Analog Devices Industrie 4.0: ja, sprechende Toaster: nein

Mike Britchfield, Analog Devices: »Wir sind dieses Jahr 50 Jahre alt geworden. Das war nur möglich, weil wir ab und zu unsere Strategie angepasst haben.«
Mike Britchfield, Analog Devices: »Wir sind dieses Jahr 50 Jahre alt geworden. Das war nur möglich, weil wir ab und zu unsere Strategie angepasst haben.«

Markt&Technik sprach mit Mike Britchfield, Vice President EMEA Sales für Analog Devices, über die fokussierten Absatzmärkte, über Entwicklungen im Automotive-Bereich, über Industrie 4.0 und warum das Unternehmen an den Digitalprodukten festhält.

Markt&Technik: Wie weit ist die Restrukturierung von Analog Devices mittlerweile fortgeschritten?

Mike Britchfield: Es dauert seine Zeit, um verschiedene Organisationen miteinander zu verschmelzen, aber jetzt ist die Restrukturierung fast abgeschlossen. Wir haben unsere Produktentwicklung und das strategische Marketing zusammengefasst und auch unser PR/Marketing-Team restrukturiert. Insgesamt war die Umstrukturierung ziemlich umfassend, aber wir sind der Meinung, dass es besser ist, wenn alles in einer Gruppe organisiert ist. Denn damit lassen sich die Entscheidungswege verkürzen, eine Priorisierung bei der Entwicklung festlegen und das Time to Market und die Interaktion mit dem Kunden verbessern. Ein Beispiel: Wir haben bei ADI ein komplettes Team über das gesamte Unternehmen verteilt, das sich um Industrie 4.0 / IoT kümmert, das wäre früher nicht möglich gewesen.

Das heißt, dass ADI unter Industrie 4.0 / IoT mehr als nur ein Schlagwort sieht?

Mancher mag sagen, dass es Industrie 4.0 schon immer gab. Aber in Realität steckt hier schon mehr dahinter. Wobei Industrie 4.0 den Aktivitäten von ADI nähersteht als das, was allgemein unter dem übergreifenden Begriff »IoT« zu verstehen ist. Es gibt viele Dinge, die mit dem Internet verbunden werden können, aber die aus unserer Sicht nicht besonders nützlich sind. Hier macht unser Mehrwert keinen Sinn.

Hingegen berühren Industrial Internet, Interoperabilität, Sensoren, Dezentralisierung, Modularität und Echtzeitfähigkeit unsere Stärken in den Bereichen Signalbearbeitung, Hochleistungsfunk, Sensoren etc. Darauf liegt unser Fokus, sprich Fabrikautomatisierung, Medizintechnik wie klinisches Management etc. Für diese Anwendungsbereiche laufen grundlegende Entwicklungen bei ADI. Es ist leider noch zu früh, um hier konkret zu werden, aber hier arbeiten wir mit wichtigen Kunden sowohl bei der Fabrikautomatisierung als auch im Medizintechnik-Bereich zusammen. Wir haben Sensortechnologien für Temperatur und Vibration, und wir arbeiten an anderen Sensortechnologien. – ADI misst und steuert, das ist unser Kerngeschäft. Darüber hinaus übernehmen wir natürlich auch die Anbindung ans Internet.

Industrie 4.0 oder Industrial Internet gehen hier wirklich einen Schritt weiter als die bisherige Automatisierungsindustrie, es geht um vorausschauende Wartung und Regelung, um eine Analyse der Daten, um diese vorausschauenden Handlungen zu ermöglichen. Das braucht aber natürlich seine Zeit. Wir haben beispielsweise in unsere eigene Halbleiterfertigung in Limerick unzählige Sensoren integriert, um zu sehen, inwieweit vorausschauende Wartung funktioniert, was uns diese Technologie für Vorteile bringt. Damit sind wir bislang gut gefahren. Das Ziel ist natürlich, die Ausfallzeiten zu reduzieren. Man muss aber erst einmal den Datensatz aufbauen, damit auch Referenzwerte zur Verfügung stehen. Wir glauben also sehr wohl, dass Industrie 4.0 / Industrial Internet einen Mehrwert bieten kann. Der Hype um IoT ist natürlich übertrieben.

ADI ist also mehr auf Fabrikautomatisierung und Medizintechnik fokussiert und weniger interessiert am sprechenden Toaster?

So könnte man es auch formulieren, wobei ADI noch nie auf den Haushaltsgerätemarkt fokussiert war. Wenn ein Unternehmen an unser herantritt und unsere Produkte einsetzen möchte, würden wir aber natürlich mit ihm zusammenarbeiten. Das heißt nur, dass wir keine Produkte speziell für Haushaltsgeräte entwickeln. Wenn man allerdings Gebäudeautomatisierung dazuzählt, dann sind das wiederum durchaus Anwendungen, in denen wir unseren Mehrwert ausspielen können, aber dabei geht es eher darum, wie man die Betriebskosten eines Gebäudes durch Temperatur- und Druckmessungen minimieren kann und eben auch nicht um den sprechenden Toaster.

Sind Datenschutz und Sicherheit ein Thema für ADI, oder sind aus Ihrer Sicht hier mehr die Systemhersteller gefragt?

Ich denke, Datenschutz und Sicherheit betreffen alle Schichten. Es wäre falsch zu sagen, ADI ist nicht im Bereich Big Data aktiv und deshalb würden diese Themen für uns keine Rolle spielen, besonders wenn es um MCUs oder Berechnungen auf den unteren Schichten geht. Zum Beispiel haben wir Verschlüsselungs-Hardware wie den AES-128-Block in manche Produkte integriert, so dass die Daten verschlüsselt werden können. Auch der Schutz von Software ist ein Thema. Wir haben beispielsweise in unseren MCUs und DSPs Lock-Funktionen integriert, mit denen Inhalte im Speicher geschützt werden können. Das heißt, dass wir auch das IP unserer Kunden schützen.

Wie sehen Sie den Zeitrahmen für Industrie 4.0?

In der Automatisierung wird es sicherlich noch einige Zeit dauern, ich denke, mindestens zehn Jahre, bis eine große Fabrik in Echtzeit mithilfe von Big Data gesteuert werden kann. Das liegt schon alleine daran, wie schon erwähnt, dass die Datenbasis noch fehlt. Eine große chemische Fabrik beispielsweise wird auch in naher Zukunft auf Fabrikebene mit den bestehenden Steuerungsmechanismen gefahren. Es gibt Leute, die sind davon überzeugt, dass diese bestehenden Steuerungsmechanismen durch Industrie 4.0 ersetzt werden können, aber aus gesetzgeberischen und Zuverlässigkeitsgründen wird das sicherlich noch Jahre dauern. Ich gehe davon aus, dass die neuen Mechanismen zunächst zusätzlich zu den bestehenden eingesetzt werden. Wenn Sie sich Studien ansehen, liegt der Return on Investment für Industrie 4.0 in der Reduktion der Betriebskosten. Allerdings muss man erst investieren, um später auf Seiten der Betriebskosten einsparen zu können. Aber diese Einsparungen sind in vielen Fällen durchaus attraktiv. Beispielsweise sind die Kosteneinsparungen in Kliniken oder überhaupt im medizinischen Bereich deutlich schneller erreicht als beispielsweise in Smart Cities, in denen tausende Sensoren erst mal verbaut werden müssen, hier sind die Vorteile schwerer zu sehen. Grundsätzlich sehen wir in Industrie 4.0 eine sehr positive Entwicklung, sie kommt auch genau unserer Strategie und unserem Produktportfolio entgegen, denn hier geht es um hohe Leistungsfähigkeit und hohe Zuverlässigkeit.