Kommentar Abgehängt sieht anders aus!

Heinz Arnold
Chefredakteur   •  HArnold@markt-technik.de
Heinz Arnold Chefredakteur • HArnold@markt-technik.de

Liegt die deutsche Industrie im Rennen um die digitale Transformation vorne oder eher hinten? Die Hannover Messe gab eine Antwort.

Schlagworte standen auch auf dieser Hannover Messe wieder im Vordergrund: Der Industrie 4.0 (2011 auf der Hannover Messe erfunden), der Digital Transformation und dem IIoT konnten die Besucher nicht entkommen. Was daran wirklich verwundert: Die Geschwindigkeit, mit der es vorangeht. Die Schlagworte sind in der Realität der Firmen 2017 angekommen, schon 2025 soll die erste Runde der Digitalisierung  abgeschlossen sein.

Doch ist die IT-Industrie in den USA den deutschen Firmen nicht Meilen voraus? Manager, die ins Silicon Valley pilgern, kommen verzagt zurück, weil sie die vermeintlich veralteten, gar greifbaren (igitt!) Produkte plötzlich als Klotz am Bein sehen. Ist die deutsche Industrie also abgehängt, ist die erste Halbzeit – wie prominent beklagt wurde – schon verloren gegangen?

Nein: schon weil die Wirtschaft nicht in Halbzeiten denkt, hier geht es „nur“ um kontinuierlichen Wettbewerb – in dem sich Deutschland gut geschlagen hat. Das Land steht nicht nur in Europa hervorragend da, sondern auch im internationalen Vergleich. Gerade weil die weltweit einzigartige, vom Mittelstand geprägte Industrie nach wie vor exzellente Produkte hervorbringt.

Gerade deshalb bestand hierzulande die Notwendigkeit, die alte Welt mit der Industrie-4.0-Welt zu verbinden – und das geht nur über Standardisierungen. Erstellt wurde unter anderem das Referenzarchitekturmodell RAMI 4.0 »in einer Geschwindigkeit, wie ich sie bisher noch nicht erlebt habe«, wie ein Manager eines großen Mittelständlers feststellte, der auch eifrig in den Gremien mitarbeitet. So dürfte es keine Wunder sein, dass die Industrie-4.0-Komponente und der Begriff der Verwaltungsschale (Spötter meinten, er sei gewählt worden, damit er im Ausland nicht verstanden werde) hierzulande mit Leben gefüllt wurde.

Wo auch anders, denn hier gibt es die realen Produkte, die in der Cyberwelt als digitaler Zwilling repräsentiert werden müssen. Auf der Hannover Messe konnten sich die Besucher davon überzeugen, dass es sich nicht um bloße Theorie handelt, sondern dass die Technik bereits in reale Systeme Einzug gehalten hat. Hier zeigt die deutsche Industrie, wo ihre Stärken liegen, und aus diesem Blickwinkel betrachtet ist sie nicht abgeschlagen sondern eher führend.

Doch wenn das Gefühl vom Produktklotz am Bein aufkommt, ist es nicht unbegründet. Denn die Unternehmen stehen vor der großen Herausforderung, ihre bestehende Produktentwicklung nicht zu vernachlässigen und mit hohem Aufwand weiter zu optimieren. Parallel dazu müssen sie ihre Organisationen umbauen und für neue Geschäftsmodelle fit machen. Das kostet viel Geld, das mit der „alten Technik“ erst mal verdient sein will – ganz davon abgesehen, dass es gut ausgebildete Mitarbeiter erfordert, die die neuen Techniken beherrschen. Die sind rar.

Kann eine etablierte Organisation, die sich um das Tagesgeschäft kümmern muss, zusätzlich den Umbau leisten, der sie selber teilweise in Frage stellt? Eine endgültige Antwort darauf ist noch nicht gefunden, und es gibt sie in allgemeingültiger Form wohl auch nicht, weil jeder Fall ein wenig anders liegt. So gründen viele Unternehmen – auch Mittelständler – Start-ups, um Spielwiesen zu etablieren, die in die alte Organisation kaum eingebunden sind, um so von deren Agilität zu profitieren.

Das gibt das Stichwort für ein weiteres Muss im Industrie-4.0-Umfeld: Ohne Kooperationen – auch mit dem lieben Wettbewerb – geht es nicht.  Um neue Geschäftsmodelle aufbauen zu können, müssen Daten getauscht werden. Wie dies geschehen kann, ohne dass die beteiligten Unternehmen ihre Datensouverenität verlieren,  auch davon konnten sich die Besucher der HMI einen Eindruck machen. Stichwort Industrial Data Space.

So wird aus dem Klotz am Bein eine einmalige Chance: Produkte und digitale Transformation zusammenführen. Es funktioniert bereits: Vorreiterunternehmen der Digitalisierung verlagern Arbeitsplätze zurück und investieren vor Ort deutlich mehr als die digitalen Nachzügler. So schafft die Digitalisierung sogar Arbeitsplätze.

Das wird auch im Ausland bemerkt, das die Lage hierzulande von außen weniger kritisch sieht als so mancher interne Spötter. Übrigens: Selbst für Verwaltungsschale gibt es jetzt einen englischen Begriff: Asset Administration Shell. So ganz abgeschlagen kann Deutschland also nicht sein.