Spannungsfeld zwischen Produktion und IT »Das Machtgefüge gerät mit Industrie 4.0 ins Wanken«

„Wer vernetzt arbeiten will, muss auch vernetzt denken 
und agieren. Einzelkämpfer, 
die ihr Wissen horten und einen abteilungs- und länderübergreifenden Austausch meiden, werden nicht weit kommen.“
„Wer vernetzt arbeiten will, muss auch vernetzt denken und agieren. Einzelkämpfer, die ihr Wissen horten und einen abteilungs- und länderübergreifenden Austausch meiden, werden nicht weit kommen.“

Warum die IT bei der Umsetzung der Industrie 4.0 eine ganz besondere Rolle spielt und wie sich die Strukturen im Unternehmen auf dem Weg zur Industrie 4.0 verändern werden, erläutert Franz-Josef Schürmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Infosys in Deutschland.

Markt&Technik: Industrie 4.0 fordert Konvergenz zwischen mehreren Welten – gerät das Machtgefüge zwischen Produktion, IT und Management ins Wanken?

Franz-Josef Schürmann: Das Machtgefüge gerät mit Industrie 4.0 definitiv ins Wanken. Die durchgängige Vernetzung sämtlicher Bereiche macht vor althergebrachten Organisationsstrukturen nicht Halt. Zum einen werden Produktion, IT und Management enger verzahnt. Zum anderen gewinnt die IT an Relevanz. Sie ist der Innovationsmotor und nimmt starken Einfluss auf bestehende Produktionsprozesse. Das Management ist also aufgefordert, IT-Experten stärker denn je mit einzubeziehen. Nur so kann das Potential der Technologie rechtzeitig erkannt und voll ausgeschöpft werden. Dazu zählt nicht zuletzt der Auf- und Ausbau neuer Geschäftsfelder, wie zum Beispiel der »Servitization«: Der Begriff beschreibt einen Produkt- und Dienstleistungsmix. Das bedeutet, dass nicht mehr allein das eigentliche Produkt im Vordergrund steht: Begleitend dazu werden immer häufiger zusätzliche Funktionen und Services angeboten. Nicht zuletzt führen die Geschäftsmodelle zu neuen Arbeitsplätzen und Aufgabenfeldern, die eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordern.

Wer steht in der Verantwortung, die Innovationen voranzutreiben, Visionen umzusetzen – die Produktion, das Management oder die IT?

Grundsätzlich müssen alle Bereiche zusammenarbeiten, damit sie bestmögliche Ergebnisse erzielen. Der IT kommt dabei aber eine besondere Rolle zu: Immer häufiger sind Innovationen IT-basiert. Somit steht und fällt der Erfolg eines Unternehmens mit der Kompetenz und Innovationskraft ihrer IT-Abteilungen. Um sich in diesem Zusammenhang gut aufzustellen, sollten Firmen rechtzeitig nach geeigneten Fachkräften Ausschau halten, die die technischen Möglichkeiten entwickeln, sinnvoll abwägen und umsetzen können.

Produktion und IT haben von Haus aus unterschiedliche »Kulturen« – ist ein Konflikt hier nicht vorprogrammiert?

Industrie 4.0 erfordert ein Umdenken im gesamten Unternehmen. Dabei ist es wünschenswert, dass einzelne Abteilungen stärker zusammenrücken und die gegenseitige Abhängigkeit erkennen und akzeptieren. Ein enger Austausch unter Kollegen zu den Wünschen, Zielen, Hürden und technischen Möglichkeiten ist dabei unabdingbar. So fühlt sich niemand bevormundet oder abgewiesen, während sich Konflikte vermeiden lassen. Sicher ist: Neue Geschäftsmodelle können nur dann entwickelt und umgesetzt werden, wenn alle an einem Strang ziehen. Es ist wichtig, dass Abteilungen stärker zusammenarbeiten und »die Sprache des jeweils Anderen« erlernen. Es braucht einen engen Austausch zu der Frage, was technisch umsetzbar und sinnvoll ist. Nicht zuletzt sind auch die kurzen Innovationszyklen eine echte Herausforderung, auf die sich Firmen einrichten müssen. Daraus ergeben sich aber auch neue Chancen für eine verbesserte Produktion und individuellere Produkte. Chefetagen sind gefordert, diese Entwicklungen im Blick zu behalten und bestmöglich zu fördern.

Werden sich die Spielregeln im Unternehmen verändern?

Für uns ist die Frage eher: Verändern sich die Spielregeln oder »nur« die Zuständigkeiten innerhalb einer Organisation? Auch hier möchten wir wieder auf den Wert der Kollaboration verweisen: Wer vernetzt arbeiten will, muss auch vernetzt denken und agieren. Einzelkämpfer, die ihr Wissen horten und einen abteilungs- und länderübergreifenden Austausch meiden, werden nicht weit kommen.

Welche Chancen ergeben sich für Infosys in Deutschland durch Industrie 4.0?

Wir sind überzeugt: Nur mit Industrie 4.0 kann Deutschland auf Dauer seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Doch die Fachleute für Produktionsumgebungen sitzen künftig mehr denn je in IT-Abteilungen. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels stellen sich entscheidende Fragen: Wo finden deutsche Firmen qualifiziertes IT-Personal? Mit wem müssen sie kollaborieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben? Eine enge Verzahnung mit Ländern wie Indien kann dabei eine entscheidende Rolle für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit spielen. Das Land hat gut ausgebildete Fachkräfte mit hervorragendem IT-Know-how. Infosys nutzt die länderübergreifende Zusammenarbeit, um Kompetenzen zu bündeln. Für unsere Kunden sind wir damit Wegbereiter und -begleiter bei der vierten industriellen Revolution.