Freescale Verlust von Marktanteilen gehört der Vergangenheit an

Gregg Lowe, Freescale Semiconductor: »Das gesamte Unternehmen verfolgt für die Zukunft zwei Ziele: überdurchschnittliches Wachstum und höhere Margen.«
Gregg Lowe, Freescale Semiconductor: »Das gesamte Unternehmen verfolgt für die Zukunft zwei Ziele: überdurchschnittliches Wachstum und höhere Margen.«

Der Umsatz von Freescale Semiconductor sank 2012 um mehr als 13 Prozent und damit deutlich stärker als der gesamte Halbleitermarkt. Gregg Lowe, President und CEO von Freescale Semiconductor, zeigt sich aber überzeugt, dass nun die Weichen gestellt sind, um hier die Trendwende zu schaffen.

Markt&Technik: Freescale hat letztes Jahr abermals deutlich stärker Federn lassen müssen als die Halbleiterindustrie insgesamt. Warum?

Gregg Lowe: Wir haben in den letzten neun von zehn Jahren Marktanteile verloren, das ist leider die Wahrheit. Das bezieht sich nicht auf einen bestimmten Bereich, sondern auf das gesamte Unternehmen. Das liegt natürlich auch daran, dass wir Bereiche ausgegliedert bzw. verkauft haben. Aber das fundamentale Problem von Freescale bestand darin, dass uns der Fokus fehlte. Wir haben unsere Energien nicht zielgerichtet eingesetzt. Wenn man vor zwei Jahren jemanden gefragt hat, was er mit Freescale verbindet, konnte man die unterschiedlichsten Antworten bekommen. Das hatte unter anderem zur Folge, dass auch unsere R&D-Investitionen auf die verschiedenen Geschäftsbereiche mehr oder minder im Gießkannenverfahren verteilt haben.

Das hat sich grundlegend geändert. Wir haben jetzt noch fünf Kernbereiche: MCUs, Automotive-MCUs, Digital Networking, RF und Analog/Sensor. Und in diese fünf Bereiche investieren wir 90 Prozent unserer gesamten R&D-Aufwendungen. Früher entfielen lediglich 67 Prozent unserer Investitionen auf diese Bereiche. Und das wird uns dabei helfen, wieder in die Position zu kommen, dass wir Marktanteile zurückgewinnen.

Mikrocontroller waren aber doch schon immer ein Schwerpunkt von Freescale.

Ja, das ist richtig, die MCUs sind historisch betrachtet eine der Stärken von Freescale. Aber dennoch: Aus meiner Sicht waren wir in den letzten zehn Jahren viel zu breit aufgestellt, so dass auch unter den Mitarbeitern eine Identifizierung mit den einzelnen Produktbereichen fehlte und somit auch ein wenig der Fokus auf das MCU-Geschäft verloren ging. Aber das haben wir geändert, und das wird sich in steigenden Marktanteilen widerspiegeln. Wobei ich betonen möchte, dass Freescale trotz allem immer noch die Nummer 2 unter den MCU-Herstellern ist. Unter den Herstellern von Automotive-MCUs belegen wir die gleiche Position. Rechnet man Japan raus, und hier hält Renesas einen extrem großen Marktanteil, dann ist Freescale sogar die Nummer 1 unter den Mikrocontroller-Herstellern - das zeigt, was in dem Unternehmen steckt. Darüber hinaus sind wir auch der größte Player unter den Herstellern von HF-Leistungsverstärkern und die Nummer 1 bei den Netzwerk-Prozessoren - und das, obwohl wir über so viele Jahre hinweg Marktanteile verloren haben. Dies in Kombination mit unserer stärkeren Konzentration auf unsere Kernbereiche geben mir die Zuversicht, dass wir sicherlich wieder Marktanteile zurückgewinnen.

Der Konzentration auf die fünf Kernbereiche sind beispielsweise auch die Power-Management-ICs zum Opfer gefallen - obwohl dieser Bereich hohe Zuwachsraten aufweist.

Freescale hat General-Purpose-Power-Management-ICs beispielsweise für unsere Applikationsprozessoren entwickelt. Das ist strategisch sinnvoll und entspricht auch den allgemeinen Trends. Der Nachteil dabei war aber, dass wir hier nicht wirklich gut waren. In diesem Bereich gibt es ausgewiesene Spezialisten, die zwar keine eigenen Prozessoren anbieten, aber sehr gute Produkte entwickeln.

Wir haben uns dazu entschieden, anstatt gegen diese Unternehmen zu konkurrieren und zu versuchen, unser eigenes PMIC-Geschäft aufzubauen, uns aus dem Geschäft zurückzuziehen und mit ein paar ausgewählten Spezialisten in engen Partnerschaften zusammenzuarbeiten. Hier finden bereits Gespräche statt.

Das hat für uns den Vorteil, dass wir die freigewordenen Ressourcen für unsere Controller und Prozessoren nutzen können. Für unsere Kunden wiederum heißt das, dass sie den besten Prozessor und das beste Power-Management-IC erhalten können.

Sie haben zwei Ziele definiert: Überdurchschnittliches Wachstum und die Steigerung der Bruttomarge. Welche Maßnahmen sollen hier helfen?

Zum einen vergrößern wir unsere Verkaufsmannschaft. Der Großteil davon wird in China ablaufen, denn dort sind wir technologisch gesehen zwar sehr gut aufgestellt, aber von der Verkaufsstärke etwas unterrepräsentiert. Maßnahmen wurden schon eingeleitet, und ich denke, dass wir im ersten Quartal bereits die ersten Erfolge sehen werden.

Darüber hinaus geht es natürlich auch darum, die Kosten zu reduzieren. Wir haben unser »Five by Five«-Programm gestartet, in dem für jeden Geschäftsbereich in Zusammenarbeit mit der Fertigung Maßnahmen erarbeitet wurde, mit denen sich die Kosten reduzieren lassen, dazu gehört beispielsweise der Ersatz von Gold durch Kupfer, aber auch ein erhöhter Fertigungsausstoß. Auch hier bin ich der Überzeugung, dass es nicht sinnvoll wäre, einen Maßnahmenkatalog mit 100 Einzelpunkten aufzustellen, sondern ganz gezielt einzelne Punkte zu definieren und die dann auch umzusetzen.

Wo sehen Sie eher Chancen, eines der beiden genannten Ziele zu erreichen?

Es ist sicherlich schneller möglich, die Margen zu erhöhen. Ein überdurchschnittliches Wachstum zu generieren, dauert einfach länger.

Sie haben die MCUs in Automotive-MCUs und General-Purpose-MCUs getrennt. Welche Strategie steckt dahinter?

Freescale ist seit langem ein großer Player im Automotive-Bereich. So hat das Unternehmen bislang die neuesten Entwicklungen auf Basis von modernsten Technologien fast immer zuerst für unser Automotive-Kunden getätigt, im Anschluss daran wurden dann einige Bauelemente herausgenommen und für Non-Automotive-Kunden verfügbar gemacht.

Dieser Ansatz hat aber zwei entscheidende Nachteile: Zum einen dauert es aufgrund der hohen Anforderungen im Automotive-Bereich deutlich länger, bis überhaupt Umsatz generiert werden kann. Zum anderen haben wir dadurch auch viele Möglichkeiten in anderen Märkten verpasst, weil die Produkte einfach nicht verfügbar waren.

In Zukunft gehen wir genau anders herum vor: Neue Designs auf Basis von neuen Technologien werden zuerst für Märkte außerhalb der Automobilindustrie entwickelt und dann im zweiten Schritt Automotive-Varianten designt. Das hat für uns Vorteile, aber auch für die Automotive-Kunden, denn damit können sie in Zukunft auf ausgereifte Technologien und Produkte zurückgreifen.

Apropos MCUs: Freescale setzt zusehends auf ARM. Wie sieht es mit den eigenen Architekturen aus?

Die enge Kooperation mit ARM ist aus ökonomischer Sicht sinnvoll, weil die Software immer teurer wird und mit ARM automatisch ein riesiges Eco-System zur Verfügung steht. Das heißt aber nicht, dass wir unsere Power-Architektur aufgeben. Ich bin mir sicher, dass wir auch in zehn Jahren noch Produkte auf Basis der Power-Architektur entwickeln werden. Anders sieht es allerdings mit der 68k-Architektur aus, hier werden wir keine Neuentwicklungen mehr tätigen.

Sie kommen von Texas Instruments, dem weltweit größten Analogunternehmen. Freescale wiederum erzielt rund 18 Prozent seines Umsatzes im Bereich Analog/Sensoren. Wie beurteilen Sie Freescales Chancen im Analogsegment?

Wenn ich mir Freescale ansehe, bin ich der Überzeugung, dass wir viele Analogtalente im Unternehmen haben, das Unternehmen selbst aber dennoch in diesem Bereich unterrepräsentiert ist. Das ist extrem schade, denn technologisch können wir viel mehr. Doch mit James Bates haben wir einen neuen Senior Vice President und General Manager für Analog & Sensors gefunden, der dank seiner Historie den Analogmarkt gut kennt und hier sicherlich dem Unternehmen zum Erfolg verhelfen wird.

Heißt das, dass Freescale sich zwar vom PMIC-Bereich verabschiedet, dafür aber in Zukunft diverse andere Standard-Analog-Produkte auf den Markt bringen wird?

Nein, darum geht es erst mal nicht. Es geht vielmehr darum, unsere vorhandenen Kernkompetenzen im Analog-/Mixed-Signal-Bereich zu nutzen, um mehr Analog-/Mixed-Signal-Bausteine, die rund um unsere Mikrocontroller auf einem Board sitzen, in unsere Mikrocontroller zu integrieren.
Das heißt, wir werden sicherlich keine Standard-Analogprodukte wie einen Operationsverstärker oder A/D-Wandler auf den Markt bringen, zumindest jetzt nicht. Jetzt geht es erst mal um hochintegrierte Controller mit einer deutlich erhöhten Analog-/Mixed-Signal-Funktionalität.

Im Leistungshalbleitersegment pflegt Freescale eine Partnerschaft mit Fuji. Ist das angesichts der Wichtigkeit des Produkts und des Fokus auf Automotive der richtige Ansatz?

Ja. Ich bin fest überzeugt, dass es für uns besser ist, hier mit Partnerschaften zu arbeiten, anstatt selbst in diese neue Technologie einzusteigen. Freescale muss sich davor hüten, in Technologien aktiv zu werden, in denen das Unternehmen keine Marktführerschaft erreichen kann. Außerdem halte ich den Markt für Leistungshalbleiter bereits jetzt für sehr konkurrenzbetont, so dass es auch von dieser Seite aus nicht sinnvoll ist, hier in eigene Technologien zu investieren.