Kommentar Zukunftsweisend oder total daneben?

Iris Stroh, Leitende Redakteurin Markt&Technik

Das war ja mal wirklich eine vollkommen überraschende Meldung: Microsemi will Actel kaufen. Damit ist Actel offensichtlich ein Problem los: Die Suche nach einem Nachfolger für John East als CEO von Actel – aber das wird wohl kaum der Grund für diesen Schritt gewesen sein. Auf das Pluspunktekonto kann sicherlich die Überzeugung von John East gezählt werden, der die Übernahme als positiv bewertet. Immerhin genießt East den Ruf, im Sinne des Unternehmens und seiner Mitarbeiter zu entscheiden und nicht kurzfristig auf die nächsten Quartalszahlen zu blicken.

Aber trotzdem irritiert dieser Schritt doch sehr und die Gründe dürften auch den Unternehmen bekannt sein. Zum einen hat sich in der Geschichte der programmierbaren Logik gezeigt, dass eigentlich nur die Unternehmen erfolgreich im PLD-Markt sind, die sich ausschließlich auf diesen Bereich konzentriert haben. Das heißt, dass all diejenigen, die die programmierbare Logik so nebenbei betrieben haben, aus dem Markt wieder ausgestiegen sind. In diesem Zusammenhang sind viele ganz große Namen zu finden, einschließlich Intel, AMD, Texas Instruments oder Motorola.

Zum anderen zeigt sich der Markt auch gegenüber Startups nicht aufgeschlossen. Ganz im Gegenteil, der PLD-Markt hat fast all seine Kinder aufgefressen. Obwohl im Vergleich zu anderen Halbleitersegmenten im PLD-Markt besonders viele Startups ihr Glück versucht haben, sind fast alle gescheitert. Jüngstes Beispiel ist TierLogic – in diesem Fall ist das Unternehmen allerdings der Krise zum Opfer gefallen.

In der Summe sind somit nur vier PLD-Anbieter übrig geblieben: Actel, Altera, Lattice Semiconductor und Xilinx. Unternehmen wie Quicklogic, Cypress Semiconductor oder Atmel zähle ich nicht zu den PLD-Herstellern und denke, dass die Unternehmen das ebenso sehen. Die zwei Großen im Markt – Altera und Xilinx – liefern sich regelmäßig ein Kopf-an-Kopf-Rennen über das schnellste beziehungsweise komplexeste FPGA, die zwei kleinen – Lattice und eben Actel - wiederum suchen ihr Glück in der Nische.

Jetzt ist es sicherlich falsch, Microsemi als Startup zu bezeichnen, denn das Unternehmen selbst hat ja bereits ein paar Jahre auf dem Buckel. Und Actel ist natürlich auch kein Startup, sondern quasi ein alter FPGA-Hase. Aber die Kombination ist neu und die muss ihre Lebensfähigkeit erst einmal beweisen.

Zugegebener Maßen ergänzen sich die beiden Unternehmen auch. So bezeichnet Actel beispielsweise seine Fusion- und Smart Fusion-Bausteine als Mixed-Signal-FPGAs beziehungsweise intelligente Mixed-Signal-FPGAs - Microsemi wiederum ist Hersteller von Analog- und Mixed-Signal-Komponenten. Actel ist mit seinen Antifuse-FPGAs im Military/Aerospace-Segment extrem erfolgreich - Microsemi wiederum verkauft dort viele seiner diskreten Komponenten hin. Die Aktionäre von Microsemi jedenfalls scheinen den Schritt zu begrüßen und bescheren der Aktie einen deutlichen Höhenflug.

Und dennoch wird die Sache nicht ganz einfach werden. Will Microsemi die vielfach bemühten Synergien wirklich nutzen, muss es Actel in das Unternehmen vollständig integrieren. Damit läuft es aber Gefahr, die klare Definition der Actel-Produkte zu verwischen und damit auch deren Kunden zu verlieren. Und auch wenn es immer wieder reizvoll klingt, Standardprodukte mit einer wie auch immer gearteten Hardware programmierbar und damit flexibel zu machen, bislang sind eigentlich alle Ansätze in diesem Bereich gescheitert.

Es muss sich also zeigen, ob diese Übernahme funktioniert und sich das Know-how, das Actel unbestritten hat, in Microsemi gewinnbringend nutzen lässt. Aber Microsemi wird sich sicherlich nicht als PLD-Anbieter definieren, sondern bei seiner eigenen Ausrichtung bleiben. Das heißt, dass sich in Zukunft nur noch drei Anbieter im PLD-Markt tummeln werden. Das erhöht zumindest den verbleibenden Anbietern gute Zukunftschancen, denn selbst in gesättigten Märkten heißt es, dass die ersten zwei bis drei Unternehmen eine reelle Chance haben, zu überleben.

Ihre Iris Stroh