Mythos und Realität »Blockchain ist aus ­Gesellschaftssicht eine Revolution«

Prof. Dr. Volker Skwarek, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

»Wir sind hierzulande seriös, sauber und strukturiert am Entwickeln. Es wäre nicht sachgerecht oder fair, dies als Winterschlaf zu bezeichnen. In Deutschland neigen wir hingegen eher nicht dazu, in unkoordinierte Hyperaktivität zu verfallen.«
Prof. Dr. Volker Skwarek, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg: »Wir sind hierzulande seriös, sauber und strukturiert am Entwickeln. Es wäre nicht sachgerecht oder fair, dies als Winterschlaf zu bezeichnen. In Deutschland neigen wir hingegen eher nicht dazu, in unkoordinierte Hyperaktivität zu verfallen.«

Prof. Dr. Volker Skwarek von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg wurde zum Convenor der ISO Smart Contracts Study Group gewählt. Mit Markt&Technik sprach er über Mythos, Realität, Potenzial und Revolution der Blockchain-Technologie.

Markt&Technik: Seit Frühjahr 2017 arbeitet die ISO an einer weltweiten Standardisierung für die Blockchain. Auch Deutschland beteiligt sich aktiv an deren Gestaltung. Mit der ISO/TC 307 soll die Blockchain einen offiziellen Rahmen erhalten. Wo stehen wir mit der Blockchain–Standardisierung aktuell?

Prof. Dr. Volker Skwarek: Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit zuerst einmal mit Mythen und Vorurteilen aufräumen bzw. die Begrifflichkeiten ordnen: Die Standardisierung hat oft den Charakter, Dinge in ein festes Korsett zu gießen und der Welt als unabänderlich zu präsentieren. Das ist in der Tat ein Teil der regulierenden Standardisierung. Bei Blockchain- und Distributed-Ledger-Technologien befinden wir uns eher in der beschreibenden Standardisierung. Hierbei versuchen wir Dinge klarzustellen und zu ordnen, die sehr heterogen umgesetzt werden. Der Begriff „Blockchain“ wird sehr unterschiedlich verwendet und teilweise werden Begriffe auch willkürlich synonym gebraucht, wie Blockchain und Distributed Ledgers. So ist beispielsweise IOTA ein Distributed Ledger, ohne dass es eine Blockchain ist.

Aber zurück zu Ihrer Ursprungsfrage: Wo stehen wir? Wir sind als Standardisierungsgruppe etwa ein halbes Jahr alt und gefühlt bei circa 10 bis 15 Prozent dessen, wo wir am Ende mal ankommen könnten und sollten.

Wie definieren Sie die Begriffe „Blockchain“ und „Distributed Ledger“?

Das Erstellen einer Blockchain ist das Verketten von Blöcken über deren Prüfsumme. Dazu wird über einen Block ein Hashwert gebildet, der wiederum in den folgenden Block geschrieben wird. So entsteht eine Kette, die ineinander greift und sich nicht unbemerkt verändern lässt. Diese informationstechnische Methode gibt es schon seit geraumer Zeit, nur wurde sie anfangs nie so benannt. Man entwickelte diese Technologie ursprünglich, um Protokoll-Dateien auf Servern abzusichern und um Angriffe auf Server sichtbar zu machen.

Der Begriff Distributed Ledger bezieht sich auf die Art, wie die Blockchain geschützt wird. Um etwas wirklich sicher zu schützen, haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie schließen es sinnbildlich in Fort Knox ein und lassen es von einer Armee bewachen. Oder Sie verteilen es in einer Community an alle. Wer manipulieren will, müsste bei allen Mitgliedern der Community manipulieren. Und wenn dies nicht nur mit einer Information, sondern mit deren gesamten Historie erfolgt, wird das Distributed Ledger genannt. Das, was wir heute als Blockchain bezeichnen, ist also eine Blockchain und Distributed-Ledger-Technologie.

Mit all diesen Aspekten beschäftigt sich die Standardisierung. Das dauert lange und erscheint Außenstehenden zäh. Aber das ist nicht die Trägheit einer Titanic, sondern die Verständnisbildung für die Meinung anderer. Den weltweiten Sozialisierungsaspekt durch Standardisierung durchzumachen ist spannend und interessant, weil man dabei sehr viel über die Meinung und Standpunkte anderer Kulturen und Anwendungsbereiche lernt.

Um den Standardisierungs-Prozess für Außenstehende verständlicher zu machen: Wie setzen sich die Arbeitsgruppen innerhalb des ISO-Standardisierungsgremiums zusammen?

Aktuell haben eine Working-Group, die berechtigt ist, Standards zu erarbeiten und vorzuschlagen. Außerdem gibt es aktuell sieben Study-Groups. Drei bis vier davon werden aber demnächst in Working-Groups umgebildet werden, um auch dort damit zu beginnen, Standards zu erarbeiten. Die dahinterliegenden Prozesse sind sehr komplex; sie sollen aber sicherstellen, dass niemand übergangen wird. Die Strukturbildung haben wir gut im Griff und wir sind dabei, das abzuschließen.

Sie sind Convenor der Smart Contracts Study Group – was genau erarbeitet die Smart Contracts Study-Group?

Hier sitzen Fachleute zusammen und überlegen, ob es zum Thema „Smart Contracts“ etwas gibt, was standardisierungsfähig und -würdig ist. Wenn wir in der Study-Group etwas als standardisierungswert einstufen, muss im nächsten Schritt das gesamte Technical Committee des ISO-Arbeitskreises überzeugt werden. In diesem Komitee sitzen jeweils Deligierte aus den ISO-Mitgliedsstaaten. Unsere Vorschläge wurden sehr gut vom Komitee angenommen und bei der letzten Sitzung in Tokio zu einer internationalen Abstimmung zugelassen, die bis ca. März erfolgen wird. Wir sind mit Smart Contracts also in der Übergangsphase zu einer Working-Group. Der Begriff „Smart Contracts“ an sich ist bisher gar nicht ausreichend definiert. Ziel ist also, einen Technical Report zu Smart Contracts zu verfassen und eine technische Spezifikation zu erarbeiten. Diese soll schlussendlich als Guide­line dienen, wie man Smart Contracts mit Rechtsbindungswillen technisch umsetzen kann.

Wozu sind Smart Contracts in der Blockchain überhaupt nötig?

Smart Contracts sind Automatisierungsmechanismen auf der Blockchain. Dabei handelt es sich um Software-Fragmente, die je nach Blockchain völlig unterschiedlich implementiert sind. Bitcoin beispielsweise hat gar keine Smart Contracts. Etherium arbeitet vorwiegend mit On Chain Smart Contracts, Hyperledger setzt primär auf Smart Contracts, die Off Chain laufen und zwar auf einzelnen verteilten Rechnern. Einer der Unterschiede zwischen modernen Blockchain-Implementierungen wie Etherium und Hyperledger liegt beispielsweise in der Konzeption von Smart Contracts.

Standardisierungskritiker argumentieren, dass Standardisierung in so einem frühen Stadium nicht sinnvoll ist – wie schätzen Sie das ein?

Das ist auch bei der ISO eher ein Experiment. Ich empfinde es in einer frühen Phase als riskant, weil noch viel in Bewegung ist, aber ab einer bestimmten Markt-Dominanz, wie sie das Thema Blockchain inzwischen erreicht hat, zwingend erforderlich. Es vergeht mittlerweile kein Tag, an dem der Bitcoin-Kurs nicht irgendwo in den Prime-Time-Nachrichten erwähnt wird. Ich erachte es daher als wichtig, mindestens eine beschreibende Standardisierung vorzunehmen. Daran arbeitet derzeit die Working-Group „Terminologie“.