Was bringt Künstliche Intelligenz? »Der Mittelstand kann enorm von KI profitieren«

Gordon Mühl, Infosys
»Die Angst der Mitarbeiter vor dem Verlust des Arbeitsplatzes muss selbstverständlich ernst genommen werden, und viele Unternehmen haben sich des Themas auch schon angenommen.«
Gordon Mühl, Infosys: »Die Angst der Mitarbeiter vor dem Verlust des Arbeitsplatzes muss selbstverständlich ernst genommen werden, und viele Unternehmen haben sich des Themas auch schon angenommen.«

Für alle, die der Künstlichen Intelligenz skeptisch gegenüberstehen hat Gordon Mühl,Vice President Industrie 4.0 von Infosys eine klare Botschaft: “KI kann die menschlichen Fähigkeiten zwar verstärken, komplett ersetzen wird sie uns jedoch nicht”.

Markt&Technik: KI ist ein Multimilliarden-Business geworden. Welche Rolle nimmt Infosys in diesem Geschäft ein?

Gordon Mühl: Infosys sieht sich als Vorreiter für die Verwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) im industriellen Umfeld und anderen Branchensegmenten. Durch unsere Erfahrungen im Engineering und Software-Bereich wissen wir, welche Anforderungen der Produktionssektor an KI stellt. Wir haben unsere KI Erfahrung in den letzten Jahren in einer eigenen Platform konsolidiert. Mit ihr haben wir bei Kunden erste KI-Szenarien umgesetzt. Diese entwickeln wir weiter und werden unserer Pionierrolle damit gerecht.

Wie definieren Sie für sich den Begriff KI?

KI ist ein Teilbereich der Informatik. Sie konzentriert sich darauf, intelligente Maschinen und Verfahren zu entwickeln, die ohne einen vorgegebenen Plan ein Problem lösen, also in diesem Sinne selbst lernen, die Lösung zu finden. Beispiele für erfolgreiche KI-Technologien sind Bild- und Spracherkennung und Predictive/Prescriptive Analytics.

Wie sieht Ihr Leistungsspektrum zum Thema „KI“ aus? Erarbeiten Sie KI-Szenarien auch gemeinsam mit Kunden?

Die gemeinsame Arbeit an KI-Szenarien ist ein sehr wichtiger Teil unseres Angebots. Im Moment unterstützen wir beispielsweise einen Kunden, der mit Hilfe von KI daran arbeitet, Triebwerke optimal auszuwuchten. Je nach Bedarf und Anforderungen bieten wir unter anderem KI-Technologie für die Bereiche Datenerfassung und Big-Data-Analyse, unterstützen bei der Implementierung von intelligenten Algorithmen oder führen komplette Programme, etwa für Predictive Maintenance, ein.

Welche Technologiepartner für KI nutzen Sie oder welche empfehlen Sie Ihren Kunden?

Prinzipiell unterstützt Infosys Softwareentwicklung nach dem Open-Source-Modell. Anders als bei proprietärer Software können Experten bei Open Source den Code jederzeit auf eventuelle Schwachstellen prüfen und viele Experten in der Welt verbessern die Software. In vielen Fällen existiert rund um diese Projekte eine sehr große und engagierte Community, die gezielt nach Lücken sucht. Angesichts der vielen Vorteile bietet Open Source eine ideale Grundlage für viele Industrie-4.0-Anwendungen. Es ist hilfreich, einen Implementierungspartner zu wählen, der in diesem Bereich die nötige Erfahrung hat und erfolgreich umgesetzte Projekte vorweisen kann. Die Infosys Information Platform ist beispielsweise ein Tool für Datenanalyse, das nach dem Open-Source-Modell entwickelt wurde.

Ist KI nur etwas für die „Großen“ oder anders gefragt – wie kann auch der klassische Mittelstand von KI profitieren?

Ganz im Gegenteil – gerade der Mittelstand kann enorm von Künstlicher Intelligenz profitieren. Sie ersetzt die Arbeit teurer Spezialisten, die einem Mittelständler früher nicht zur Verfügung standen. Weiterhin können personalaufwendige Prozesse automatisiert und damit effizienter und schneller werden. Mittelständler haben so ganz andere Möglichkeiten, Projekte innerhalb ihres Budgets umzusetzen und betriebsinterne Prozesse zu vereinfachen.

In welchen Bereichen der Industrie macht der Einsatz von KI Sinn?

Überall dort, wo man Daten erfassen, auswerten und damit Maschinen oder Menschen steuern kann. Das kann die Herstellung eines Produkts durch eine Maschine sein oder die Überwachung der Maschine selbst. Ein weiteres wichtiges Anwendungsfeld für die Industrie ist das Supply-Chain-Management. Hier hilft KI unter anderem bei der Optimierung der Lieferketten und der Kapazitätsplanung.

Was ist für Ihre Kunden die Motivation, KI einzusetzen?

In einer weltweit durchgeführten Studie haben wir herausgefunden, dass der erwartete Wettbewerbsvorteil der größte Treiber ist, KI einzusetzen. Das gilt für deutsche Unternehmen genauso wie für den Rest der Welt. In Deutschland wird die Technologie dann vor allem für die Automatisierung von Big-Data-Prozessen, Machine Learning und Predictive/Prescriptive Analytics eingesetzt.

Und worin sehen Sie die größten Hürden für den Einsatz von KI in Zentraleuropa, vor allem in Deutschland?

Eine große Hürde für den Einsatz liegt im Widerstand der Mitarbeiter. Heute kann die Technik noch nicht selbst erklären, warum sie „denkt“, dass eine Lösung besser ist. So findet die Lösung keine Akzeptanz. Hinzu kommt, dass viele Mitarbeiter Angst davor haben, von KI ersetzt zu werden und somit ihren Job zu verlieren. Weitere Gründe sind mangelndes Vertrauen in die Technologie und unzureichende Fähigkeiten von Mensch und Technik. Oft spielt noch die Kostenfrage eine Rolle.

Ethische Bedenken rücken KI immer wieder in die Ecke „Gefahr für Arbeitsplätze“? Was antworten Sie Ihren Kunden auf diese Bedenken?

Die Angst der Mitarbeiter vor dem Verlust des Arbeitsplatzes muss selbstverständlich ernst genommen werden und viele Unternehmen haben sich des Themas auch schon angenommen. Unsere Umfrage hat ergeben, dass ein Großteil der Befragten optimistisch ist, Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze von KI ersetzt werden, für anspruchsvollere Aufgaben einsetzen zu können. Und eines darf man nicht vergessen: KI kann die menschlichen Fähigkeiten zwar verstärken, komplett ersetzen wird sie uns jedoch nicht. Den Höhepunkt ihrer Fähigkeiten erreicht sie, wenn sie mit dem Menschen gemeinsam an der Entdeckung, Kreation und Verwaltung von Wissen beteiligt ist.