Interview mit Dr. Reinhard Ploss »Autonome Agenten sehen wir als eine riesige Chance«

Die Produktionsstätte von Infineon in Dresden. (Bild: Infineon)

Agiler zu werden und schneller zu lernen – das war eines der Ziele der Übernahme von International Rectifier. Im Interview mit Markt&Technik erklärt Dr. Reinhard Ploss, wie dies bereits erreicht wurde, was hinter autonomen Agenten steckt und wie Industrie 4.0 Infineon verändern wird.

Markt&Technik: Sie sagten nach der Übernahme von International Rectifier, dass Infineon etwas agiler werden müsste und von der Übernahme auch aus dieser Sicht profitieren könnte. Hat Infineon gelernt?

Dr. Reinhard Ploss, Infineon: Ja, das war uns wichtig. Wir wollten den Kollegen von International Rectifier nicht einfach von unserer Seite her etwas überstülpen, sondern eben auch selber dazulernen. Das haben wir getan und jetzt umgesetzt. Ich sage das nicht nur aus eigener Sicht: Die Kunden von Infineon und International Rectifier waren beeindruckt, wie reibungslos die Integration über die Bühne ging. Im Frühjahr haben wir zum Beispiel die IT, die immer besondere Herausforderungen stellt, ohne Probleme integriert. Die Integration der Fertigung treiben wir als letzten noch ausstehenden Schritt voran. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass dies etwas länger dauert. Wir starten von einer sehr stabilen Operationsbasis in den USA aus. Damit verfügt der Konzern nun über eine starke transatlantische Einheit mit einer führenden Rolle an der Westküste – dem Innovationzentrum der USA und gleichzeitig einem unserer wichtigsten Wachstumsmärkte.

Gab es Überraschungen?

Eigentlich nicht. Es war uns bewusst, dass in den USA aufgrund der unterschiedlichen Mentalitäten einiges etwas anders läuft als hierzulande. Oft sind etwa die Strukturen in den USA hierarchischer als bei uns. Das Konzept im Distributionsgeschäft unterschied sich ebenfalls. Unterschiede zu erwarten und die dann auch zu managen, sind allerdings zwei verschiedene Schritte. Wie gesagt, wir haben gelernt. Wir wollten nicht nur unser Produktspektrum ergänzen, sondern auch etwas von der Agilität der Amerikaner insgesamt übernehmen. Das ist uns gelungen.

Hatten Sie Probleme, die richtigen Manager zu finden, nachdem einige aus der Führungsmannschaft von IR das Unternehmen verlassen haben?

Dass manche gehen würden, war zu erwarten. Aber ein wenig überrascht waren wir von der Entwicklung schon – und zwar positiv. Zu sehen, wie viele Top-Manager großes Interesse daran hatten, zu Infineon zu stoßen, hat uns sehr gefreut. Wir sind in den USA also durchaus als ein Unternehmen bekannt, für das es sich lohnt zu arbeiten. Wir hatten deshalb keine Probleme – wo überhaupt notwendig –, geeignete Nachfolger zu finden.

Was steht jetzt als nächstes an?

Was die Integration von International Rectifier betrifft, geht alles nach Plan. Sobald wir die Freigabe der Behörden für den Kauf von Wolfspeed haben, kümmern wir uns auch um die Eingliederung dieses Unternehmens. Natürlich ist das im Vergleich zu International Rectifier ein kleineres Thema. Hier ist klar der Fokus, die technologische Kompetenz zu stärken. Wir sind uns sicher, dass wir auch das wieder gut bewältigen werden.

Die Übernahme von Wolfspeed zeigt, dass Sie SiC als eine Schlüsseltechnik ansehen. Ab wann rechnen Sie mit signifikanten Stückzahlen?

Für Basisstationen im Mobilfunk wird das eine sehr relevante Technik werden, aber auch in der Elektromobilität. Schnellladesysteme aufzubauen, funktioniert nur mit einer komplett neuen Architektur. Dabei bildet Siliziumkarbid ein wichtiges Element. Das gleiche gilt für Antriebssysteme. Ich schätze, dass wir bis Ende des Jahrzehnts auf ein signifikantes Volumen mit Siliziumkarbid-Produkten für Onboard-Ladegeräte kommen.

Das Produktspektrum im Leistungshalbleiterbereich soll also stark ausgebaut werden. Wie wird Infineon dabei vorgehen?

Im DC/DC-Bereich hat das nach der Übernahme von International Rectifier bereits sehr gut geklappt. Nun wollen wir im Bereich der AC/DC-Wandler und bei Modulen ähnlich vorankommen und in die Breite wachsen.

Die Strategie, sich auch durch Übernahmen Zugang zu neuen Technologien zu verschaffen, zeigt sich auch an der erst kürzlich erfolgten Übernahme von Innoluce im Bereich der Sensoren. Warum fiel die Wahl auf dieses Start-up-Unternehmen?

Wir bauen unsere Vorreiterrolle beim selbstfahrenden Auto aus. Lidar, Radar und Kameras sind die Schlüsseltechnologien im teil- und vollautomatisierten Fahrzeug. Gemeinsam bilden diese Sensoren einen redundanten Sicherheitskokon um das Auto. Das Thema Radar deckt Infineon schon sehr gut ab. Jetzt können wir mit dem Lidar-Know-how von Innoluce unser Angebot für Sensorik im Auto vervollständigen.

Mit unserer Halbleitertechnologie wollen wir dafür sorgen, dass Lidarsysteme in Zukunft deutlich kompakter, preiswerter und robuster werden. Unser Ziel ist es, Lidar zu einer preisgünstigen Option für jeden Neuwagen weltweit zu machen – ähnlich wie es uns bei unseren Radarlösungen schon gelungen ist. Unser Anspruch ist ganz klar: Autonomes Fahren wird nur möglich mit Infineon.