Kommentar Zum verzweifeln: Infineon inszeniert wieder

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Die Münchener schaffen es doch immer wieder, uns trefflich zu unterhalten.

»Wie wird Politik gemacht?« »Genauso wie klein Erna sich das vorstellt!« Diese Satire persifliert die Vorstellung, dass auf oberer Ebene auf hohem Niveau rein rational und sachlich entschieden wird. Die Realität sieht anders aus: Es menschelt überall, es fliegen die Fetzen und persönliche Befindlichkeiten, Rivalitäten und Egoismen tragen mehr zu den Entscheidungen bei als das berühmte rationale Kalkül. Und dass die Streithähne im Landtag oder sonstwo hinterher immer noch friedlich ein Bier trinken gehen, mag mehr der Königlich-Bayerischen-Amtgerichts-Wunschvorstellungs-Romantik der Werbung einer süddeutschen Tageszeitung entspringen als der Realität.

Wie haben wir uns gefreut, als das größte deutsche Halbleiterunternehmen vor kurzem noch die Kurve gekratzt hat. Nach so manchem Desaster geschah das Wunder: Trickreich zogen sich die Münchener an den eigenen Haaren aus dem Sumpf, in dem sie fast untergegangen wären.

Naiv wie wir sind, gaben wir uns der Vorstellung hin: Wenn Infineon nicht mehr am Abgrund entlang taumelt, gehören auch die Zeiten des bayerischen Komödienstadels der Vergangenheit an, als öffentlich gesägt, denunziert und verunglimpft wurde, dass es eine wahre Freude war. Doch weit gefehlt. Was zuvor schon zum Missvergnügen des Vorstandes in der Presse genüsslich kolportiert wurde, schafft es wieder einmal auf die Bretter, die die Münchner Welt bedeuten: Der Finanzvorstand fliegt im hohen Bogen raus, die alten Hasen sind unter sich.

Da geht fast schon unter, dass zudem eine wichtige unternehmerische Entscheidung getroffen wurde: Infineon will den Wireless-Bereich verkaufen.

Eine gute Idee mag man meinen, vor allem weil es so aussieht, als wäre endlich mal das Timing gelungen und der Verkauf würde einiges an Geld in die Kasse spülen. Der Beobachter könnte sich also der naiven Meinung hingeben, hier sei tatsächlich einmal rational entschieden worden: Ein Geschäft, das erfolgreich hochgepäppelt wurde und in dem die Ingenieure gute und beliebte Produkte entwickelt haben, jetzt zu verkaufen, weil es eben die kritische Masse nicht hat, um mit den Nummern 1 bis 3 im Markt weiterhin erfolgreich mithalten zu können; und dafür auch noch ordentlich Geld zu kassieren.

Bleiben wir weiterhin naiv und geben uns der Vorstellung hin, dass das Geld in die Entwicklung der übrig gebliebenen Geschäftsfelder fließt. Alles spricht dafür, dass sie außerordentlich zukunftsträchtig sind, weil sie alle mit »Grüner Elektronik« zu tun haben. Wenn die Wachstumsraten in diesem Sektor so rasant steigen, wie die Auguren vorhersagen – wir wollten ja naiv bleiben – dann könnte der Umsatz der Wireless-Sparte vielleicht in absehbarer Zeit mehr als kompensiert werden.

Dieser Schlachtplan müsste aber erst einmal umgesetzt werden. Und das ist etwas anderes, als Schlammschlachten in der Öffentlichkeit zu inszenieren. Der Härtetest kommt also erst noch. Oder wieder einmal. Schade, dass es selbst in guten Zeiten so trefflich gelingt, auch dem Unternehmen gewogene Zeitgenossen in neue Zweifel zu stürzen.