Atos Deutschland zur digitalen Revolution »Das individualisierte Produkt wird Realität«

Hermann Gouverneur, Atos Deutschland: »Für das Geschäftsleben bringt die digitale Revolution sowohl Agilität als auch Fragilität.«

Die digitale Revolution führt zu disruptiven Veränderungen – nicht nur in puncto Technik, sondern auch in Sachen Geschäftsmodelle. Wodurch äußert sich nun der Wandel in der Industrie konkret? Hermann Gouverneur, CTO der deutschen Niederlassung des Digital-Service-Unternehmens Atos, nimmt Stellung.

Markt&Technik: Welche neuen Geschäftsmodelle bringt die digitale Revolution mit sich?

Hermann Gouverneur: Bis vor etwa fünf Jahren zielten die üblichen Geschäftsmodelle darauf ab, Prozesse mittels IT zu unterstützen und zu optimieren. Die digitale Revolution aber hebt den Digitalisierungsgrad auf ein viel höheres Niveau, so dass die virtuelle Welt die reale zunehmend beeinflusst. Daraus sind viele Geschäftsmodelle entstanden, die nur funktionieren, weil sie digitalisiert und virtuell abgesichert sind.

Das von der digitalen Revolution ermöglichte Business-Modell »Connected Car« beispielsweise bringt mehreren Akteuren Nutzen: Die Automobilhersteller können ihre Fahrzeuge wartungstechnisch betreuen und in geeignete Werkstätten lenken. Aus Fahrersicht erlaubt es Komfortfunktionen, Unterhaltung und Navigation mittels einer On-Board-Unit. Versicherungen können spezielle Tarife einführen und gegebenenfalls Rabatte gewähren. Auch Verkehrsleitsysteme und reaktive Ampeln auf Basis einer Internet-of-Things-Vernetzung wären möglich.

Wie stabil können solche Geschäftsmodelle überhaupt sein? Oder anders gesagt: Wie verwundbar sind sie?

Für das Geschäftsleben bringt die digitale Revolution sowohl Agilität als auch Fragilität. Business-Modelle auf ihrer Basis lassen sich schnell und überall aufsetzen; sie sind aber auch instabil. Aus Sicht des Datenschutzes stellt sich die Frage, ob sie überhaupt opportun oder gewollt sind. Wenn meine Versicherung mein Privatauto »stalken« würde, hätte ich ein Problem; egal wäre es mir nur bei für kurze Zeit gemieteten Autos.

Wodurch verdient die digitale Revolution die Prädikate »Revolution« und »disruptiv«?

Weil sie eine Abbildung aller denkbaren Vorgänge in der virtuellen Welt ermöglicht, kann sie durchaus als Revolution und damit als disruptiv gelten. Nehmen wir das Smartphone als Beispiel: Es ist nicht einfach nur ein weiterentwickeltes und verbessertes Mobiltelefon, sondern hat disruptive Veränderungen in Gang gesetzt. Meines Erachtens lassen sich in der IT drei Revolutionen unterscheiden: die Erfindung des Computers, die Vernetzung der Computer durch das Internet und jetzt das Aufkommen des Internet of Things. Aus Sicht der Geschäftswelt stand dabei immer eine Senkung der Kosten im Fokus – heutzutage lassen sich Informationen mit Grenzkosten, die gegen Null gehen, duplizieren und verteilen. Dies führt zum Internet of Everything mit Cloud Services, Big Data, Social Networking und Mobility.

Über alle drei IT-Revolutionen hinweg hat sich gezeigt, dass Technologiezyklen immer kürzer werden. Ob Smartphones in zehn Jahren noch das Kommunikationsmedium schlechthin sind, wage ich zu bezweifeln.

Auf die Industrie bezogen: Was ist das Revolutionäre und Disruptive an Industrie 4.0?

Industrie 4.0 entspricht, vereinfacht gesagt, dem industriellen Internet of Things und ist insofern revolutionär sowohl in puncto Technik als auch in Sachen Geschäftsmodelle. Dass die IT die Automatisierungstechnik durchdringt, ermöglicht völlig neue Formen der Kooperation zwischen Herstellern, Zulieferern, Dienstleistern und Kunden. Entscheidend dafür ist es, die Software-Ebenen ERP, PLM und MES näher zusammenzubringen, zumal das Product Lifecycle Management an Unternehmensgrenzen nicht Halt macht. Für Partner und Kunden sollte eine two-sided- oder multi-sided-Plattform aufgebaut werden, die auch einen Netzwerk- und Marketing-Effekt bringt. Letztlich können Kundenwünsche direkt auf dem Shop Floor wirksam werden – das individualisierte Produkt wird Realität. Im Automobilbau könnte dies so aussehen: Die Kunden erstellen beispielsweise ihr eigenes Innenblendendesign und kommunizieren es auf den Shop Floor, so dass es direkt per 3D-Druck gefertigt und eingearbeitet wird. Dies ist aber noch Zukunftsmusik.

Völlig neu sind auch die Chancen, die das industrielle Internet of Things für Maintenance und Verfügbarmachung im Maschinen- und Anlagenbau eröffnet. Augmented Reality könnte dem Wartungspersonal als Basis für Reparaturen dienen.

Digitalisierung lässt sich meines Erachtens als virtuelle Abbildung der Welt begreifen. Kunden könnten beispielsweise mittels Display und Augmented Reality den Maintenance- und Wartungs-Prozess mitverfolgen und gegebenenfalls selbst gestalten. Die Hausgerätehersteller kommunizieren mit den Händlern und gegebenenfalls den Kunden auf digitalen Plattformen.

Über das Industrial Internet of Things hinaus wird Industrie 4.0 oft mit selbst organisierender Produktion in Verbindung gebracht. Ist diese Vorstellung realistisch?

Für eine komplett selbst organisierende Produktion sind noch große Entwicklungsschritte erforderlich. Momentan sind wir weit davon entfernt. Die Bauteile und Werkstücke müssten identifizierbar sein und sich selbst kennen.

In der Logistik sind die Umbrüche aber schon mit Händen zu greifen. Die Digitalisierung der Lieferkette kommt mit Riesenschritten, so dass die Prozesse und Abläufe viel filigraner werden. Der Handel muss die Bevorratung der Bauteile und Produkte organisieren und sie zur richtigen Zeit an den richtigen Ort bringen, wobei Big-Data-Techniken präzisere Vorhersagen und Handlungen als früher ermöglichen. In der Industrie zeichnen sich auch Veränderungen durch den 3D-Druck ab, der als Additive Manufacturing bezeichnet werden kann.

Das Thema 3D-Druck scheint momentan als Hype aufgeblasen zu sein. Welche Rolle kann der 3D-Druck in der Industrie überhaupt spielen?

3D-Druck ist eine Open-Source-Technik, die es ermöglicht, bestimmte Gebrauchsgüter in 3D auszudrucken. Manche 3D-Drucke haben schon Konsumentenqualität. Mittlerweile lassen sich mit 3D-Druckern nicht nur Plastikfasern übereinanderschichten, sondern auch verschiedene Werkstoffe zu qualitativ hochwertigen Bauteilen kombinieren. Auf Basis des 3D-Drucks könnte sich eine komplett neuartige, Konsumenten-orientierte Maker-Szene mit völlig neuen Geschäftsmodellen herausbilden. Generell könnten von Kunden erstellte Designs direkt einfließen und per 3D-Druck entstehen.

Im Industrial Internet of Things werden immer mehr Daten erfasst – Stichwort: Big Data. Wie hat sich der Umgang mit ihnen in den letzten Jahren geändert?

Früher strebten die Unternehmen ein allgemeingültiges Datenmodell für ihr gesamtes Geschäft an. Inzwischen sammeln sie die Daten selektiver und verknüpfen Daten aus verschiedenen Quellen besser miteinander. Es geht darum, die vorhandenen Daten sinnvoll zu analysieren und zu verbinden und überhaupt nur die Daten zu erfassen, die man wirklich braucht. Oft reicht eine 99- oder gar nur 95-prozentige Genauigkeit aus. Dies ist ja auch eine Frage der Kosten.