen erlaubt sein. Denn aus „gescheiterten“ Einfällen lassen sich Lehren für die Zukunft ziehen; „Lernbereitschaft“, „Erfindergeist“ und „kreatives Selbstvertrauen“ sind die Basis einer erfolgreichen unternehmerischen Weiterentwicklung.