Kommentar Wie man die IC-Hersteller aus Europa vertreibt

Heinz Arnold, Chefredakteur
Heinz Arnold, Chefredakteur HArnold@markt-technik.de

Das Ziel der Europäischen Kommission von 2013 ist beeindruckend: 20 Prozent der weltweit produzierten Halbleiter sollen bis 2020 aus Europa kommen. Was jetzt folgen müsste, wären Taten.

Dass es für den High-Tech-Standort Europa wichtig ist, die Halbleiter wenigstens zum Teil hier zu fertigen, ist offenbar ganz oben in der europäischen Politik angekommen. Wenigstens solange es um markige Sprüche geht, die nichts kosten.

Doch wenn es darum geht, in Europa in eine neue Halbleiterfertigung zu investieren, sieht es nicht so aus, als ob die EU wirklich daran interessiert ist, ein attraktiver Standort zu werden. Nehmen wir als Beispiel einmal eine Chipfirma, deren Kern-Know-how in der Analogtechnik liegt. Sie ist also nicht auf dem Gebiet von »More Moore« tätig, wo es darauf ankommt, Prozessoren und Speicher in den jeweils neusten Prozesstechniken zu fertigen und neue Fabs mehrere Milliarden Dollar kosten. Nein die Firma ist auf dem »More than Moore«-Sektor aktiv – also genau dort, wo sich die europäische Industrie im Vorteil sieht. Die ICs und Sensoren, die das Unternehmen fertigt, sind die Voraussetzung dafür, Daten zu sammeln, auf deren Basis IoT und Industrie 4.0 erst möglich werden – ebenfalls Märkte, in denen sich Europa als führend sieht.

Die Strategie der Firma über die letzten Jahre geht auf, das Unternehmen steigert den Umsatz und Gewinn beträchtlich und schafft neue Arbeitsplätze. Die Kapazität der eigenen Fertigung kommt an ihre Grenzen. Die eigene Fertigung zu erweitern, ist unabdingbar, denn die vielen Spezialprozesse, die erforderlich sind, um die analogen ICs und Sensoren zu fertigen, kann man nicht an eine Foundry auslagern. Es muss also eine neue Fab gebaut werden. Auch wenn die Fab nicht mehrere Milliarden Dollar kostet, ist die Investition gemessen am Umsatz des Unternehmens immer noch gewaltig.

Also geht die Suche nach einem möglichst kostengünstigen Standort los. Da trifft es sich gut, dass nicht nur Europa erkennt, wie wichtig es ist, die Fertigung von ICs im Lande zu halten, sondern dass dies auch andere Regionen tun - zum Beispiel auch der Staat New York. Er hat Bedingungen geschaffen, die es für Chipfirmen sehr attraktiv machen, neue Fabs dort zu bauen, sowohl für »More Moore« als auch für »More than Moore«-Unternehmen. Allerdings erlauben es die EU-Regelungen nicht, dass ein europäisches Land mit den Bedingungen konkurrieren könnte, die der Staat New York anbietet.

Ein seinen Anteilseignern verpflichtetes Unternehmen muss sich deshalb gegen den Standort Europa und für den Standort USA entscheiden. Und wieder wandert ein kleiner Teil an Kompetenz – gerade der Kompetenz, auf den die europäische Politik zu recht so stolz ist – in andere Weltregionen ab. Europa scheint so stark mit sich selbst beschäftigt zu sein, dass die weltweite Wettbewerbssituation schlichtweg übersehen wird. Vollmundige Ankündigungen nutzen eben nichts, wenn keine Taten folgen.