Kommentar Trotz Übernahmen - die Konsolidierung lässt auf sich warten

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Übernahmen regen die Phantasie an – und wenn es sich um große Übernahmen handelt, dann erst recht. Kaum hatte Texas Instruments angekündigt, National Semiconductor übernehmen zu wollen, schossen die Gerüchte ins Kraut: An den Börsen wurde schon munter davon gesprochen, dass die Halbleiterindustrie nun zu einer gereiften Industrie herangewachsen sei, und der Konsolidierungsprozess sich fürderhin beschleunigen werde.

Das ist typisch Börse: Wenn’s alle wissen, haben es alle schon immer gewusst, und alle rennen in die selbe Richtung. Wäre es anders, würden dort viele wenig anstatt wenige viel verdienen.

Also schwirrten sofort weitere Über­nahmekandidaten durch die Gerüchtekü­che: in Deutschland allen voran Infineon. Weil Intel die Geschäftseinheit Wireless von Infineon vor nicht allzu langer Zeit übernommen hat, brachten die Spekulan­ten die Möglichkeit ins Spiel, dass Intel nun auch den ganzen Rest schlucken wol­len könnte. Die Spekulanten mögen wis­sen, warum: Weil Intel nach ihrer Mei­nung so dringend nach einem Unterneh­men mit ausgewiesenen Fähigkeiten im analogen Bereiche Ausschau halten müss­te? Oder vielleicht weil beide Firmenna­men mit einem »I« anfangen?

Weil NXP ebenfalls stark in der Ana­logtechnik ist, kamen auch Gerüchte auf, dass Intel an NXP interessiert sei. Das Interesse der NXP-Investoren, aus ihrem Engagement irgendwie glücklich heraus­zukommen, dürfte zwar gegeben sein. Ob das Unternehmen deshalb aber zu einem für wen auch immer akzeptablen Preis zu verkaufen wäre – Broadcom und Qual­comm tauchten ebenfalls als mögliche Käufer auf –, bleibt dahin gestellt.

Wer aufgrund der durchaus überra­schenden Übernahme von National durch TI nun gleich die große Konsolidierung in der Halbleiterwelt ausruft, sollte zumin­dest vorsichtig sein: Große Übernahmen gab es schon immer, und dennoch hat sich die Halbleiterwelt recht wenig kon­solidiert; es gibt nach wie vor überra­schend viele Hersteller.

Viel mehr als auf eine – schon häufig heraufbeschworene – Konsolidierung weisen die Übernahmen doch auf etwas anderes hin: Wie kaum eine andere In­dustrie ist die IC-Industrie immer wieder für Überraschungen gut, und immer wie­der versuchen die Unternehmen, sich auf die schnell wechselnden Anforderungen anzupassen.

Wenn mal was schief geht – nicht so schlimm, daraus kann man lernen. Gerade Intel dürfte ein Lied davon singen können und demonstriert uns – hoffent­lich – gerade am Beispiel der Integration des Handy-Chip-Bereichs von Infineon, wie man aus Fehlern erfolgreich lernen kann.

Dass es auch anders geht, hatte ausge­rechnet TI mit dem Kauf von Burr-Brown gezeigt: Sie gilt noch heute als Ausnahme von der Übernahme-Flop-Regel. Das soll­te nun nicht als Prognose für die National-Übernahme missverstanden werden. TI steht vor einer gewaltigen Aufgabe, denn das Produktportfolio von National unter­scheidet sich doch ein wenig von dem Burr-Browns.

Und apropos Übernahme: TI hatte vor einiger Zeit Chipcon gekauft und inzwi­schen in die eigene Firma integriert. Die quirligen Gründer von Chipcon aber ha­ben inzwischen mit Energy Micro einen neuen Start-up aufgebaut, der sich auf Energie sparende Controller und Funk­chips spezialisiert. Ist das ein Zeichen für Konsolidierung?

Ihr Heinz Arnold