Gastkommentar - Industrie 4.0 »Deutschland gibt das Heft aus der Hand«

Benjamin Aunkofer, Geschäftsführer von Datanomiq, Lösungs- und Service-Partner für Business Analytics, Data Science und Industrie 4.0
Benjamin Aunkofer, Geschäftsführer von Datanomiq, Lösungs- und Service-Partner für Business Analytics, Data Science und Industrie 4.0

Droht die deutsche Wirtschaft bei Industrie 4.0 gegenüber der US-amerikanischen und chinesischen ins Hintertreffen zu geraten? Ja, behauptet Datanomiq-Geschäftsführer Benjamin Aunkofer in seinem Gastkommentar und erläutert, warum.

Deutschland ist mit seinen Marktführern im Industriegeschäft der Ausrüster der Welt. Und noch profitieren wir von der globalen Nachfrage nach deutschen Gütern. Eine kontinuierlich größer werdende Kluft entsteht jedoch in der Internet-Industrie, wo Deutschland von den Amerikanern und Chinesen auf die Plätze verwiesen wird. Und genau hier - durch die Vernetzung von realer und digitaler Welt - entsteht der Wettbewerb der Zukunft. Die fatalen Auswirkungen durch das Festhalten an klassischen Geschäftsmodellen und Produktionsmethoden könnten bereits kurzfristig sichtbar werden. Gefragt sind eine Offenheit und höhere Geschwindigkeit bei Industrie 4.0, damit wir weiter Akteur und nicht Zuschauer bleiben.

Nichts bewegt die deutsche Wirtschaft derzeit mehr als das Schlüsselthema Industrie 4.0. Die Digitalisierung der Dinge wird der zentrale Hebel der Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit. So können Produktionsmaschinen und Fertigungskomponenten miteinander in Austausch treten und Herstellungsprozesse selbstständig effizienter gestalten. Ermöglicht wird dies durch Sensoren, die an allen Teilen haften; sie sammeln riesige Datenmengen, die in IT-Wolken gesammelt, gespeichert und mit innovativen Technologien aus dem Bereich Big Data Analytics ausgewertet werden. Der globale Wettbewerb wird künftig in der digitalen Welt gewonnen. Die Transformation macht vor keinem Unternehmen halt und bedeutet eine riesige Chance oder genau das Gegenteil für jeden einzelnen Betrieb. Wie schnell innovative Technologien Unternehmen in Gefahr bringen können, machen die Analysten von Gartner deutlich: Schon bis 2017 wird jedes vierte Unternehmen seine derzeitige Marktposition verlieren - wegen Digitaler Inkompetenz. Es steht nichts mehr als die Zukunftsfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Spiel. In der Tat wurde eine Branche nach der anderen digital völlig neu definiert: Musik, Film, Handel - und jetzt die Industrie.

Die erste Transformationsphase haben die USA für sich entschieden. Die Amerikaner haben bereits seit vielen Jahren in eine moderne industrielle Infrastruktur investiert und global führende Software-Champions sowie eine vielversprechende Startup-Landschaft mit wegweisenden Technologien hervorgebracht. Es zeigt sich schon heute, dass die USA durch die Dominanz bei technischer Software und Internet-Plattformen bzw. deren Verknüpfung zu Anwendungen in Handel und Industrie zum Taktgeber des neuen Wettbewerbs wird. Ein Treiber ist auch die Gesetzgebung. In den USA ist es möglich, Geschäftsmodelle in Richtung Industrie 4.0 zu entwickeln, was in Deutschland teilweise durch Gesetzgebung erschwert wird. Teilweise gibt es sogar Bestrebungen, die Hürden für deutsche Unternehmen noch höher zu setzen – ein klarer strategischer Nachteil. Auch bei den Standards gerät Deutschland ins Hintertreffen gegenüber der virtuellen Supermacht: Der US-Markt ist so riesig, dass hier schnell Fakten und Standards gemacht werden.