Umfrage in deutschen Firmen Jedes zweite Großunternehmen Opfer von Cyber-Attacken

Immer mehr Unternehmen werden Opfer von Datenklau- und Hacking-Attacken. Trotzdem fühlen sich acht von zehn Unternehmen vor Spionage sicher.

Deutsche Unternehmen geraten immer häufiger ins Visier von Cyber-Kriminellen und Datendieben: 44 Prozent der deutschen Unternehmen wurden nach eigenen Angaben in den vergangenen drei Jahren ausspioniert, das sind gut dreimal so viele wie noch vor zwei Jahren. Großunternehmen mit mehr als einer Milliarde Euro Umsatz sind besonders gefährdet: Von ihnen hat sogar mehr als jedes zweite
(57 Prozent) bereits konkrete Attacken festgestellt – vor zwei Jahren nur jedes fünfte. Allerdings: Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein, denn in jedem sechsten betroffenen Unternehmen flogen die kriminellen Handlungen nur durch Zufall auf.

Trotz der rapiden Zunahme der Zahl der Attacken sehen lediglich 18 Prozent ein sehr hohes Risiko, selbst Opfer eines Cyber-Angriffs zu werden, und immerhin gut acht von zehn Unternehmen halten ihren aktuellen Schutz gegen Datenklau, Spionage und Sabotage für ausreichend. Dabei gibt es durchaus Grund zur Besorgnis: Erst im Mai und Juni wurden zahlreiche namhafte Unternehmen Opfer des Erpressungstrojaners WannaCry und der als solcher getarnten destruktiven Malware notPetya.

Immerhin setzt sich – vermutlich auch aufgrund dieser öffentlichkeitswirksamen Attacken – zunehmend die Erkenntnis durch, dass die Bedrohung stetig zunimmt: 46 Prozent der Manager rechnen mit einer deutlich wachsenden Bedeutung von Angriffen auf ihr Unternehmen, bei den Großunternehmen mit mehr als einer Milliarde Euro Umsatz liegt der Anteil sogar bei 67 Prozent.

Die größte Gefahr geht aus Sicht der Manager von Russland aus: 45 Prozent nennen das Land als Region mit dem höchsten Risikopotenzial, dahinter folgen China (40 Prozent) und die USA (27 Prozent).

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, für die im Juli 2017 Geschäftsführer sowie Führungskräfte aus IT-Sicherheit und Datenschutz von 450 deutschen Unternehmen befragt wurden.

„Die Gefährdung hat in jüngster Zeit nochmal rapide zugenommen – und kommt von unterschiedlichster Seite. Neben Geheimdiensten und Wettbewerbern tritt verstärkt die Organisierte Kriminalität als Angreifer auf. Gleichzeitig gehen aber immer noch viele Unternehmen viel zu sorglos mit dem Thema Datensicherheit um“, sagt Bodo Meseke, Leiter Forensic Technology & Discovery Services bei EY. „Heute kann jedes Unternehmen Ziel krimineller Attacken werden – ob weltweit tätiger Großkonzern oder regional operierender Mittelständler“.

Unternehmen setzen vor allem auf einfache Sicherheitsvorkehrungen

Dennoch wiegt sich die Mehrheit der Unternehmen weiter in Sicherheit: Wie schon vor zwei Jahren halten 82 Prozent der Manager die präventiven Maßnahmen gegen Datenklau in ihrem Unternehmen für ausreichend. Die Sicherheitsvorkehrungen sind dabei in der Regel eher konventionell: Jeweils mehr als drei von vier befragten Unternehmen setzen zur Vorbeugung von Spionageakten und Cyber-Attacken auf Firewalls, Antivirensoftware und starke Passwörter.

 Umfassendere Schutzvorkehrungen sind in den Unternehmen hingegen Mangelware: Ein Intrusion-Detection- bzw. Prevention-System, das Hinweise auf die Aktivitäten von Eindringlingen geben kann, leistet sich gerade einmal jedes vierte Unternehmen. „Passwörter und Antivirensoftware können von Hackern heute zum Teil sehr rasch umgangen werden. Für einen echten Schutz müssen strengere und umfassendere Sicherheitsvorkehrungen umgesetzt werden“, warnt Meseke.

Finanzbranche sieht besonders großes Risiko

Zwar ist der Anteil der Banken und Versicherungen, die von Attacken betroffen waren, mit 30 Prozent relativ niedrig – dafür ist aber das Problembewusstsein in dieser Branche besonders stark ausgeprägt: 68 Prozent der Unternehmen sehen ein hohes Risiko, attackiert zu werden. Und 60 Prozent rechnen mit einer steigenden Bedeutung von Cyber-Angriffen für das eigene Unternehmen. „Die zunehmende Bedeutung digitaler Technologien und Geschäftsmodelle erhöht die Verwundbarkeit von Unternehmen“, betont Meseke. „Denn wer seine internen Abläufe und die Kundenbeziehungen schon umfassend digitalisiert hat, bietet gleichzeitig Angreifern mehr Angriffsfläche für Online-Attacken. Die Digitalisierung zwingt Unternehmen also zu einem stärkeren Schutz ihrer Systeme – aber mit den aktuellen Maßnahmen sind viele deutsche Unternehmen nicht ausreichend für die anstehenden weiteren Digitalisierungsschritte gerüstet. Gerade mittelständische Unternehmen wiegen sich vielfach in falscher Sicherheit. Dabei muss das Thema Datensicherheit Chefsache sein – denn wer keine hohen Sicherheitsstandards implementiert, macht sich massiv verwundbar.“

 Die größten Risiken bestehen laut Meseke darin, dass Daten gestohlen oder manipuliert werden, dass essentielle Systeme wie digital vernetzte Produktionsanlagen oder Webshops lahmgelegt werden und so der Geschäftsbetrieb im schlimmsten Fall zum Erliegen komme.