Kommentar Hase, Igel und Industrie 4.0

Karin Zühlke, Markt&Technik
Karin Zühlke, Markt&Technik

Während die einen noch diskutieren, sind die anderen schon längst am Ziel oder zumindest auf dem Weg dorthin: Im Fall der Industrie 4.0 läuft Deutschland Gefahr, von den USA überrollt zu werden.

»Wir müssen von Deutschland aus Akzente setzen!«, forderte Hermann Behrens vom Deutschen Institut für Normung im letzten Herbst auf dem 1. Markt&Technik Summit Industrie 4.0 in Bezug auf künftige Standards rund um die Industrie 4.0. Nachholbedarf gibt es besonders in der Kommunikation und der Sicherheit. Hier existieren noch keine einheitlichen Standards, die für Industrie-4.0-Szenarien anwendbar wären. So spielt die Standardisierung u.a. bei der Beschreibung der Schnittstellen und Integrationsmöglichkeiten innerhalb einer noch zu erarbeitenden Referenzarchitektur für Industrie 4.0 eine maßgebliche Rolle.

In der Normung im Informatikbereich ist Deutschland nach den Worten von Behrens nicht so stark wie die USA, aber im Bereich Sicherheit ist Deutschland seiner Ansicht nach der stärkste Partner weltweit. Diese Position sollten wir nutzen, und die Aktivitäten von Deutschland aus starten, bevor es andere tun, denn nicht nur die USA, sondern auch Länder wie China oder Korea seien bestrebt, bei der Standardisierung den Ton anzugeben. Er appellierte daher an alle Akteure, an einem Strang zu ziehen, damit die Standards nicht von wenigen großen Unternehmen festgesetzt werden. Der Erfolg steht und fällt laut Behrens damit, dass verschiedene Teildisziplinen »intelligent und störungsfrei« zusammenarbeiten.

Fast ein Jahr später treten wir (also Deutschland) in Sachen Industrie 4.0 allerdings in vielen Punkten  immer noch auf der Stelle. Die Bundesregierung, die 2013 die Industrie 4.0 Initiative auf höchster politischer Ebene aus der Taufe gehoben hat, hat – so scheint es zumindest – so ein bisschen das Interesse verloren. Ja, es gibt bzw. gab Fördergelder, und es gibt zig Arbeitskreise, und es wird viel geredet. Aber das war es dann auch schon. Von einer breit angelegten Unterstützung der Initiative, die ja dazu beitragen soll, dem Produktionsstandort Deutschland das Überleben zu sichern, kann keine Rede sein.

Und die Konkurrenz schläft nicht und hat das Potenzial und die guten Geschäftsaussichten rund um die Industrie 4.0 ebenfalls erkannt. Während wir uns hierzulande also noch darum streiten, ob es jetzt Sinn macht, Industrie-4.0-Daten in der Cloud abzulegen oder nicht, hat sich im Januar in den USA das Industrial Internet Consortium gegründet, eine Initiative, die weltweit ihresgleichen sucht. Die Mitgliederliste liest sich wie das Who is Who der US-amerikanischen - und internationalen - High-Tech-Industrie. Das IIC will Use-Cases für Industrie-4.0-Szenarien schaffen, Best-Practice-Beispiele und Referenzarchitekturen veröffentlichen und Standards definieren.

Ob es vor diesem Hintergrund noch gelingen wird, die weltweite Entwicklung oder das Rollout der Industrie 4.0 von Deutschland aus zu lenken, ist also fraglich. Das Ganze erinnert doch etwas an die bekannte Fabel vom Hasen und dem Igel.

Bleibt nur die Frage, wer am Ende der Hase und wer der Igel sein wird ...