Fertigungsdaten in der Cloud: Ja, aber richtig! »Für uns ist Industrie 4.0 wie ein Lottogewinn«

Dieter Meuser, itac Software

»Es gibt eine Schwelle von 500 ms, die eingehalten werden muss, um den Takt nicht zu beeinflussen. Die wurden in unseren Versuchen deutlich unterschritten.«
Dieter Meuser, itac: »Der Anlagenhersteller kann mit anlagenübergreifenden Cloud Services kein Geld verdienen. Er verdient sein Geld auch im Zeitalter der Industrie 4.0 weiterhin mit dem Verkauf von Automatisierungstechnik. Daher lautet das Schlagwort für die Automatisierer »Losfertigung 1«, und für die IT-Industrie heißt das Schlagwort »Cloud / Big Data«.

Dieter Meuser, CTO von itac Software, hat das Potenzial von Industrie 4.0 schon im Jahr 2012 erkannt, als sich nur »Insider« dafür interessierten. Seither macht itac mit Leuchtturm-Projekten wie der ersten cloudbasierten SMT-Fertigung von sich reden.

Warum er den aktuellen Cloud-Hype der Großen für eine Marketing-Blase hält und Industrie 4.0 ohne MES nicht funktioniert, erklärt Meuser im Interview:

itac gehört zu den Pionieren der Industrie 4.0. – Wie betrachten Sie nun den aktuellen Hype aus Ihrer bereits jahrelangen Erfahrung heraus?

Wir haben Industrie 4.0 durch unsere mannigfaltigen Installationen im Feld in der Tat sehr früh aufgegriffen. Industrie 4.0 ist in der realen Welt geboren worden. Die Automobilzuliefer-Industrie hat das Thema schon 2012 aufgegriffen und uns als Systemlieferant für IT-nahe Produktionssysteme ins Boot geholt. Natürlich war erst einmal nicht so klar umrissen, was Industrie 4.0 überhaupt ist.

Ich hatte schon damals etwas provokant die Frage gestellt, worin der Unterschied zwischen CIM / Industrie 3.0 und Industrie 4.0 besteht. Meiner Ansicht nach ist das zentrale Differenzierungsmerkmal zwischen Computer Integrated Manufacturing – oder kurz CIM – und Industrie 4.0 die Cloud, kombiniert mit BigData-Anwendungen und einer horizontalen Integration über die Supply Chain. Die produktionsnahen Massendaten müssen analysiert und einer qualifizierten Auswertung und Analyse zugeführt werden.

Die Bedeutung des Begriffs bzw. das Verständnis von Industrie 4.0 scheint immer noch nicht so ganz allgemeingültig zu sein. Je nachdem mit wem man spricht, ob Automatisierer oder IT-Fachmann, gibt es unterschiedliche Antworten auf die Frage: Was ist eigentlich Industrie 4.0? – Losgröße 1 trifft es ja alleine als Erklärung nicht wirklich bzw. ausschließlich.

Der Anlagenhersteller kann mit anlagenübergreifenden Cloud Services kein Geld verdienen. Er verdient sein Geld auch im Zeitalter der Industrie 4.0 weiterhin mit dem Verkauf von Automatisierungstechnik. Daher lautet das Schlagwort für die Automatisierer »Losfertigung 1«, und für die IT-Industrie heißt das Schlagwort »Cloud / Big Data«. Im Grunde wollen beide dasselbe, die unterschiedlichen Erklärungen sind einem rein kommerziellen Aspekt geschuldet.

Beides bedingt einander: Die Produkte werden immer variantenreicher, auch bedingt durch die Verkürzung der Produktlebenszyklen, etwa wie bei Smartphones. Hier haben Sie Halbwertszeiten von etwa einem Jahr. Nach dem Paradigma der Losfertigung 1 könnte jeder Nutzer ein individualisiertes Smartphone haben. Ob das finanziell sinnvoll ist, ist die Frage.

Die großen Player wie Telekom und Siemens mit SAP sind seit der CeBIT auf Industrie 4.0 aufgesprungen und bieten Cloud-Konzepte an. Was sagen Sie als jemand, der die cloudbasierte SMT-Fertigung sozusagen »erfunden« und bereits umgesetzt hat, dazu?

Noch vor kurzem war Cloud im produktionsnahen IT-Umfeld sehr visionär. Momentan ist das ein riesen Hype, ähnlich wie die Dot-Com-Aufbruchstimmung um das Jahr 2000 herum, als die Industrie das Internet mit B2B- und B2C-Anwendungen entdeckte. Aber Industrie 4.0 lässt sich nicht verkaufen wie ein Telefonvertrag. Sie müssen die grundlegenden IT-Anforderungen eines Fertigungsbetriebs mit heterogen ausgeprägten Anlagenschnittstellen abdecken können.

Es funktioniert theoretisch alles in der Cloud, aber zuerst müssen die Produktionsanlagen über internetfähige Schnittstellen an den mit fundamentalen Funktionalitäten ausgestatteten Cloud Service adaptiert werden. Einfach nur die Daten eines Temperatur- oder Bewegungssensors in die Cloud zu transferieren, reicht nicht. Denn bevor eine Anlage Daten liefert, muss sie mit produkt- und prozessorientierten Stamm- und Bewegungsdaten versorgt werden. Man kann nicht wild irgendwelche Prozessdaten in die Cloud schieben.

Aus meiner Sicht hat kein mittelständischer MES-Hersteller an diesen Konzepten, wie sie die Großen jetzt propagieren, mitgearbeitet. Hier wurde meines Erachtens auf der grünen Wiese ein Marketing-Konzept lanciert, ohne sich Gedanken über schon seit langem etablierte produktionsnahen IT-Anwendungsfälle zu machen.