Kommentar Die Hürden für Industrie 4.0

Heinz Arnold, Markt&Technik

Die deutsche Industrie ist in der Sensorik, in Embedded Systemen und in der Automation führend, wie kürzlich erst wieder der ZVEI unterstrich. Aber reicht das, um künftig an der Industrie-4.0-Spitze zu bleiben?

Die deutsche Elektronikindustrie hat ein gutes Jahr hinter sich, die Indikatoren für 2016 lassen auf ein Wachstum von 2 Prozent hoffen. Kein Wunder, dass sich Dr. Klaus Mittelbach auf der Jahrespressekonferenz des ZVEI robust optimistisch gab.

Zwar tauchen ein paar dunkle Wolken am Horizont auf: Die Schwellenländer wachsen nur langsam, China schwächelt, geopolitische Krisen halten uns in Atmen, der Euroraum ist noch nicht über den Berg. Doch alle Indikatoren sind weiterhin im wachsenden Bereich. Laut Mittelbach befindet sich die deutsche Elektroindustrie in einer weltweit führenden Position, gerade was Industrie 4.0 anginge. Der ZVEI habe in der Industrie 4.0 im vergangenen Jahr Meilensteine gesetzt, und der Schwung könne nun ins Jahr 2016 weitergetragen werden.

Insbesondere dass sich das ursprüngliche Wettbewerbsverhältnis zwischen den deutschen Industrie-4.0-Initiativen und dem IIC in eine kooperative Zusammenarbeit gewandelt hat, dürfte ein Schritt in die richtige Richtung sein. Einiges aus dem Referenz-Architekturmodell fließt in IIC ein. Das zeigt, dass Deutschland ganz vorne mitspielt. Nicht ohne Grund: Die deutsche Industrie ist in den Bereichen Automation, Sensoren, Steuerungen und Embedded Systeme führend. Also müsste sie doch eine wichtige Rolle in der Industrie-4.0-Welt spielen. Liegt das nicht auf der Hand?

Nun hat Mittelbach eingeräumt, dass die amerikanischen Unternehmen den deutschen voraus sind, wenn es darum geht, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und aus Daten Werte zu schaffen. Damit weist er auf einen Schwachpunkt hin. Technisch gehört die deutsche Industrie zwar zur Spitze. Aber wer schlussendlich das Rennen gewinnt, das laut Mittelbach noch offen ist, wird maßgeblich auf Ebenen entschieden werden, die sicherlich nicht auf der technischen Ebene der Sensoren liegen.

Mittelbach selber wirft die Frage auf, ob »unser weit verbreiteter Ansatz, bewährte Technologien im eigenen Kämmerlein zu entwickeln, ein Hindernis darstellt, weil er der Bildung neuer Wertschöpfungsnetzwerke im Wege steht?« In dieser Frage verbirgt sich der Kern des Problems. Auf Dauer können nur Unternehmen erfolgreich sein, die diese Hürden überwinden.

Denn Industrie 4.0 bedeutet für alle Unternehmen, dass sie nach neuen Geschäftsmodellen suchen und sich umorganisieren müssen. Vieles wird nicht mehr in den altgewohnten Bahnen verlaufen. Es kommt also auch für die Unternehmen, die Industrie-4.0-Produkte entwickeln und anbieten, darauf an, sich selber zu Industrie-4.0-Unternehmen zu wandeln – und in Zukunft gegenüber heute zumindest abgewandelte Geschäftsmodelle zu verfolgen, in denen der Verkauf von Hardware nicht mehr die überwiegende Verdienstquelle ist. Sonst könnte die technische Spitze ganz schnell in die totale Abhängigkeit von denen geraten, die aus Daten Werte schaffen. Hier liegt die große Herausforderung von Industrie 4.0.